Zeitung Heute : Ein Schachmonster als Werbeplattform

STEFAN LÖFFLER

IBM profiliert sich mit Deep Blue VON STEFAN LÖFFLER IBM hat seine 1989 begonnenen Computerschach-Forschungen eingestellt.Der Spezialrechner Deep Blue hatte im Mai in New York PCA-Schachweltmeister Garri Kasparow in einem Schaukampf mit 3,5:2,5 besiegt.Die damalige Konfiguration, ein Parallelrechner mit 512 speziellen Chips, wird nicht mehr eingesetzt.Nur eine mobile Version namens Deep Blue Junior auf einer Workstation mit 16 Schachchips soll weiter bei Schauveranstaltungen für IBM werben.Derzeit prüfen die Väter von Deep Blue, ob es ihr Schachprogramm am Internet gegen alle Spielwilligen aufnehmen könnte.Laut IBM arbeiten die Entwickler parallel schon an anderen Projekten. Die Entscheidung fiel dem Vernehmen nach bereits Anfang August.Sie wurde aber erst vor wenigen Tagen öffentlich nach einer Anfrage der Tageszeitung "USA today"."IBM spielt das natürlich herunter", heißt es dazu aus dem Umfeld Kasparows.Der Russe selbst hat mit einem offenen Brief reagiert: "Sie hören auf, während sie vorne liegen." Es sei nicht zu spät, die Entscheidung zu überdenken.Die Welt erwarte ein drittes, alles entscheidendes Match.Im Februar 1996 hatte Kasparow eine frühere Version Deep Blues mit 4:2 besiegt. Medienberichte über das New Yorker Match hatten den Eindruck erweckt, der Computer sei dem Menschen im Schach nun für alle Zeiten überlegen."Die meisten Journalisten verstanden nichts von Schach", schimpfte Fide-Weltmeister Anatoli Karpow.Der Weltranglistendritte Anand sagte: "Wir Schachspieler wissen: das waren nur sechs Partien." Schachexperten sind sich einig, daß Kasparow weit unter seinen Möglichkeiten gespielt habe.Kasparow selbst sprach von unfairen Begleitumständen. Nach dem Schaukampf hatte er gefordert, Deep Blue möge sich künftig herkömmlichen Turnieren mit der Weltklasse messen.Während IBM zunächst weise schwieg, wiesen Kasparows Kollegen den Plan zurück.Spiele gegen Computer sind für Karpow "eine eigene Art, Schach zu spielen, die Schaukämpfen vorbehalten bleiben soll".Der Anreiz wäre nicht schachlicher Natur."Man kann berühmt werden", begründete Anand, warum er es gerne mal mit Deep Blue aufgenommen hätte.IBM findet ein Match gegen Anand oder Karpow reizlos.Die Sprecherin drückte es so aus: "Wir haben den Mount Everest bezwungen.Jetzt haben wir andere Ziele."

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