Zeitung Heute : Ein Raum der Leere

PETER HERBSTREUTH

Rainer Fests Außenskulptur am Dahlemer Konrad-Zuse-ZentrumVON PETER HERBSTREUTHSteht eine Skulptur zusammenhanglos und dominant vor einem Gebäude, nennt man diesen Unfall "drop sculpture".Es sieht aus, als wäre ein Stein- oder Stahlgebilde unabsichtlich aus den Wolken gefallen.Jetzt wurde im Konrad-Zuse-Zentrum eine Skulptur eingeweiht, die sich einer solchen Einordnung entzieht.Das Institut ist eine Denkfabrik für 120 Informatiker auf dem Universitätsgelände in Dahlem (Takustraße 7).Das Gebäude wurde im Frühjahr fertiggestellt und sollte über dem unterkellerten Computerraum vor dem Eingangsportal mit einer Skulptur geschmückt werden.Der Berliner Bildhauer Rainer Fest hielt sich nicht an die Wettbewerbsvorgaben, machte einen Gegenvorschlag und gewann. Über dem "Herz des Instituts" könne man nur eine Brosche anbringen, aber kein Gebilde mit eigenem Sinn, meinte er.Deshalb rückte er einen dreiteiligen Granitblock dominant in die Mitte zwischen Seitenflügel und Querriegel des Gebäudes und paßte die Binnenstruktur des Blocks proportional den umlaufenden Arkadengängen an.Die Skulptur setzt sich durch eine rauhe Außenseite gegen die glatten Klinker ab und fügt sich durch ihre Proportionen in das Volumen des Gebäudes ein.Es ist eine typisch ortsbezogene Arbeit, deren Bedeutung sich im wechselseitigen Spannungsverhältnis modifiziert: die Skulptur interpretiert die Bestimmung des Gebäudes, wie diese umgekehrt die Skulptur interpretiert. In einer Ansprache anläßlich der Einweihung betonte der Präsident des Instituts, viele Wettbewerbsbeiträge hätten sich von der Faszination des Computers verführen lassen.Das Zentrum der Innovation sei aber nicht der Computer, sondern "der einzelne Mensch, der sich in die stille Kammer zurückzieht und nachdenkt".Diese Kammer müsse nun jeder Mitarbeiter passieren, bevor er das Gebäude erreiche.Der Granitblock ist von zwei Seitenschnitten als Innenraum zugänglich.Man betritt einen leeren Raum, der nur durch das einfallende Licht mit dem Außen verbunden ist.Er hat keine andere Funktion, denn als Bild gegenwärtig zu sein.Um diese unverwechselbare Bedeutung zu erhalten, bedurfte es der konsensbegründenden Rede des Präsidenten.Er wies die Richtung, wie die Skulptur gesehen werden sollte.Sie wurde zum Symbol des Selbstverständnisses des Instituts erklärt: ein Gewinn der Mitte.Dadurch wurde die Eröffnungsveranstaltung zum notwendigen Bestandteil der Bedeutungsproduktion. Als Teil einer Skulpturenausstellung hätte man sich auf die zweckfreien Eigenschaften beschränkt.Im Zusammenhang eines Gebäudes jedoch, daß eine funktional genau definierte Bestimmung hat und eines Symbols bedarf, das bildlich die essentials zusammenfaßt, überlagern situative Überlegungen die Zweckfreiheit.Der Künstler übernimmt die Aufgabe, einen Symbolträger zu schaffen.Rainer Fests Skulptur erfüllt das Bedürfnis nach einem symbolischen Raum.Sie dominiert den Platz und wird vom Gebäude umrahmt.Einst hatten Brunnen als Lebensquell diese Funktion; nun sind es Räume der Leere.

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