Zeitung Heute : Ein neues Zentrum der Künste

KURT SAGATZ

Eine Computermaus kennt heutzutage wohl jeder.Doch wie universell einsetzbar dieses Eingabegerät ist, dürften die wenigsten wissen.Bis zum letzten Jahr galt das auch für die Klasse von Burkhard Schmitz, der in der Berliner Hochschule der Künste den Lehrstuhl für interaktive Systeme innehat.Er gab seinen Studenten zu Beginn einer Semesterarbeit einige handelsübliche Mäuse und stellte sie vor die Aufgabe, die Bestandteile des Computerzubehörs in vollkommen neue Zusammenhänge zu stellen.Die Ergebnisse sind beeindruckend, darüber waren sich auch die Besucher des ersten Multimedia-Forums "Die Neuen Medien - Aufbruch in eine neue Kultur" einig, die die HdK zusammen mit der Bank 24 und einigen anderen Partnern wie "n-tv" oder der MediaGruppe München in der letzten Woche veranstaltet hatte.

Ein Beispiel: Beim Labyrinth-Spiel aus Holz besteht die Aufgabe darin, eine Holzkugel durch einen Irrgarten zu steuern, indem ein Brett in seinen beiden Ebenen so geschwenkt wird, daß die Kugel genau um die in der Fläche eingelassenen Löcher vorbeisteuert.In der HdK-Arbeit wurde nun aus dem Brett ein Monitor, dessen Bildschirm nach oben weist und auf dem eine Simulation des Labyrinth-Spiels läuft.Der Monitor ist so aufgehangen, daß das Bild wie beim hölzernen Vorbild in zwei Richtung gekippt werden kann, um die simulierte Kugel zum Ziel zu führen.Übersetzt werden diese Bewegungen vom Innenleben der Maus.Im Gegensatz zum Holzspiel erhöht sich bei der Computersimulation von Mal zu Mal überdies der Schwierigkeitsgrad, ein zusätzlicher Reiz der ungewohnten Anwendung.

Das Labyrinth-Spiel ist nur ein Beispiel für die außergewöhnliche Kreativität, mit der die Schmitz-Klasse die neuen Medien für neue Technikansätze nutzte.Ebenfalls sehr eindrucksvoll ist ein virtueller Röntgenapparat, ein drehbares Motorenmodell oder die Stadtplansimulation über einer zweidimensionalen Fläche.Allen gemeinsam ist nicht nur die Verwendung der Maus in einem völlig neuen Zusammenhang, sondern auch die Demonstration, wie mit den neuen Medien auch eine neue Ausdrucksform, eine neue Sprache der Kultur gefunden wurde, wie es der Schmitz-Kollege Joachim Sauter beim Multimedia-Forum auf einer Podiumsdiskussion ausdrückte.Daß diese Sprache auch von der Wirtschaft gehört wird, daß somit die Kunst der neuen Medien durchaus nicht brotlos ist, demonstrierte Sauter übrigens mit einer Arbeit, die er mit art+com für Mercedes-Benz mit der Simulation der virtuellen A-Klasse erstellt hatte, und die nun von Messe zu Messe das Publikum begeistert.Mit einem frei im Raum beweglichen Flachbildschirm kann dabei das neue Mercedes-Auto völlig ungehindert betrachtet werden, lassen sich Lacke und Bezüge auf einfachste Weise auswählen.

Die neuen Medien führen bei der HdK überdies nicht nur zu neuen Ausdrucksformen, sondern auch zu einem geänderten Selbstverständnis.Dieses drückt sich nicht zuletzt in der Kooperation mit der Bank 24 aus.Neben der gemeinsamen Veranstaltung der Multimedia-Foren werden die Partner, die übrigens auch vom Tagesspiegel unterstützt werden, im Herbst erstmals den Multimedia-Preis "Zero-One-Award" vergeben.Wichtigster Bestandteil der Kooperation dürfte jedoch die Einrichtung einer Lizenzprofessur am HdK-Institut für zeitbasierte Medien werden.Die Professur wurde auf fünf Jahr ausgeschrieben und der Hochschule liegen inzwischen 20 internationale Bewerbung vor.Eine Entscheidung soll im Frühsommer erfolgen, so daß die Professur zum Beginn des Wintersemesters starten kann, damit das Institut zu "einem neuen Zentrum innerhalb der HdK werden kann, daß auch auf alle anderen Fachrichtungen ausstrahlt", wie es HdK-Präsident Lothar Romain formulierte.

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