Zeitung Heute : Ein Präsident als Opfer seiner selbst

ROBERT VON RIMSCHA

In Kalifornien wurde jüngst ein Englisch-Professor von seinem College gefeuert, weil er ein Seminarpapier mit dem Titel "Definition von Pornographie" in Auftrag gegeben hatte.Ebenfalls in den USA verlor ein Büroangestellter seinen Arbeitsplatz, weil er einer Kollegin einen Witz aus der Fernsehserie "Seinfeld" weitererzählte.Beide Männer stolperten über eine auf absurde Weise übersteigerte Sensibilität gegenüber sexueller Belästigung.Daß Amerika auf diesem Feld maßlos übertreiben kann, ist fraglos richtig.Dies muß vorausgeschickt werden, ehe man derzeit über Bill Clinton spricht.Denn der Präsident ist kein Opfer hysterischer politischer Korrektheit.Er ist nur sein eigenes.Amerikas Maßstäbe mag man mögen oder nicht.Doch in keinem Unternehmen, an keinem Fließband, in keinem Büro behält in den USA ein über 50jähriger Boß seinen Job, wenn er zuläßt, daß es am Arbeitsplatz zu einer anderthalbjährigen sexuellen Beziehung mit einer 21jährigen Praktikantin am anderen Ende der Hierarchie kommt.Nach Amerikas selbstgewähltem Anspruch wäre schon dies genug.Der Präsident muß moralisch kein leuchtendes Beispiel sein, Durchschnittsmaßstäbe sollte er jedoch an sich anlegen lassen.

Das Lügen unter Eid kommt hinzu.Zugegeben hat Clinton es nicht, als in einem politischen Sinne überführt muß er indes gelten.Für den Akt und ein wenig auch für die Vertuschung hat Clinton sich am Montag beim amerikanischen Volk entschuldigt.Reicht das? Kann der unselige Lewinsky-Skandal jetzt endlich zu den Akten gelegt werden? Leider nicht.Bill Clinton ist ein Mann ohne Rückgrat.Er spricht die Wahrheit stets nur dann, wenn er mit dem Rücken zur Wand steht.Er hat dutzende Freunde und Berater, seine Familie und sein Volk ein gutes halbes Jahr lang betrogen.Er hat Glaubwürdigere, als er selbst einer ist, an die Verteidigungsfront geschickt.Das Bekenntnis vom Montag kam zu spät.Und, wie immer bei Clinton, war es ein Teilgeständnis in auswegloser Situation.Es gibt leider keinen Anhaltspunkt dafür, daß dieses erschreckende Maß an Unsicherheit sich nur in Bill Clintons Privatsphäre auswirkt.Amerika muß seit Montag mit einem überführten Lügner im Weißen Haus leben.

Normalerweise wird in einer solchen Situation gefragt: Ist er noch zu halten? Bill Clinton sollte die Frage andersherum stellen.Was ist am besten für Amerika? Im Kongreß weigern sich ranghohe Demokraten reihenweise, der Clinton-Parole zu folgen, jetzt sei das reinigende Gewitter vorbei, man möge zurück zur Tagesordnung kehren.Der letzte Rest von Clintons Glaubwürdigkeit und damit auch seine Fähigkeit, politische Vorhaben effektiv anzuschieben, sind verloren.Wenn Bill Clinton Amerika weiteren Schaden ersparen will, tritt er zurück.Der Lewinsky-Skandal ist ein unwürdiges Spektakel, doch die peinlichste Würdelosigkeit inmitten dieses Zirkuses ist Clintons eigene.Er hat dem Amt, das er von der Geschichte geborgt hat, geschadet, er hat es mit Schmach, Scham und Schande belastet.

Gegen einen Rücktritt Clintons wird mit der Begründung argumentiert, dies wäre eine Mißachtung des Wählerwillens.Al Gore ist jedoch politisch ein Klon Bill Clintons.Wer berechtigterweise ins Feld führt, Amerika habe sich in zwei Wahlen - jeweils mit Mehrheiten unter 50 Prozent der gültigen Stimmen - für Clintons Programmatik entschieden, könnte unter Präsident Gore gut weiterleben.Daß Clinton tatsächlich abtritt, ist indes unwahrscheinlich.Der nun wahrhaft gelähmte Präsident vertraut auf nichts mehr als auf seine Fähigkeit, Probleme auszusitzen; den Begriff der Niederlage hat er nicht im Vokabular.

"Eine Karriere gekennzeichnet durch das Verbiegen von Regeln und der Wahrheit" bescheinigte die "New York Times" Clinton am Dienstag - nicht als Kommentar, sondern als Überschrift zu ihrer Analyse des Geschehenen auf der ersten Seite.Da Kenneth Starr nicht lockerlassen wird, ist der Zeitpunkt nicht mehr fern, und Clinton steht erneut mit dem Rücken an der Wand.Dann wird es der Kongreß sein, der politisch statt juristisch zu entscheiden hat, wie Amerika mit einem Lügner im Weißen Haus umgeht.Auf diesen nächsten Akt, den politischen Kampf, hat Clinton selbst sich mit einer trotzigen und dreisten Rede eingelassen.Für eine Absolution war sie nicht gut genug.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben