Zeitung Heute : Ein Museum ist kein Mahnmal

BERNHARD SCHULZ

Wie ein zerbrochener Davidstern liegt das Gebäude da.Dem benachbarten Haus des früheren Berlin-Museums hält es seine Zinkblechhaut abweisend entgegen.Für diese Institution war der Neubau gedacht, der als Jüdisches Museum inzwischen weltweit gerühmt wird.Ursprünglich war nur von einer Jüdischen Abteilung innerhalb des Stadtmuseums die Rede.Doch die Architektur überholte das damalige Vorhaben.Schon am Rohbau wurde deutlich, daß da kein Haus für Lokalgeschichte entsteht.Der Entwurf von Daniel Libeskind wurde zum Inbegriff der Leerstelle, die die Vertreibung und Vernichtung der Juden in Deutschland und zumal in Berlin hinterlassen hat, und zum Symbol der notwendigen Erinnerung deutsch-jüdischer Geschichte, die im Holocaust ihren nie mehr zu tilgenden Angelpunkt erfahren hat.

Bereits das unvollendete Gebäude wirkte auf die Debatte um die Erinnerung der deutschen Vergangenheit.Denn das Verständnis der Gebäudeform als einem steingewordenen, geborstenen Davidstern - den wiederum die Nazis in dem perfiden "gelben Stern" zum Kainsmal der Ausstoßung machten - weist auf eine Möglichkeit, die in der Debatte um das Holocaust-Mahnmal verschiedentlich angesprochen wurde.Stellt nicht der Libeskind-Bau das geeignetere, das eigentliche Mahnmal dar?

Dagegen haben sich Architekt wie auch Mahnmals-Befürworter von Anfang an verwahrt.Gewiß, ein Museum ist kein Mahnmal, so wie ein Mahnmal nicht zugleich ein Museum sein kann, ohne beides zu verändern.Doch die Debatte um das Holocaust-Mahnmal hat als eine der wenigen Übereinstimmungen unter den Kontrahenten die Befürchtung zutage gefördert, das Mahnmal alleine könnte nicht verständlich genug sein - verständlich in einer Aussage, die von allen Besuchern geteilt werden soll, nicht nur heute, sondern auch in wachsendem zeitlichen Abstand von den historischen Ereignissen.Solche Verständlichkeit ist ein Grundanliegen der Institution Museum.Der jüngste Kompromißvorschlag des Bundeskulturbeauftragten Naumann, das Mahnmal mit einem Dokumentationszentrum zu verbinden, nimmt - wie zwitterhaft der architektonische Entwurf auch immer aussehen und bewertet werden mag - diese Befürchtung auf.Warum also nicht den Libeskind-Bau zum Mahnmal erklären?

Der fällige Einspruch rührt aus dem Charakter der Institution Museum.Das Mahnmal mit seiner Aufgabe, der Opfer des zentralen Verbrechens des NS-Regimes zu gedenken, unterscheidet sich von der didaktischen Aufgabe des Museums.Das Jüdische Museum wird nicht beschränkt sein auf das düsterste Kapitel deutscher und deutsch-jüdischer Geschichte.Zwar gibt das Gebäude des Museums mit seiner beeindruckenden Form einen Rahmen der Wahrnehmung vor.Gerade diese einmalige und unwiderholbare Formfindung für einen hochabstrakten Sachverhalt kannzeichnet den Geniestreich des Entwurfs.Ihm bleibt die historische Tatsache des Holocaust eingeschrieben, und niemanden wird die Erfahrung der Verstörung, ja des Ausgeliefertseins unberührt lassen, der dieses Haus je besuchen wird.

Darüber hinaus wird das Museum die über anderthalb Jahrtausende reichende Geschichte deutsch-jüdischen Lebens darstellen, das zugleich eine Gegenwart hat und in die Zukunft weist.Davon unterscheidet sich das erinnernde Gedenken.Das Museum ist kein Mahnmal - aber es bleibt uns Deutschen ohnehin vorgegeben, daß Gegenwart und Zukunft unauslöschlich unter der Erinnerung der Vergangenheit stehen.Zu ihr müssen wir immer wieder unser Verhältnis bestimmen.Die allererste Voraussetzung bleibt die Kenntnis der Geschichte.

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