Zeitung Heute : Ein Sandwich für den Marsch zum Rathaus

Der Tagesspiegel

Von Annekatrin Looss

Neukölln. Gina und Lara haben die Bügeleisen für sich entdeckt. Sie bannen bunte Wachsbilder auf Papier. Nebenan jagen Lukas, Marc und Arnim durch den Raum – aufs Podest, unter den Tisch, über die Matratze. Erzieher Karl Appl hat seine Augen überall. „Eigentlich müsste ich jetzt noch das Mittagessen machen“, sagt er. Eigentlich, denn heute gibt es im Neuköllner Schülerladen „Zottelbär“ Sandwiches. Die essen die Kinder auf dem Weg zum Roten Rathaus, wo sie Kinder und Erzieher aus 25 Schülerläden treffen werden, um einen Protestbrief zu überreichen – gegen die Sparpläne des Senats.

Nach dessen Plänen soll ein Erzieher in Zukunft 22 statt bisher 16 Kinder betreuen. „Diese Änderung bedeutet das Aus für etwa 150 Schülerläden“, sagt Appl. Die meisten Läden haben nur eine Betriebserlaubnis für € 20 Kinder, würden dann also nicht mal mehr eine Erzieherstelle finanziert bekommen. Ddie Elternbeiträge zu erhöhen sei ausgeschlossen, sagt Appl. „Zu uns kommen vor allem Kinder aus sozial schwachen Familien.“

Setzt der Senat die Kürzungen durch, stehen im nächsten Jahr 3000 Kinder und 850 Erzieher auf der Straße, schätzt der Dachverband der Berliner Kinder- und Schülerläden (DAKS). Das seien rund ein Viertel der Hortplätze aller freien Träger und acht Prozent aller Hortplätze in Berliner Kitas. Besonders betroffen seien die Bezirke Kreuzberg, Schöneberg und Charlottenburg. Die Möglichkeit, die Schüler in öffentlichen Kinderhorten unterzubringen, sei gering. Nur eine Grundschule bietet in Neukölln eine Ganztagsbetreueung an. Dazu komme, dass ein Schülerladen ohne volle Erzieherstelle keine Praktikanten mehr beschäftigen könne. Doch ohne Praktikanten ginge im „Zottelbär“ gar nichts. „Zwei sind eigentlich immer bei uns, gehen mit den Kinder raus, wenn sie mit den Hausaufgaben fertig sind, oder bereiten das Essen vor.“ Man wisse schon jetzt nicht mehr, wo man sparen solle. Ein Euro steht dem Schülerladen für das tägliche Essen pro Kind zu. Die Ferienreisen lassen sich nur durch Eigeninitiative realisieren. In diesem Sommer geht’s ins Gartenhaus von Erzieherin Daniela Bensch nach Fredersdorf.

60 Prozent unserer Kinder sind verhaltensauffällig oder haben Konzentrationsstörungen, sagt Appl. Wie solle man da den Überblick über 22 Kinder behalten? Viele weitere Fragen wird er im Roten Rathaus stellen. Etwa, ob nicht ein tödlicher Unfall pro Jahr in den Berliner Kitas genug ist? Oder wie viel noch passieren müsse, bevor die Politiker merken, dass man hier nicht sparen dürfe.

Zu einer weiteren Protestaktion am Freitag um 16 Uhr vor dem Schöneberger Rathaus rufen DAKS und die Diakonie auf.

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