Zeitung Heute : …ein Patentrezept scheitert

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Wenn wir hier mal ein gutes Wort für das Bordell an sich einlegen dürften? Die Leute geben sich nämlich wirklich Mühe, also was die Äußerlichkeiten angeht. „Strapsmaus Katja, 3.Etage bei Bollwitz, drei Mal klingeln“– das ist ja nur die Schattenseite eines Gewerbes, das sich immer offensiver in die Öffentlichkeit begibt und dabei vor hohen, ja höchsten Symbolen nicht zurückschreckt. Manche gehen einen Schritt zu weit, wie die Besitzerin eines Bordells in Halle, die kürzlich eine Flagge vom Reichstag ersteigerte und vor ihrem Haus lustig im Wind flattern ließ. Denn das verheerende Echo zeigte: Deutschland ist für diesen exzentrischen Umgang mit seiner symbolischen Substanz noch nicht locker genug.

Der nächste Versuch, ein wenig kulturellen Glanz auf die sonst im Schatten gedeihende Branche zu lenken, sah auf den ersten Blick erfolgreicher aus. Eine Dresdner Prostituierte habe sich, so hieß es jetzt, die Rechte für die beiden pausbäckigen Engel gesichert, die zu Raffaels „Sixtinischer Madonna“ gehören – immerhin nicht die Madonna selbst, was von Augenmaß und Geschmack zeugt. Die „Bild“Zeitung, stets investigativ im Gewerbe tätig, war von diesem Coup dennoch so begeistert, dass sie ihn im Abstand von zwei Wochen gleich zwei Mal entdeckte. Da wurde dann, so vermuten wir, einigen Engelbesitzern flau ums Herz. Würde nun demnächst eine nicht unbedingt seriöse, womöglich auch noch heftig sächselnde Frau weltweit sämtliche Raffael-Engel abkassieren gehen, eventuell auch jene, die sich über den Köpfen der Gäste im Berliner Edel-Restaurant Lorenz Adlon zwischen Lautsprechern, Rauchmeldern und Halogenlampen herumtreiben?

Halt! Nein! Laufen Sie jetzt bitte nicht los, um sich ihren bunten Lieblings-Picasso oder den Van Gogh mit dem abgeschnittenen Ohr patentieren zu lassen! Die oberschlaue Sächsin hat sich nur eine „Wort-Bild-Marke“ mit einem der beiden Engel schützen lassen, zu der zwingend auch der Schriftzug „Der blaue Engel“ gehört. Wer braucht das?

Die „Bild“ wollte sich dieses Detail wohl für die dritte Exklusivgeschichte zum selben Thema aufheben. Wir aber müssen nach Aktenlage argwöhnen, dass auch dieser Versuch, das Gewerbe aufzuwerten, gescheitert ist. Hier wäre ein weiteres Patentrezept: Dürers berühmter Hase in Verbindung mit dem Schriftzug „Der schwarze Rammler“. Nein? Ach. Besser ist wohl, unsere Bordelle bleiben weiter im Dunkeln. bm

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