Zeitung Heute : Ein Neubeginn im Zentrum des Neuen

WALTHER STÜTZLE

Das Bündnis mit Amerika ist Europas Zukunft.Nach dem American Jewish Committee im Februar, kommt nun die American Academy zur Gründungskonferenz nach Berlin.VON WALTHER STÜTZLEBerlin hat Glück.Die überaus negativen Erfahrungen in diesem Jahrhundert mit dem von hier aus regierten Deutschland haben die Stadt nicht ihrer Zukunft beraubt.Amerikanische Adressen von Rang und Einfluß gehören zu den Investoren von Vertrauen.Im Februar schlug das American Jewish Committee seine Zelte am Potsdamer Platz auf.Lange vor anderen nahmen amerikanische Überlebende und Nachgeborene des Holocaust Wohnung nur einen Steinwurf entfernt von jenem Ort, an dem deutscher Größenwahn ihre Vernichtung geplant und organisiert hat.Nun, im März, ist es die American Academy, die mit der Gründungskonferenz ihre Ankunft in Berlin markiert.Ein Neubeginn im Zentrum des Neuen.In der ersten Hälfte des Jahrhunderts hat Deutschland zweimal die Welt zum Kampf um die Macht herausgefordert, Amerika zum Sprung nach Europa gezwungen und sich selbst beim Spiel mit dem Feuer gründlich verbrannt.Am Ende der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts aber darf als gesichert gelten, daß Amerika und Deutschland unzertrennliche Partner sind und bleiben müssen.Amerikas Weitsicht nach 1945 hat diese Entwicklung möglich gemacht.Ohne verläßliche Freunde hätte zumal Berlin die Zeitenwende nicht wohlbehalten erreicht.Wer diese glückliche Erfahrung zum festen Fundament einer gewiß nicht streitfreien, aber gemeinsamen Zukunft machen will, der muß es umsichtig pflegen.Die American Academy kann dabei eine gewichtige Rolle spielen.Die Fellows der Akademie gehören zur eher kleinen Kaste des intellektuellen Adels.Doch ihre Arbeit hat die transatlantische Sache zu befördern.Im Vordergrund der Aufmerksamkeit müssen die Zukunftsthemen stehen, nicht Esoterisches.Die Ergebnisse dürfen nicht auf Regalen für Fachliteratur verkümmern, sondern müssen in eine breite Öffentlichkeit transportiert werden.Anders als zu Zeiten der zusammenschweißenden Bedrohung durch einen hochgerüsteten Gegner verlangen jetzt die inneren Krankheiten der Demokratie konzentrierte Diagnose und differenzierte Therapie.Nicht Kriegsgefahr, sondern Arbeitslosigkeit und geschlossene Türen am Eingang zur Gesellschaft gefährden Freiheit und Demokratie.Wachstum ohne Arbeit heißt die Bedrohung.Dabei gilt es zu begreifen, daß artgleiche Herausforderungen unterschiedliche Antworten für Amerika und Deutschland nicht nur vertragen, sondern weithin auch gebieten.Das bewundernswerte Job-Wunder in den USA ist nicht einfach kopierbar.In Deutschland hat freiheitlich verfaßte Demokratie ohne sozial verpflichtete Marktwirtschaft keine Zukunft.Daraus zu schließen, "unser" System wäre besser als das amerikanische, führte so sehr in die Irre wie die umgekehrte Schlußfolgerung.Richtig ist, daß Therapien nicht nur zur Krankheit, sondern auch zum Patienten passen müssen.Die aber vertragen bei durchaus vergleichbaren Gebrechen unterschiedliche Arznei-Mixturen.Berlin hat Glück.In Zeiten des kalten Krieges war die Stadt Symbol und Nutznießer euro-atlantischer Sicherheit.Nun besteht die Chance, zurückzugeben.Vor allem den neuen Demokratien in Ost- und Mitteleuropa ist ein Dienst zu erweisen.Sie versuchen, Freiheit, Demokratie, Marktwirtschaft und Rechtsstaat in einem Moment zu begründen, da selbst die Mutterländer nur unzulänglich damit zu Rande kommen.Der Ideen-Wettbewerb um die besten Lösungen ist also vonnöten und eröffnet.Sich daran von Berlin aus zu beteiligen, wird jene transatlantische Klammer festigen, die erstmals in diesem Jahrhundert die Chance bietet, Amerika dauerhaft mit ganz Europa zu verbinden.Das Bündnis mit Amerika ist Europas Zukunft.

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