Zeitung Heute : Ein Rätsel

Welches Gas wurde bei der Befreiung der Geiseln eingesetzt? Moskau schweigt weiter, und die Experten müssen spekulieren

Bas Kast

Das Gas, das bislang über 100 Geiseln im Moskauer Musical-Theater tötete, bleibt ein Mysterium. 400 Ex-Geiseln müssen weiterhin behandelt werden, Dutzende schweben noch in Lebensgefahr. Was haben sie eingeatmet?

Die russischen Behörden schweigen, die Spezialisten aus aller Welt spekulieren. Der Toxikologe Thomas Zilker, der die beiden befreiten Geiseln aus Deutschland behandelt, vermutet, dass es sich bei dem Gas um eine Abwandlung von Chloroform gehandelt haben könnte.

Chloroform wurde früher als Narkosemittel benutzt, steht jedoch inzwischen im Verdacht, krebserregend zu sein. Es hat einen süßlichen Geruch – eine Eigenschaft, die zu den Berichten passt: Viele der befreiten Geiseln sagen nämlich, sie hätten das Gas, als es in das Theater strömte, gerochen. In hohen Dosen führt Chloroform zu Bewusstlosigkeit, zu Atem- und sogar Herzstillstand.

Allerdings kann Zilker seine Vermutungen nur mit vagen Indizien begründen. Es gibt keine Sicherheit. Spuren des Gases lassen sich im Körper der beiden Patienten nämlich nicht mehr nachweisen.

Der deutsche Terrorismusexperte David Schiller etwa glaubt, dass es sich nicht um ein Gas, sondern um den Kampfstoff „3-Quinuclidinyl-Benzilat“, kurz: 3-BZ, handelt. Die Substanz, die man in Form von feinsten Partikeln (Aerosol) in das Theater hätte pumpen können, attackiert das Nervensystem. Manche Nervenzellen benutzen für ihre Kommunikation einen chemischen Botenstoff namens Acetylcholin. 3-BZ hemmt die Andockstellen für diesen Botenstoff – und unterbindet so die Informationsübertragung an bestimmten Stellen im Nervensystem. Die Folge: Halluzinationen, Bewusstseinsverlust, Koma. „Vor allem, dass die Geiseln nach der Freilassung trotz frischer Luft nicht sofort wieder erwachten, sind typische Folgen des Kampfstoffes“, sagt Schiller.

Auch die russische Zeitung „Nesawissimaja gaseta“ äußerte am Montag die Vermutung, es könne sich um eine Substanz wie 3-BZ gehandelt haben. Viele der Ex-Geiseln litten in den Krankenhäusern unter komatösen Zustanden, Erbrechen und Herzrasen – alles Zeichen, die zu dem Kampfstoff passen.

Toxikologen der Universität Moskau indes meinten der Internet-Zeitung „gazeta.ru“ zufolge, dass ein Narkosegas eingesetzt worden sei, das bei falscher Anwendung zum Tod „wie bei einer Überdosis Heroin“ führe. Mediziner in den Moskauer Kliniken seien am Tag vor der Erstürmung des Theaters von unbekannten „Ärzten in Zivil“ angewiesen worden, ihre Bestände an Naloxon und Nalorphin aufzustocken – beide Präparate werden als Gegenmittel bei Heroin-Überdosen genutzt.

Schließlich besteht die Möglichkeit, dass es sich bei dem Mittel um eine tödliche Mischung aus den Labors des russischen Militärs handelt. „Es ist nicht auszuschließen, dass die Russen da ein Gas entwickelt haben, das geheim ist“, sagt Zilker.

„Es spricht einiges dafür, dass kein Narkosegas von der Stange eingesetzt wurde“, sagt der Hamburger Bio- und Chemiewaffenexperte Jan van Aken und stützt somit indirekt die These Zilkers. Wenn das stimmt, würde es auch erklären, warum die Behörden so hartnäckig schweigen.

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