Zeitung Heute : Ein rastloser Geist

Nur auf Wunsch seiner Eltern wurde Ernst Schering Apotheker. Nun zählt er zu den Pionieren der chemischen Industrie.

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Bescheiden. Nur zwei Fotos existieren von Ernst Schering. Selbstdarstellung war dem Unternehmensgründer fremd. Foto: Schering Archiv, Bayer AG
Bescheiden. Nur zwei Fotos existieren von Ernst Schering. Selbstdarstellung war dem Unternehmensgründer fremd. Foto: Schering...

Ein roter Backsteinbau taucht hinter einer Baugrube auf. Denkmalgeschützte Treppen, die Ernst Schering seit den 1870-er Jahren auf dem Weg zu seinem Büro und Labor hinaufstieg. Er war stolz auf seine Fabrik in der Müllerstraße, mitten im Feuerland, wie der Wedding wegen seiner Fabrikschlote in der Gründerzeit genannt wurde. „Kaum war ein Neubau angefangen, so fuhr die Großmutter mit mir hin. Ich musste es bewundern“, erinnert sich seine Enkelin Elisabeth Kasch in einem Brief. „Ich fand es scheußlich dort und in der alten Apotheke viel schöner.“

Über der „Grünen Apotheke“, wo Scherings Karriere als Chemiker begann, befand sich jahrzehntelang das Zuhause der Familie. Im Hof brodelte und rauschte es ständig in Holzbottichen und Kesseln, in denen Malzextrakt gekocht wurde. In Kolben trübten, klärten und färbten sich Flüssigkeiten, da standen Porzellanschalen und Destillierapparate. Es war keine Apotheke, wie wir sie heute kennen. Vielmehr handelte es sich um eine Manufaktur für Badesalze, Mineralwasser, Chemikalien für Feuerwerks- und Fotochemikalien, Präparate für die Textilindustrie sowie Arzneimittel. Die chemische Industrie steckte noch in den Kinderschuhen; ihre Arbeit verrichteten die Apotheker.

Kein Wunder also, dass Schering den Beruf als junger Mann für ungesund hielt. Ernst Schering wurde 1824 als fünftes Kind eines Gastwirtes in Prenzlau geboren. Dort wollte er bleiben und Förster werden. Die alchimistischen Krämerläden auf dem Land lockten ihn genauso wenig wie die großen Apotheken der Stadt: „Ich hörte, ein Apotheker hätte ein ungesundes Leben, er müsste sehr große Vorsicht und besonders viel Geld haben. Nun weiß man nicht. Fortuna kann mir günstig sein, allein völlig kann man sich darauf nicht verlassen“, schrieb der 16-Jährige an seinen Bruder August. Ein Jäger dagegen sei „in der freien Luft, härtet seinen Körper ab, während man da gewiss nicht an Kraft und Gesundheit zunimmt. Daher bleibe ich bei meinem einmal gefassten Entschluss.“ Wenn seine Eltern auf dieser Laufbahn bestehen sollten, so würde er nur ungern annehmen.

Es kam anders. Der Bruder stellte das Lehrgeld für den Jungen, Ernst Schering fügte sich und entdeckte seinen Ehrgeiz: Wenn, dann richtig! Statt in der Kleinstadt Witzin ging er in eine der besten Apotheken Berlins in die Lehre und meisterte bald alle damals gängigen Herstellungsprozesse für Äther, Jod- und Bromsalze, Phosphorsäure und andere Chemikalien. Dass die nur dann brauchbar waren, wenn der Apotheker sein Handwerk verstand, war Schering klar. Er wollte Produkte von größter Reinheit und „schöne“ Kristalle herstellen. Statt auf den Lohn zu schielen, zog der Geselle in seinen Wanderjahren nur dorthin, wo er im Labor stehen durfte. Als die Revolution von 1848 ihn einholte, kehrte er nach Berlin zurück und schloss seine Ausbildung mit einem Jahr an der Universität ab. Danach durfte er als „Apotheker erster Klasse mit dem Prädikat sehr gut“ eine Stadtapotheke übernehmen. 1851 kaufte er die spätere „Grüne Apotheke“ in der Chausseestraße, ein zweistöckiges Haus in bester Geschäftslage der Oranienburger Vorstadt: unweit der Charité und anderer medizinischer Einrichtungen sowie in Laufnähe zum neuen Stettiner Bahnhof.

Mit 40 500 Talern Schulden und genauso viel Elan machte er sich ans Werk. Fasziniert von einer neuen Technik namens Fotografie und irritiert von der unnötig schlechten Bildqualität spezialisierte er sich auf Fotochemikalien. Ab 1854 produzierte er Jod- und Bromsalze, Cyankalium, Pyrogallsäure, Collodiumwolle und mehr. Bereits ein Jahr später präsentierte der unbekannte Apotheker seine Waren auf der Weltausstellung in Paris – und bekam prompt eine silberne Medaille. Danach war die Sache für ihn klar: Er wollte seine Chemikalien in einer Fabrik herstellen. Kurzentschlossen lieh er sich abermals Geld und kaufte ein Grundstück an der künftigen Ringbahn-Trasse in der Müllerstraße.

Zum Bauen fehlte anfangs das Geld, das erste Fabrikgebäude wurde 1864 errichtet. 1871 wurde mit 500 000 Talern aus der Umwandlung zur Aktiengesellschaft das spätere Hauptlabor errichtet. Es ist das einzige Gebäude, das bis heute auf dem Berliner Werksgelände von Bayer inmitten von sachlichen Nachkriegsbauten steht. Das 1890 eingeweihte „Rote Schloss“, wie die Anwohner das prächtige Verwaltungsgebäude an der Straße nannten, wurde im Zweiten Weltkrieg ausgebombt. Was die Brände überstand, demontierte die Rote Armee. Erst 1979 begann eine Mitarbeiterin alte Papiere zu sammeln und zu ordnen. Und so ist wenig übrig, das die Pionierleistung Scherings zuverlässig dokumentiert.

Eine Handvoll Aktenordner stellt Archivar Thore Grimm auf den Tisch. Einer allein zum verwirrenden Stammbaum der Familie, ein Vorfahre Scherings hatte ähnlich viele Frauen wie Heinrich VIII. Einer zur Grabstätte, zwei zur Grünen Apotheke, zwei zu den Anfängen des Werks. Etliche Dokumente wiederholen sich. Nur zwei Fotos existieren vom Unternehmensgründer, selbst seine Porträts gleichen so sehr einem der Fotos, dass sie wohl darauf basieren. „Ernst Schering hat auf solche Selbstdarstellungen offensichtlich keinen Wert gelegt“, sagt Grimm. „In seinem Unternehmen wurde auch später nie ein Personenkult betrieben.“

Wichtig waren ihm seine Produkte. Schering bildete seine Laboranten selbst aus, er pflegte eisern den Kontakt zu Wissenschaftlern, Ärzten und Kunden. Seine Analysen veröffentlichte er in Fachzeitschriften. Außerdem war er 1868 einer der Gründer der Deutschen Chemischen Gesellschaft. Selbst im Deutsch-Französischen Krieg, als mancher Drogist die Qualität schleifen ließ, um schnelles Geld zu verdienen, lieferte er einwandfreie Ware an die Preußische Armee. Das Kriegsministerium teilte ihm später mit, es habe keine Beanstandungen gegeben. Schering wurde „Königlicher Kommerzienrat“ und bekam gleich noch einen Orden.

Während seine „Chemische Fabrik auf Actien“ wuchs – mit Unterbrechung der Wirtschaftskrise von 1873, die auf den Gründertaumel folgte und Schering hart traf – wurde seine Gesundheit immer labiler. Er arbeitete weiter. Auf Dienstreisen machte er Gedächtnisprotokolle. Im August 1878 etwa schrieb er: „Dem Artikel Tannin müssen wir die größte Aufmerksamkeit schenken, immer gleichmäßige Qualitäten darstellen und leistungsfähige Einrichtungen treffen. Der Artikel kann, wenn wir vortheilhaft arbeiten, einer der wesentlichsten & wichtigsten unserer ganzen Fabrikation werden.“ Und über einen Konkurrenten vermerkt er wenig später: „Dabei verkauft er so billig, daß kein Mensch eine Erklärung dafür finden kann, er genießt keinen guten Ruf, reguliert nicht prompt und soll schon öfters in Geldverlegenheit gewesen sein; ein Kunde hat nur deshalb von ihm 150 Pfund Salicylsäure genommen, um Deckung für seine Forderung zu haben.“ So etwas sollte ihm nicht passieren.

1882 trat er aus gesundheitlichen Gründen in den Aufsichtsrat über, 1889 verstarb der „rastlose Geist, der immer noch verbessern wollte.“ Sein Sohn Richard schrieb: „Er konnte am Ende seiner Tage mit Genugtuung zurückblicken auf eine große Lebenstat, die unter schwierigen Verhältnissen ins Leben getreten war und der er eine Ausdehnung und einen Ruf weit über die Grenzen unseres Vaterlandes und Europas verschafft hat.“

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