Zeitung Heute : Ein Schildbürgermeister

„Werden wir eben Thüringer!“, rief er – der Bayer. Der Versuch einer Fahnenflucht aus Geldnot

Mirko Weber[Nordhalben]

Eine Tankstelle? „Nein, haben wir nicht, leider“, sagt die Frau. Sie schiebt einen Kinderwagen. Drinnen schläft der Enkel, Nordhalbener Nachwuchs. Der oberfränkische Ort liegt gerade breit in der Sonne, Schieferhaus an weiß Gekalktem, kleinbürgerlich-ordentlich und ein bisschen ausgestorben zugleich. „Also schon lange nicht mehr“, setzt die Frau bedauernd hinzu. Die nächste sei zehn Kilometer entfernt, immer bergab.

Nordhalben liegt nicht weit von Wunsiedel, wo der große Dichter Johann Paul Friedrich Richter, bekannt als Jean Paul, geboren wurde. Kein Mensch hat in Worten schöner diese Gegend entfaltet als er. Was der Dichter aber noch besser konnte als Naturbeschreibungen, war, so zu tun, als sei Armut nicht weiter schlimm: „Schiffe fröhlich über deinen verdunstenden Tropfen Zeit, du kannst es!“, ruft der Erzähler beispielsweise dem Schulmeisterlein Wutz zu. Das sollte ein kleiner Trost sein, weil es dem Wutz, der sich die Welt schöner träumte, so dreckig ging.

In der Not hat nun auch der Nordhalbener Bürgermeister Josef Daum (CSU) zur Ironie, wenn nicht gar zum Sarkasmus gegriffen. Das war, als er mit drei Kollegen der Gemeinden Steinwiesen (CSU), Wallenfels (Freie Wähler) und Martktrodach (SPD) im Bus auf der Heimfahrt war von einem Termin. Dort hatte man den gebeutelten oberfränkischen Kleingemeinden mal wieder klargemacht, dass sie sich im Freistaat hinten anstellen können, wenn’s um den Finanzausgleich geht. Und da, plötzlich, packte den Josef Daum gewissermaßen der Dichter Richter – und ließ ihn sagen: „Dann werden wir eben Thüringer!“ – Womit er in Bayern einen mittleren Aufstand ausgelöst hat, einen Minister verärgert hinterließ und diverse Fernsehsender ins Dorf lockte, die ihn nun gerne als Schildbürger darstellen.

Nein, „eine Bierlaune war das nicht“, sagt Daum, „wir waren nüchtern“. Er ist 56 Jahre alt, seit gut zehn Jahren Bürgermeister, ein Trumm von Kerl, sehr herzlich, und als später die drei anderen Bürgermeister die gute Stube entern, grinsend und mit festem Schritt, stehen auf einmal vier Musketiere vor einem. „Wenn es nicht nützt“, sagt der Sozialdemokrat Norbert Gräbner kämpferisch, „dann haben wir es wenigstens versucht.“ Nämlich: auf Nordhalben aufmerksam zu machen.

Damit zwischenzeitlich keine Missverständnisse aufkommen: Weder Steinwiesen noch Marktrodach, weder Wallenfels noch Nordhalben können Bayern verlassen. „Freilich nicht“, sagt Daum, denn dazu müsste erst mal der Staatsvertrag geändert werden, und das wolle ja keiner. „Wir möchten alle Franken bleiben“, setzt er hinzu und macht eine Bewegung, als umarme er alle 2000 Gemeindemitglieder. „Und Bayern natürlich.“ Aber einfach stillhalten? Geht auch nicht.

Der Bürgermeister muss nur kurz aufstehen, um an der Wand auf ein Bild zeigen, und dann ist fast schon alles das gesagt über die finanzielle Lage der Region. Dort sieht man Nordhalben – und hinter zwei Wäldchen die Stelle, wo die DDR anfing; also Thüringen. Damit hatte man leben gelernt in Nordhalben, schließlich gab es die Grenzlandförderung. Dann kam die Öffnung. „Davon haben wir uns viel versprochen“, meint Daum, „wir kamen vom Rand in die Mitte von Deutschland.“ Das „Höchstfördergebiet Neue Bundesländer“ war für Oberfranken jedoch kein Segen. 48 Prozent Zuschuss gab es bei Betriebsgründungen in Thüringen, maximal 18 Prozent in Bayern. „Kann man sich ausrechnen“, sagt Daum. Wer nicht ganz blöd war, ging nach Thüringen, 900 Arbeitsplätze waren es in Nordhalben vor 1990 – übrig geblieben sind weniger als 600.

Fehlende Gewerbesteuer, Geburtenrückgang, und wer was werden will, geht nun nach Kronach oder gleich nach München, das ist die Lage. Seit Jahren schon nimmt Daum Darlehen auf, um andere Darlehen zurückbezahlen zu können; die örtliche Wasserleitung stammt aus dem Jahr 1907. „Wenn die uns mal um die Ohren fliegt …“, sagt Daum düster.

Seit er öffentlich gemacht hat, wie schlecht es der Gemeinde geht, hat sich der bayerische Wirtschaftsminister Erwin Huber, prinzipiell ein Parteifreund, zu seinem „Lieblingsfeind“ entwickelt. Tatsächlich reden sie aneinander vorbei. Huber spricht von „Investitionsförderprogrammen“, die München immer mal wieder in Oberfranken starte, was stimmt. Daum hingegen kann nicht einmal die laufenden Ausgaben leisten und leidet namentlich unter dem kommunalen Finanzausgleich, wo er, verkürzt gesagt, für einen Einwohner drei Euro angerechnet bekommt, Christian Ude für einen Münchner Bürger aber 180.

Im Schnitt, heißt es aus der Landeshauptstadt, gehe es den bayerischen Kommunen nicht schlecht, doch ist Daum derart vom Schnitt entfernt, dass er darüber noch nicht einmal mehr gequält lächeln kann. Der Bürgermeister aus der fränkischen Kleinstadt Selb, auch nicht viel besser dran, hat für die oberfränkische Situation das Bild gefunden, demnach bei jemandem, der mit dem Hintern auf der Herdplatte sitzt und die Füße im Eiskasten hat, die Durchschnittstemperatur auch in Ordnung sei.

Was aus Nordhalben wird? Schwer zu sagen. Der aus dem Landkreis stammende Minister, Werner Schnappauf, ist als Umweltminister nicht gerade die stärkste Figur in Stoibers Kabinett, zumal nach den Fleischskandalen der letzten Zeit. Wenn er Gästen sein schönes Oberfranken zeigt, muss er mittlerweile schon genau überlegen, welche Gegenden er lieber weiträumig umfahren lässt. „Aber Hauptsache“, sagt Josef Daum, „wir kriegen in München einen Transrapid.“

Am Ende verabredet man sich aufs nächste Jahr, um zu sehen, was dann geblieben ist außer der Aufregung um ein paar Bürgermeister, die fahnenflüchtig werden wollten. Schließlich „muss doch etwas passieren“, sagt Josef Daum. Kann sein, es ist ein Wutz’scher Traum.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben