Zeitung Heute : Ein Netz für alle Fälle

„Warum soll ich arbeiten gehen?“, fragt ein junger Türke in Wedding. Er lebt von Sozialhilfe. Das tun in diesem Viertel 20 Prozent der Ausländer. Aber Schmarotzer – das sind keineswegs alle. Auch die wirkliche Not wird immer größer. Und an die Alten hat sowieso keiner gedacht.

Dagmar Rosenfeld

Wenn Elke Harms aus ihrem Bürofenster im elften Stock blickt, ist es, als schaute sie auf eine Postkarte. Dicht an dicht stehen sie nebeneinander, der Fernsehturm am Alexanderplatz, das Brandenburger Tor, die Hochhäuser am Potsdamer Platz. Morgens hängt jetzt oft Nebel über den Hausdächern. Da hat jemand die ganze Stadt genommen und in einen Wattebausch gesteckt, denkt man, wenn man von dort oben aus dem Fenster schaut. So etwas kann man in Wedding nur denken, wenn man oben steht. Denn unten, auf der Straße, da ist Wedding das, was man einen sozialen Brennpunkt nennt: Die Arbeitslosenquote liegt bei 22 Prozent, die Menschen haben das zweitniedrigste Haushaltsnettoeinkommen in Berlin und mit 30 Prozent den höchsten Ausländeranteil. Alles Zahlen, die im Computer von Elke Harms im elften Stock gespeichert sind. Von hier oben verwaltet sie die Welt da unten. Sie ist für die Sozialplanung im Bezirksamt Mitte zuständig. Die Situation in Wedding ist „extrem“, sagt Harms. In kaum einem Berliner Kiez gibt es so viele Sozialhilfeempfänger. Vor allem Ausländer. Harms fasst Extreme gerne in Zahlen: Während in Wedding zehn Prozent der Deutschen Sozialhilfe bekommen, sind es bei den Ausländern doppelt so viele. Aber nicht nur in Wedding, sondern auch anderswo in Deutschland ist der Ausländeranteil unter den Sozialhilfeempfängern extrem: Gemessen an der jeweiligen Bevölkerungsgruppe, leben bundesweit dreimal so viele Ausländer von Sozialhilfe wie Deutsche.

Bekamen vor 20 Jahren in Deutschland noch 1,5 Prozent der ausländischen Bevölkerung Sozialhilfe, sind es jetzt schon über acht Prozent. Mittlerweile ist jeder fünfte Sozialhilfeempfänger ein Ausländer.

Wie kommt das? Haben die Menschen einfach nur ein paar Jahre gebraucht, um die Vorzüge des deutschen Sozialsystems zu entdecken? Das berühmte soziale Netz, das jeden auffangen soll und dabei für manchen auch zur bequemen Hängematte wird. Ausländische Sozialhilfeempfänger – sozial Benachteiligte, die auf staatliche Hilfe angewiesen sind? Oder Faulenzer, die auf Kosten des Staates leben?

„Schule ist uncool“

„Sozialhilfe ist jung“, hat Elke Harms gesagt. Sie meint damit, dass die größte Gruppe unter den Sozialhilfeempfängern die Unter-18-Jährigen sind. Geht man vom elften Stock des Neubaus rüber in den alten Rathausteil, wo die Sachbearbeiter des Sozialamts Wedding ihre Büros haben, dann sieht man auf den Fluren, dass Sozialhilfe nicht nur jung, sondern auch schwarzhaarig und dunkeläugig ist. Es sind fast nur Türken und Araber, die hier auf dem Gang stehen, die meisten von ihnen nicht älter als 25. Eine junge Frau mit Kopftuch schaukelt einen Kinderwagen, daneben haben sich ein paar Jungs in schwarzen Lederjacken um einen Aschenbecher versammelt. „Wofür soll ich arbeiten gehen, wenn ich genug Sozialhilfe kriege?“, fragt später ein junger Türke, draußen vor der Rathaustür. Es gebe ohnehin keine Arbeit, und wenn nur schlecht bezahlte. Fast ein Viertel der zwei Millionen Türken, die in Deutschland leben, sind arbeitslos. Viele gelten als schwer vermittelbar, weil sie keinen Beruf gelernt haben. Und immer mehr, die eine Ausbildung haben und etwas erreichen möchten, gehen – zurück in die Türkei. Bleiben also am Ende vor allem die hier, die nirgends eine Chance haben und es sich deswegen in der sozialen Hängematte gemütlich gemacht haben?

Mustafa ist 28. Auch er ist Klient beim Amt in Wedding. 350 Euro Sozialhilfe bekommt er monatlich, plus 50 Euro Wohngeld. Von den 350 Euro verdient er 100 Euro durch geringfügig bezahlte, gemeinnützige Arbeit, die ihm vom Sozialamt vermittelt worden ist. Mustafas Eltern sind Ende der 60er Jahre als Gastarbeiter nach Berlin gekommen. Sein Vater hat bei Siemens Gabelstapler gefahren, seine Mutter am Fließband gearbeitet. Mustafa ist in der Soldiner Straße in Wedding geboren und aufgewachsen. Sein prügelnder Vater ist zurück in die Türkei gegangen, als Mustafa noch ein kleiner Junge war. Er und seine drei Geschwister sind mit der Mutter in Deutschland geblieben. Deutschland, das ist für Mustafa die Soldiner Straße – Hinterhöfe mit Müllhügeln aus alten Kühlschränken, Fernsehern und Matratzen, eingeschlagene Fensterscheiben, zertrümmerte Wohnungstüren und Wohnblocks, in denen Russen, Araber, Vietnamesen, Polen leben, aber kaum Deutsche.

Als Mustafa zwölf ist, wird er ein „Black Panther“. So heißt eine der großen Jugendgangs in Wedding, die andere nennt sich „Streetfighters“. „Die waren unsere Feinde“, sagt Mustafa. In der Gang habe man sich gegenseitig beschützt. Zur Not auch mit dem Messer. In die Schule ist Mustafa kaum noch gegangen. „Schule war uncool“, sagt er. Die Coolen wie er, die haben mit geklauten Zigaretten gedealt oder Autos geknackt. Die haben sie dann auf einem alten Fabrikgelände zu Schrott gefahren.

Eigentlich wollte Mustafa Tänzer werden. Und weil Tänzer keine guten Schüler sein müssen, war es auch nicht schlimm, dass er nur einen miserablen Hauptschulabschluss hatte. Das mit dem Tanzen hat dann nicht geklappt, und er musste sich Arbeit suchen. Mustafa hat als Maschinenreiniger in einer Schlachterei angefangen – ein Job, für den man auch kein gutes Schulzeugnis braucht. Lange hat er das nicht durchgehalten. „Ich war Anfang 20, wollte Spaß haben und nicht malochen“, sagt er. Vom Arbeitslosengeld konnte er ganz gut leben. Ungefähr 800 Mark hat er damals bekommen, und wenn das Geld nicht reichte, hat er manchmal noch auf dem Bau gearbeitet – schwarz. „Das Gute am deutschen Sozialstaat ist, das niemand wirklich abrutscht“, sagt Mustafa. Das begreift offenbar auch jemand mit schlechten Schulnoten.

Mittlerweile lebt Mustafa also von der Sozialhilfe. Dabei würde er jetzt gerne arbeiten. Dann könnte er endlich ausziehen aus der Zwei-Zimmer-Wohnung, in der er mit seiner Mutter und seinem jüngsten Bruder lebt. Aber ein 28-Jähriger ohne Berufsausbildung ist kaum vermittelbar.

Mustafas Geschichte ist typisch für Migrantenkinder, die in Wedding, in Kreuzberg und Neukölln aufwachsen. Oder in Duisburg-Marxloh. Oder in Hamburg-Wilhelmsburg. Es gibt zwar keine Zwangsläufigkeit, dass ausländische Kinder, die in einem solchen Kiez aufwachsen, später auch zu einem Fall für die Sozialhilfe werden – aber doch eine hohe Wahrscheinlichkeit. „Die leben in Wedding doch so, als ob wir hier in der Türkei wären“, sagt Mustafa. „Parallelgesellschaft“ nennen Urbanistikforscher diese Entwicklung. „Zum gemütlichen Eck“ heißt die wohl letzte deutsche Kneipe in der Gegend um die Soldiner Straße. Im Fenster hängen Spitzengardinen, davor blinken bunte Weihnachtslichter. Sonst gibt es hier nur noch Teestuben. Drinnen sitzen Männer und spielen Karten. Jeder Zweite von ihnen hat sich seine Frau in der Türkei gesucht, eine Frau, die noch nicht vom Westen verdorben worden ist und die kein Deutsch spricht. „Die Kinder reden zu Hause Türkisch, auf der Straße reden sie Türkisch, und in der Glotze schalten sie auch nur auf türkische Sender“, sagt Mustafa.

Die dritte Generation der Einwanderer spricht schlechter Deutsch als ihre Großeltern, sagt auch Barbara John, Berlins langjährige Ausländerbeauftragte. Die Sprache aber ist Voraussetzung, um im deutschen Schulsystem und auf dem deutschen Arbeitsmarkt anzukommen. „Die Verlorenen“ nennt Mustafa die dritte Generation, „Bildungsverlierer“ nennt sie die Bertelsmann-Stiftung in einer Studie über Integration und Lebensqualität. In deutschen Großstädten hat jeder zehnte ausländische Jugendliche keinen Schulabschluss und damit kaum eine Chance auf einen Ausbildungsplatz – die zukünftigen Klienten der Sozialämter. Nicht weil die soziale Hängematte so bequem ist, sondern weil sie schon so tief reingerutscht sind, dass sie alleine nicht mehr rauskommen.

„Altersarmut gibt es nicht“

Ausländer zu sein, das bedeute mittlerweile in Deutschland allzu oft, auf Sozialhilfe angewiesen zu sein, sagt Elke Harms. Und damit meint sie nicht nur die Asylbewerber, die hier keine Arbeitserlaubnis bekommen, sondern die Zuwanderer generell. Denn es sind nicht nur die jungen Ausländer, die die Zahl der Sozialhilfeempfänger steigen lassen, sondern auch die Alten – die erste Generation der Gastarbeiter. Die Alten hat niemand auf der Rechnung gehabt, weil sie ja eigentlich gar nicht mehr hier sein sollten. Ein paar Jahre in Deutschland arbeiten und dann zurück in die Heimat, das war der Plan. Doch dann sind die Gastarbeiter geblieben, und jetzt werden sie in Deutschland alt und nicht in der Türkei. Die Renten, die sie bekommen, sind meist niedriger als die der Deutschen. Die durchschnittliche Rente eines Deutschen liegt bei etwa 730 Euro, die eines Türken bei rund 600. Weil Gastarbeiter weniger Jahre und geringere Beiträge in die Rentenkasse eingezahlt haben, wegen ihres niedrigen Einkommens. Viele der ausländischen Rentner erhalten deswegen Beihilfe vom Sozialamt. Altersarmut gibt es in Deutschland nicht mehr, hatten Politiker vor Jahren verkündet. An die ausländischen Rentner hatten sie da offenbar noch nicht gedacht.

Rukiye Gök war 27 Jahre alt, als sie mit ihrem Mann aus Südostanatolien nach Berlin gegangen ist. Um für fünf, vielleicht auch zehn Jahre hier zu arbeiten und dann wohlhabend in die Türkei zurückzugehen. Jetzt ist sie 59 und denkt überhaupt nicht mehr daran, Deutschland zu verlassen. Ihre Kinder und Enkelkinder leben in Berlin. Hier hat sie sich eingerichtet, hier fühlt sie sich zu Hause. Rukiye Gök ist seit sieben Jahren Rentnerin. Davor hat sie 25 Jahre lang gearbeitet, anstrengende, körperliche Arbeit. Zuerst in einem Landwirtschaftsbetrieb, im Sommer draußen auf den Feldern, im Winter im Gewächshaus. Später hat sie bei einer Reinigungsfirma angefangen, hat in Krankenhäusern und Schulen geputzt, meistens nachts. Irgendwann machte ihr Körper nicht mehr mit, Herzprobleme. Dann kamen Depressionen hinzu. „Eine Krankheit, die unter den Frauen der ersten Migrantengeneration weit verbreitet ist“, sagt eine Mitarbeiterin der Arbeiterwohlfahrt (Awo) in Kreuzberg, die türkische Senioren betreut. Die Frauen hätten hart gearbeitet, gleichzeitig ihre Kinder großgezogen, und das alles in einem fremden Land – das sei oft einfach zu viel gewesen. So wie es für Rukiye Görk zu viel war. Anfang 50 galt sie als erwerbsunfähig und wurde in den Ruhestand geschickt. Auch unter den türkischen Männern gebe es viel mehr Frührentner wegen Erwerbsunfähigkeit als unter den deutschen, sagt die Awo-Mitarbeiterin. „Die Männer sind gesundheitlich verschlissen, weil sie die schwere Arbeit gemacht haben, die die Deutschen nicht wollten.“

Rund 625000 Zuwanderer in Rente leben derzeit in Deutschland, das sind etwa neun Prozent der Rentner insgesamt. Sie sind die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe, 2010 werden es schon 1,3 Millionen sein. Und mit ihnen wird auch die Zahl der älteren Sozialhilfeempfänger weiter steigen.

Rukiye Gök bekommt jetzt rund 400 Euro Rente und noch einmal die gleiche Summe vom Sozialamt. Allein für ihre Wohnung im Seniorenwohnheim zahlt sie 375 Euro. Deswegen geht sie gerne ins Awo-Seniorencafé. Hier kostet ein Glas Tee nur 30 Cent, und hier trifft sie ihre türkischen Bekannten. Rentner wie sie, die ohne Sozialhilfe nicht genug Geld zum Leben hätten. Meistens spielt Görk Rommee. Beim Rommee hat sie auch ihren Freund kennen gelernt, einen 57-jährigen Türken. Er hat vor sechs Jahren seine Stelle als Maschinenführer in einer Textilfabrik verloren, Rationalisierung. Seitdem ist er arbeitslos. Er bekommt 550 Euro Arbeitslosenhilfe und hofft, mit 60 in Rente gehen zu dürfen – und dann ist auch er ein Fall fürs Sozialamt.

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