Zeitung Heute : Ein Salon für Europa

Im brandenburgischen Genshagen wird der deutsch-französische Kulturaustausch gepflegt

Ulrike Scheffer

Wenn ein heruntergekommenes Herrenhaus als „Le Schloss“ Karriere macht, dann müssen Optimisten am Werk sein. Vermutlich spielt auch Frankreich dabei eine Rolle. Beides trifft zu: Die Französin Brigitte Sauzay und der Deutsche Rudolf von Thadden gründeten vor zehn Jahren im brandenburgischen Genshagen das „Berlin-Brandenburgische Institut für Deutsch-Französische Zusammenarbeit in Europa" (BBI). Und sie schafften, was ihnen anfangs kaum jemand zugetraut hätte: Im früheren Landsitz derer zu Eberstein kommen regelmäßig Wissenschaftler, Politiker, Manager und Kulturschaffende aus Frankreich und Deutschland zusammen.

Dass hinter der historistischen Fassade noch Jahre lang ein realsozialistisches Idyll mit Blümchentapeten und Linoleum weiterlebte – zu DDR-Zeiten war hier eine Landwirtschaftsakademie untergebracht –, hat dem Ruf von „Le Schloss“ nicht geschadet. Möglicherweise sei sogar das Gegenteil der Fall, sagt BBI-Geschäftsführer Dieter Rehwinkel: „Bei uns wird der Umbruch in Deutschland und Europa greifbar.“

In Paris werde viel über dieses Schloss gesprochen, bemerkte schon 1999 der frühere französische Wirtschafts- und Finanzminister Dominique Strauss-Kahn anerkennend bei einem Besuch in Genshagen. Direktorin Sauzay glaubt zu wissen, warum das so ist: Weil Brandenburg für Franzosen Erinnerungen an das alte Preußen wachruft, nach Friedrich dem Großen und seiner Freundschaft zu Voltaire, kurz: nach einer Zeit, in der das Denken noch keine nationalen Grenzen kannte. Und genau da knüpfen Sauzay, die früher Chefdolmetscherin im Pariser Elysée-Palast war, und der Historiker von Thadden an. „Wir brauchen eine europäische Zivilgesellschaft, und die deutsch-französischen Beziehungen müssen dafür die Grundlage bilden", sagt Sauzay. Aus Schloss Genshagen haben die beiden so etwas wie den Salon für dieses Projekt gemacht – ein Haus, in dem man frei reden könne, wie sie betonen.

Grundwertedebatten zu Bioethik oder dem Umgang moderner westlicher Gesellschaften mit der Religion wurden hier angestoßen, aber auch Fachtagungen mit Alltagsbezug organisiert – etwa zu Unterschieden im deutschen und französischen Scheidungsrecht. Auf der Gästeliste des Instituts finden sich Namen wie Richard von Weizsäcker, Johannes Rau, Lionel Jospin, Jacques Delors, Manfred Stolpe, Michael Naumann, Julian Nida-Rümelin, Francois Leotard, Bernard-Henri Lévy, Günter Grass oder auch Patricia Kaas. „Der kulturelle Austausch steht bei uns im Mittelpunkt, schließlich sind wir kein deutsches Frankreich-Institut, sondern eine binationale Einrichtung", sagt von Thadden, der lange in Frankreich gelebt und dort unter anderem die Abteilung für Deutsche Geschichte an der Pariser „Ecole des Hautes Etudes" aufgebaut hat.

Für ihn ist Genshagen in den zehn Jahren seit der Gründung des BBI zu einem „privilegierten Ort der Begegnung“ abseits des politischen Tagesgeschäfts geworden – und so soll es auch bleiben. „Das heißt aber nicht, dass wir nicht in den politischen Raum hineinwirken wollen", sagt von Thadden. Als Beispiel nennt er die Ausarbeitung eines deutsch-französischen Thesenpapiers zu rechtsradikalen Tendenzen, das von Jacques Chirac und Gerhard Schröder im Juni 2001 in Freiburg vorgestellt wurde – und an der das BBI beteiligt war. Seit dem Regierungswechsel 1998 sind die beiden BBI-Direktoren allerdings auch bestens positioniert: Gerhard Schröder holte Brigitte Sauzay als Frankreichberaterin ins Kanzleramt, von Thadden wurde Koordinator für die deutsch-französische Zusammenarbeit im Auswärtigen Amt. „Ohne Genshagen wären wir dort niemals hingekommen", ist er überzeugt.

Die Entscheidung für einen Standort in Ostdeutschland haben Sauzay und von Thadden 1993 bewusst getroffen: Sie wollten deutlich machen, dass sich mit der Wiedervereinigung eine ganz neue Perspektive für die deutsch-französischen Beziehungen aufgetan hatte. „Deutschland war plötzlich mehr als das aus französischer Sicht stark amerikanisierte Westdeutschland", sagt Sauzay. Der Osten entspreche viel eher dem romantischen Deutschland, nach dem die Franzosen immer gesucht hätten. „Schon die Landschaft erinnert uns an unsere eigene Provinz." Auch im Alltag gebe es viel Übereinstimmung zwischen Franzosen und Ostdeutschen, etwa im distanzierten Verhältnis zur Religion oder der selbstverständlichen Berufstätigkeit von Müttern.

Inzwischen hat sich der Blick der Genshagener noch weiter in Richtung Osten verlagert: nach Polen. „Langfristig wollen wir trinational werden – in Anlehnung an das Weimarer Dreieck“, sagt von Thadden. An die schwierige Anfangszeit denkt im BBI hingegen kaum noch jemand. Mit Hilfe des damaligen brandenburgischen Ministerpräsidenten Manfred Stolpe wurde zwar schnell ein passendes Gebäude gefunden, Geldgeber hatte das Institut aber zunächst nicht. Erst als das französische Außenministerium 1994 die Mittel zur Finanzierung eines Mitarbeiters in Aussicht stellte, fanden sich auch andere Unterstützer.

Heute bestreitet das Institut sein 600 000-Euro-Budget zur Hälfte aus Sponsorengeldern großer Unternehmen und verschiedener Stiftungen, der Rest kommt vom Land Brandenburg, den beiden Außenministerien und dem Kulturbeauftragten der Bundesregierung. Nach dem Kauf des Schlosses vor drei Jahren konnte endlich auch mit der Renovierung des 1880 erbauten Landsitzes begonnen werden; zum zehnjährigen Bestehen im Oktober soll sie abgeschlossen sein.

Schon Ende Januar steht in Genshagen Brisantes zur Diskussion: das europäisch-amerikanische Verhältnis. Dass dieses zur gleichen Zeit im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen einem Praxistest unterzogen wird – wenn das Gremium über das weitere Vorgehen gegen den Irak berät –, konnten die Organisatoren bei ihrer Planung nicht ahnen. Nun werden sie an der Aktualität nicht vorbeikommen. Und „Le Schloss“ dürfte wieder einmal von sich reden machen.

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