Zeitung Heute : Ein Ort, der Geschichte schrieb

Soweto wurde 1904 gegründet – berühmt wurde es durch den Schüleraufstand von 1976

Wolfgang Drechsler

„Egal, ob dein Herz bei dem Namen Soweto vor Freude springt oder sich vor oder aus Angst zusammenzieht – der Ort hat wie kaum ein anderer die Geschichte unseres Landes geprägt“ sagt Joe Thloloe, der in dem Township vor mehr als 60 Jahren geboren wurde und heute Nachrichtenchef beim Fernsehsender e-tv ist. „Wer Soweto nicht gesehen hat“, ist Thloloe überzeugt, „wird dieses Land nie ganz verstehen“.

In der Tat sind der Industriemoloch Johannesburg und seine im Südwesten gelegene Satellitenstadt ein Mikrokosmos von Südafrika - und so etwas wie siamesische Zwillinge. Keiner kann ohne den anderen. Schon ihre Entstehung verdeutlicht dies: Bis zur Entdeckung der ersten Goldadern im Jahre 1886 war das sonnenverbrannte Highveld so gut wie menschenleer. Doch schon ein Jahrzehnt später, an der Schwelle vom 19. ins 20. Jahrhundert, schufteten in den Goldminen von Johannesburg über 100 000 Schwarze, zumeist Zulu, die sich hier als Wanderarbeiter verdingten.

Um ihre Unterbringung kümmerten sich die goldgierigen Spekulanten genauso wenig wie die Stadtverwaltung. Für gewöhnlich hausten die Schwarzen einfach irgendwo unter Planen und Planken – bis 1904 plötzlich die Beulenpest ausbrach. Notgedrungen nahmen sich die Behörden nun der schwarzen Arbeiter an. Ihre Elendsquartiere wurden abgerissen oder niedergebrannt und im Gebiet der Abwasseranlagen von Klipspruit, 25 Kilometer von den Siedlungen der Weißen entfernt, behelfsmäßig neu aufgebaut.

Obwohl Soweto seinen heutigen Namen erst 1963 erhielt, gilt das Jahr 1904 als sein offizielles Gründungsdatum. Erst letztes Jahr feierte der schwarze Vorort sein 100-jähriges Jubiläum. Und obwohl es um Johannesburg herum ein paar ältere Townships wie etwa Alexandra gibt, hat der Name Soweto einen anderen, international bekannten Klang. Grund dafür ist der 16. Juni 1976 – der Tag des Schüleraufstandes, der zu einem Einschnitt in der südafrikanischen Geschichte wurde.

Der zündende Funke für den Aufstand, der sich von Soweto rasch über das Land ausbreitete, war die Überreaktion der Polizei auf eine Demonstration schwarzer Oberschüler, die damit gegen die Einführung von Afrikaans als Unterrichtssprache protestieren wollten. 575 Tote und 2389 Verletzte verzeichnete vier Jahre später der Bericht einer staatlichen Untersuchungskommission. Die damals entstandene Dynamik trug dennoch ihren Teil dazu bei, dass der interne Widerstand am Kap neu belebt wurde und es 1994 zu den ersten freien Wahlen kam.

Zum Sinnbild des Anti-Apartheid- Kampfes wurde an jenem Tag der Schüler Hector Petersen, der auf dem Heimweg von der Schule von Polizisten erschossen wurde. Das Bild seines schlaffen Körpers, der von einem verzweifelten älteren Jugendlichen davongetragen wird, ging um die Welt und warf mit einem Mal ein Schlaglicht auf die Brutalität des Systems der Rassentrennung. Zur Erinnerung an Petersen wurde in dem Stadtteil Orlando West ein Heldendenkmal errichtet. Für Schulklassen und Touristen, die hierher pilgern, ist dies alles aber nur noch Geschichte. Der „struggle“, der Widerstandskampf, ist längst vorbei, etwas von dem andere erzählen. Bei einer Umfrage vor zwei Jahren wusste über die Hälfte der befragten schwarzen Teenager nicht mehr, was im Juni 1976 in Soweto eigentlich geschah. Die Erinnerung an die Apartheid verblasst zusehends.

Heute ruht die Vergangenheit in Südafrikas größtem Township. Vorbei sind auch die Zeiten, als hier zwischen den verfeindeten Schwarzengruppen des (heute regierenden) ANC und der Zuluparei Inkatha eine Art Bürgerkrieg tobte, dem in den achtziger Jahren fast 20 000 Menschen zum Opfer fielen. Die unsichtbare Demarkationslinie von damals, deren unabsichtliches Übertreten auch Unbeteiligte mit dem Tod bezahlten, existiert nicht mehr.

Noch heute sind Besucher angesichts der Dimension des Townships verblüfft, wie viele einfache weiße Südafrikaner damals an eine heile Welt glaubten. Der amerikanische Satiriker PJ O´Rourke beschrieb 1988 in seinem Buch „Highway to hell“ eine Fahrt nach Soweto: Nach ein paar Tagen bei einer gastfreundlichen Familie in einem weißen Vorort kommt der Autor zu dem Schluss, dass viele Weiße auch nur das Vorhandensein Schwarzer in ihrem Land leugnen. O´Rourke versucht mehrfach nach Soweto zu fahren, um in die schwarze Welt vorzudringen. Zunächst erfolglos. „Soweto ist eine Stadt mit mehr als zwei Millionen Einwohnern, doch als ich auf meine Straßenkarten guckte, war sie nirgends verzeichnet“, schreibt er. Als es ihm schließlich - illegal - gelingt, Soweto zu besuchen, ist der Schriftsteller über die Normalität dort fast ein wenig enttäuscht.

Heute ist das nicht viel anders. Und dennoch bietet Soweto alles, wonach der Besucher sucht: bitterste Armut, eine vergleichsweise breite schwarze Mittelklasse und auch schwarze Millionäre – „mehr als im ganzen übrigen Schwarzafrika“, wie die (schwarzen) Fremdenführer mit kaum verstecktem Stolz erklären. Und es hat das größte Krankenhaus in Afrika – womöglich sogar der Welt.

Erschöpft aber auch erleichtert rollen die Besucher nach einem Tag im Township schließlich zurück in die weiße Welt von Johannesburg. Die meisten erfahren viel, aber oft doch nicht genug von dem Abstecher in eine für sie so völlig andere Welt. Vielleicht ist es das, worauf der Begleittext in einem der frühen Soweto-Bildbände von Peter Magubane mit diesem Satz anspielt: „Ein Weißer kann die verborgensten Winkel von Soweto kennen… und nach jeder Nuance Ausschau gehalten haben, die ihm vielleicht auf die richtige Spur verhilft. Aber am Ende seines Besuches bleibt ihm doch immer diese eine quälende Frage: Wie ist es wirklich, schwarz zu sein und in Soweto zu leben?“

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