Zeitung Heute : Ein Platz an der Sonne

Internetutopisten wollen auf einer Fidschi-Insel die ideale Gesellschaft errichten – bisher ganz erfolgreich

Steffen Kraft[Vorovoro/Fidschi]

Das Paradies wird beben. Draußen, vor den Hütten, schwingen zwei Schwarze einen Eisenstößel in die Luft, er ist so lang wie das Bein eines Mannes. Der Himmel hängt niedrig in der Südsee; als könnte der Mensch hier das Firmament durchstechen oder bei Bedarf die Sterne auf die Erde holen. Die Luft ist voller Zirpen und schwer von Feuchtigkeit – in den Abendstunden trocknet die Haut hier nie.

Immer, wenn der Stößel in den hohlen Baumstumpf trifft, flieht ein feiner Staub in die Dämmerung. Das Dorf ist klein, drei strohbedeckte Hütten bloß und ein paar Schuppen mit Wellblechdächern. Einen Steinwurf nördlich plätschert der Pazifik, als wäre er ein Tümpel, und von Süden her schmiegt sich der Dschungel an die Häuser. Manchmal entweicht aus den Blättern ein Schatten, flattert empor und verschwindet wieder schnell im Dickicht. Es gibt keinen Grund, nervös zu sein; es ist der Beginn einer neuen Zeit.

In einer Hütte wartet Micki Bradshaw und massiert sich die Füße. Sie hat sich an den Schneidersitz noch nicht gewöhnt. „Meine Herrschaft wird eine Ära des Lichts sein“, hatte die Frau im Internet geschrieben und ein Foto von sich mit blonder Dauerwelle dazugestellt. Die Stammesmitglieder hat es überzeugt. Nun sitzt Micki Bradshaw – 41, Altenhelferin, Bürgerin der USA – im Schein einer Gaslampe auf einer geflochtenen Matte und wartet auf ihre Krönung.

Bald wird sie die Herrscherin von Vorovoro sein, einer winzigen Fidschi-Insel im Südpazifik. Hier entsteht seit September 2006 ein ökologisches Dorf, gebaut nach den Maßgaben der Mitglieder der Internetseite www.tribewanted.com. Es ist ein soziales Experiment, eine Internetdemokratie, die den Schritt ins echte Leben gewagt hat: Welche Häuser auf der Insel gebaut, welches Gemüse gepflanzt werden soll, wer in den folgenden Monaten Häuptling wird – alles wird im Netz diskutiert und verbindlich abgestimmt. Jedes der fast 1200 Mitglieder von Tribewanted kann eine Zeit lang auf die Insel kommen, um dort zu leben und die Entschlüsse umzusetzen.

Die Männer haben ihre Stampfarbeit beendet, das Pulver aus dem Baumstumpf in ein Tuch geschüttet und den Stoff zu einem Säckchen verknotet. Es ist Staub von Wurzeln der Kava- Pflanze, der Grundstoff des Ehrentranks für die neue Herrscherin. Deren Dauerwelle ist inzwischen fast herausgewachsen, auch ihr Blond gibt langsam nach, nur die Haut ist immer noch so weiß wie auf dem Foto im Internet.

Micki Bradshaw sitzt in einem Kreis mit etwa 20 ihrer Untertanen. Viele von ihnen sind gezeichnet. Sie tragen die Male der Weltenbummler: blaue, zum Rand hin verblassende Flecken, Blutgerinnsel, wie sie bei Langstreckenflügen entstehen, wenn man sich im Sitz zu wenig bewegt. Viele sind aus den USA gekommen, die meisten aus Europa. Sie kennen sich nicht persönlich, aber sie teilen einen Traum.

Es ist der Menschheitstraum von einer perfekten Gesellschaft, einem Platz an der Sonne, einer Insel, auf der jeder leben kann, wie er will, im Einklang mit sich, seiner Umwelt und den Mitmenschen. Es ist der Traum von Utopia – oder zumindest der vom Urlaub ohne schlechtes Gewissen. Er hat sie bis ans Ende der Welt getrieben.

Jeder im Kreis hat mindestens 180 britische Pfund gezahlt, etwa 265 Euro. Für diesen Preis bekommen Mitglieder des Internetstamms ein Jahr lang das Wahlrecht auf der Webseite sowie eine Woche freie Kost und Logis auf Vorovoro – der Flug nach Fidschi kommt noch hinzu. Wer länger mitbestimmen oder auf der Insel bleiben will, kann das Vielfache des Preises zahlen und erhält mit jeder zusätzlichen Woche Aufenthalt ein Jahr länger Stimmrecht. Bis September 2009 haben die Internetutopisten die Insel von einem einheimischen Stamm gepachtet. Danach endet das Projekt, und Vorovoro fällt mitsamt aller dort entstandenen Bauten an die Ureinwohner zurück.

Die Männer mit dem Kava-Säckchen sind in die Mitte des Kreises gegangen, haben sich hingesetzt und durchwalken das Säckchen nun mit Wasser. Das braune Gemisch plätschert in eine Schüssel auf vier Beinen. Ein Mann füllt eine halbe Kokosnussschale, hebt sie gen Himmel und geht vor Micki Bradshaw in die Knie. Sie klatscht einmal mit hohlen Händen, das Zeichen, dass sie das Häuptlingsamt annimmt. Der Trunk schmeckt etwas bitter und hinterlässt die Zunge leicht betäubt. „Mara!“, rufen die Männer, es ist der Ruf einer Bestätigung. Dann ist die Frau nicht mehr länger Micki Bradshaw. Für die kommenden vier Wochen – so lange dauert eine Wahlperiode – ist sie „Adi Micki“, die Gebieterin von Vorovoro.

Ihre Bürde ist nicht klein. Die Mitglieder des Internetstamms sind nicht die Ersten, die den Traum von Utopia träumen, aber sie wären die Ersten, die ihn wahr machten. Kommunisten, Hippies und Leonardo DiCaprio sind an ihm gescheitert. Im Film „The Beach“ sucht DiCaprio als Rucksacktourist die perfekte Lebensform. Die Kommune, die er auf einer abgelegenen Insel findet, erscheint vollkommen – bis die Aussteiger anfangen, ihr Paradies grausam gegen Eindringlinge zu verteidigen.

Micki Bradshaws Paradies erscheint am Morgen in gleißendem Licht. Es ist ein grünes Band von 80 Hektar, vielleicht einen halben Kilometer Meter lang, an den meisten Stellen weniger als ein Drittel so breit: ein Dschungel aus Kokospalmen, Farn, Bananenstauden. Das Dorf des Internetstammes liegt am Nordstrand, hier branden die Ozeanwellen nur sanft an.

In der Dorfmitte thront eine mit Palmstroh gedeckte Fidschi-Hütte, eine sogenannte Bure. Daneben stehen ein Baumhaus, die Hütte für den Häuptling, Schlafschuppen, Gerätelager sowie drei Plumpsklos, zwei Eimerduschen und eine Küche. In ihr bereiten zwei Frauen von der Nachbarinsel jeden Tag fünf Mahlzeiten. Zum Frühstück läuten sie um 7 Uhr 30. Wer ins Paradies will, muss früh raus. Aber länger kann auf den Isomatten in den offenen Hütten sowieso kaum jemand schlafen. Die Sonne brennt seit einer halben Stunde.

Die Bewohner sind noch etwas dösig. Einige halten sich an den Nescafé-Tassen vom Frühstück fest, Häuptling Micki füllt ihre Wasserflasche auf, und Ryan Garcia inspiziert seine Harpune. Der 23 Jahre alte Amerikaner wird im Herbst ein Jurastudium beginnen, doch auf Vorovoro arbeitet er als Fischer. Sein Körper ist ein Monument der Gesundheit. Selbst wenn er sich ganz entspannt, wirkt seine Brust wie aufgepumpt. Bei Tauchzügen kann er darin Luft für drei Minuten speichern.

„Hier leben die Menschen, wie es vor 100 Jahren auf Hawaii noch war: gemeinsam und mit der Natur, nicht gegen sie“, sagt Ryan. Wie viele der Stammesmitglieder sucht er auf Vorovoro nach einem Leben, das westliche Gesellschaften in seinen Augen lange verloren haben. Heute will Ryan Garcia zusammen mit dem einheimischen Bootsmann hinausfahren, aufs Meer jenseits des Riffs, und dort nach dem Abendessen jagen. Am Nachmittag wird er mit ein paar anderen eine Schaukel aus Bambus bauen. Vielleicht, sagt er, stelle er sich ja für den Posten des Juni-Häuptlings zur Wahl. Dann könne er noch einmal wiederkommen.

„Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“, beschrieb Karl Marx die ideale Gesellschaft. Auf Vorovoro soll sie jedem offen stehen. Der Durchsatz an Besuchern ist hoch. Das ist gewollt, eine Wagenburgmentalität wie in „The Beach“ soll gar nicht erst aufkommen. Konflikte um den richtigen Kurs will Tribewanted in die körperlosen Besprechungen der Internetforen verlegen. „Wenn die Leute auf der Insel ankommen, sind die Debatten schon ausgestanden“, sagt Häuptling Micki. Die Idee: Damit sich die Menschen am Strand nicht darüber zanken, wie man des Toilettengestanks Herr wird, tauschen im Netz Menschen aus aller Welt Argumente über Kompostsysteme aus.

Im Urwald hinter dem Dorf kneift Ben Keene die Augen zusammen. Auf den Fidschi-Inseln gilt eine aufgesetzte Sonnenbrille bei der Begegnung mit einem Fremden als Beleidigung. Der 26 Jahre alte Brite erinnert an einen Surfer: Stoppelfrisur, gebräunte Haut, Sommersprossen. Keene ist Gründer und Geschäftsführer von Tribewanted Limited, der Firma, die das Vorovoro-Projekt betreibt. Im Moment sucht er nach dem Empfangssignal für sein Handy. Die Verbindung mit den weltweiten Datenströmen ist auf Vorovoro nur über das Mobilfunknetz möglich. Irgendwo im Gestrüpp muss ein kleines weißes Schild liegen, auf dem in roten Buchstaben geschrieben steht: „Phone Booth“ – Telefonzelle. Es markiert den Ort mit dem besten Mobilfunkempfang auf der Insel, den Verbindungspunkt zur digitalen Welt.

Vor einiger Zeit hat der Stamm bei einer Online-Abstimmung entschieden, für die trockenen Monate Mai bis September einen Regenspeicher zu bauen. Daher schleppen nun einige Fidschianer Sandsäcke auf eine Anhöhe hinter dem Dorf. Dort werden sie ihn zu Zement vermischen und damit die Wände eines Regentanks mauern, wie er häufig auf den Fidschi-Inseln zu finden sind. „Wir wollen unseren ökologischen Fußabdruck auf der Insel so klein wie möglich halten“, sagt Ben Keene und stapft den Arbeitern hinterher, vorbei an den Mülltonnen für Essensreste, Glas und Folien.

Im Internet bezeichnet sich der Stamm selbst als „Grüner Traum“, und auch auf den zweiten Blick scheint das mehr zu sein als bloß ein Slogan: Stromanschlüsse gibt es noch keine auf der Insel, und das benötigte Wasser fällt vom Himmel. Wissenschaftler vom University College London haben für den Internetstamm einen Nachhaltigkeitsplan aufgestellt. Er gibt Empfehlungen für ein möglichst verträgliches Inselleben: etwa, dass der Stamm auf der Insel Bohnen anbauen kann oder wohin der Müll gehen soll.

In dem Plan steht auch, dass alle Ökomühen wieder zunichte gemacht werden, wenn die Stammesmitglieder für die Flüge nach Vorovoro keine Klimazertifikate kaufen. Bei einem Flug aus Deutschland etwa werden pro Passagier fast sechsmal mehr Klimagase ausgestoßen, als der durchschnittliche Fahrer eines VW Golf im Jahr verfährt. Ob die Ökotouristen allerdings die rund 250 Euro extra für den Klimaausgleich auch wirklich bezahlen, kontrolliert Tribewanted nicht.

Mitglieder, die auf die Insel kommen, landen auf dem Flughafen von Labasa, werden von einem Tribewanted-Gesandten abgeholt und dann mit einem stammeseigenen Boot in 30 Minuten an den Strand von Vorovoro gebracht. Dort treffen sie zum Beispiel Stephen Clarke, einen Berg aus Fleisch, der sich eine Hängematte unter den Palmen gesichert hat. Normalerweise repariert der 39-Jährige Klimaanlagen auf Hochsee-Ölplattformen. „Ich gebe zu, nicht gerade die umweltfreundlichste aller Industrien“, sagt er. Bevor er mit seinem achtjährigen Sohn anreiste, glaubte er, auf der Insel viel für den Aufbau leisten zu müssen. Jetzt genießt er, dass zwar jeder beim Säckeschleppen helfen kann, aber nicht muss.

Für alles, was die Leute von Tribewanted nicht selbst leisten, stellen sie Angehörige des einheimischen Stamms der Mali an. Auf der Inselgruppe, zu der auch Vorovoro gehört, leben etwa 300 Menschen. Tribewanted zahlt ihnen für die drei Jahre dauernde Pacht 120 000 Fidschi-Dollar, etwas mehr als 55 000 Euro. Teil des Deals: Werden Angestellte benötigt, rekrutiert sie der gewählte Häuptling aus dem Mali-Clan heraus.

Am Wassertank beispielsweise arbeitet Savenaca Matanawa mit. Er hat Architektur studiert, aber keine Arbeit gefunden. So baut er nun bei Tribewanted mit. Er sagt: „Die Weißen hier versuchen, das Leben der Ureinwohner nachzumachen.“ Das sei als Symbol nicht zu unterschätzen. Immerhin seien die Fidschi-Inseln eine britische Kolonie gewesen. „Bisher haben uns die Weißen ihre Kultur aufgedrängt, und nun gibt es ein Projekt, das sagt: Ihr und eure Kultur seid etwas wert.“

Dieser Wert soll sich nach Willen der Internetaktivisten auch an den Gehältern ablesen lassen. 100 Fidschi-Dollar, gut 45 Euro, erhält ein einheimischer Arbeiter bei Tribewanted pro Woche – die Sägemühle und die Zuckerraffinerie, die größten Arbeitgeber in der Nähe, zahlen nicht mehr als 70 Fidschi-Dollar.

Ganz friedlich blieb es um das Projekt trotzdem nicht. Schon bald nachdem Tribewanted online gegangen war, kamen im Netz Gerüchte auf: die Insel gebe es gar nicht, die Gründer wollten lediglich gutgläubige Idealisten abzocken. Die Anmeldezahlen fielen, Ben Keenes Partner zog sich zurück. Doch im Netz schwieg Keene zu den Vorwürfen. Er wollte die Gerüchte nicht noch mehr anheizen.

Am 5. Dezember 2006 dann zwang Fidschis Militär-Oberbefehlshaber den Premierminister zum Rücktritt. Der Putsch blieb unblutig, doch für Tribewanted war er beinahe der Todesstoß: Einen Monat lang meldete sich kein einziges neues Mitglied an, der Geldfluss drohte zu versiegen. „Inzwischen ziehen die Anmeldungen wieder an, wenn auch langsam“, sagt Keene. Er hofft, dass das Projekt nicht gerade daran scheitert, dass es keine Massen anzieht. Denn genau das soll die Stärke von Tribewanted sein. In der Nähe der Touristenressorts im Süden Fidschis dürfen Einheimische oft nicht einmal die Strände betreten. Auf Vorovoro hingegen kann der Mali-Clan die Mitglieder der Internetgemeinschaft zu Kava-Runden einladen und die Weißen zu den Dorffeiern mitnehmen. Auch die Willkommenszeremonie für den neu gewählten Häuptling werden die Fidschianer im kommenden Monat wieder ausrichten.

Dann wird der Eisenstößel erneut gen Himmel schwingen, den hohlen Baumstamm treffen und den großen Traum von einem kleinen Dorf zum Beben bringen. Der Pazifik wird plätschern, und im Innern der Haupthütte werden Menschen in einem Kreis sitzen. Die Fidschianer werden die Schale mit dem Kava-Sud dem neuen Häuptling reichen. Es wird ein feierlicher Moment sein, und in diesem Moment werden ein paar Menschen sich fühlen, als wären sie in den Garten Eden zurückgekehrt.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar