Zeitung Heute : Ein niederländischer Privatsender überträgt das tägliche Leben einer Testgruppe als "Reality-Soap"

"Big Brother is watching you" - was George Orwell in seinem Roman "1984" noch als Schreckensvision für die Zukunft vorstellte, wird von einem niederländischen Fernsehkanal wahr gemacht: Unter dem programmatischen Titel "Big Brother" gewährt der Privatsender Veronica allabendlich zur Hauptsendezeit ungeniert Einblicke in das Zusammenleben einer Gruppe von Menschen zwischen 20 und 44 Jahren. Sie haben sich freiwillig bereit erklärt, die letzten einhundert Tage bis zum Jahr 2000 abgeschlossen von der Außenwelt in einem Haus zu leben, das samt Garten mit Kameras und Mikrofonen gespickt ist. Jede ihrer Bewegungen wird beobachtet. Die Produzenten stellen daraus jeden Tag eine 25-minütige "Reality-Soap" für die Bildschirme voyeuristischer Niederländer her.

Wem der allabendliche Einblick nicht reicht, der kann auch über Internet ( www.big-brother.nl ) rund um die Uhr das fremde Leben verfolgen. Die Web-Seite der Sendung ist binnen weniger Tage zur Meistbesuchten der Niederlande aufgestiegen. Am Anfang der ungewöhnlichen Aktion stand eine kleine Zeitungsannonce mit folgendem Text: "100 Tage ohne Intimität. Kein Kontakt mit der Außenwelt. Kameras überall und eine Belohnung von 250 000 Gulden (rund 223 000 Mark). Sind Sie bereit, diese Herausforderung anzunehmen?"

Auf die Anzeige meldeten sich 2500 Bewerber, teilweise mit ungewöhnlicher Motivation: So wollte etwa die 40-jährige Karin sehen, wie ihr Mann und ihre vier Kinder 100 Tage ohne sie zurecht kämen. Karin wurde ausgewählt, zusammen mit drei anderen Frauen und fünf Männern. Dem Voyeurismus der Zuschauer sind bei "Big Brother" Grenzen gesetzt. Männer und Frauen übernachten in getrennten Schlafsälen, und die gewagtesten Bilder waren bislang Nacktaufnahmen in Rückenansicht oder Entkleidungsszenen, die bei der Unterwäsche aufhörten.

Nach Angaben der Produzenten von "Endemol Productions" wurde die Kandidatenauswahl auf der Grundlage eines Gutachtens von vier "angesehenen" Psychologen getroffen. Auch steht für die Teilnehmer rund um die Uhr medizinische und psychologische Betreuung bereit. Dennoch stößt das Experiment bei manchen Psychologen auf herbe Kritik. Der Vorsitzende des Instituts der niederländischen Psychologen (NIP), Henk van der Molen, spricht von einer "möglicherweise gefährlichen Situation". Die Gruppendynamik und der komplette Mangel an Privatsphäre könne bei den Teilnehmern zu Persönlichkeitsstörungen führen. Der soziale Druck, der mit dieser Aktion entstehe, sei "unverantwortlich".

Die Belohnung soll am 31. Dezember derjenige Teilnehmer bekommen, der am längsten durchhält.

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