Zeitung Heute : Ein Schlüsselerlebnis haben

Wie ein Neu-Berliner diese Stadt erleben kann

Marius Meller

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Genau in dem Moment, da sich die pneumatischen Türen des Hochgeschwindigkeitszuges hinter dem Neu-Berliner schließen, der nach Neujahr auf der Rückreise von seiner süddeutschen Heimat in die Hauptstadt ist, durchfährt es ihn wie ein Blitz: Er hat den Schlüssel für seine Berliner Wohnung vergessen. Nein, sagt die freundliche Zugbegleiterin, die Tür lasse sich nun nicht mehr öffnen, und sogleich setzt sich der Zug in Bewegung, um unerbittlich ohne weiteren Halt bis Berlin Zoo durchzurollen.

Beim Neu-Berliner stellt sich ein Gefühl von Unbehaustheit ein. Das fatale Gefühl beim Schlüsselvergessen wird nur graduell übertroffen und nicht substantiell, wenn man Arbeitsplatz und Wohnsitz gleichzeitig verliert oder die Wohnung abgebrannt ist, denkt der Neu-Berliner, der in Krisenzeiten zur Übertreibung neigt. Glücklicherweise verfügt er über ein Mobiltelefon und so kann er noch im Zug sein Schicksal in die Hand nehmen, gestört von nichts weiter als dem ein oder anderen Funkloch.

Es ergibt sich folgendes: Freund M., dem er seinen Zweitschlüssel anvertraut hat, ist nicht zu Hause und verfügt leider nicht über ein Mobiltelefon. Freund D., der auch mit M. befreundet ist und über dessen Verbleib Auskunft geben könnte, ist ebenfalls nicht zu Hause, verfügt aber über ein Mobiltelefon und ist in seinem neujährlichen Urlaubsort in der Uckermark erreichbar: M., der Hüter des Zweitschlüssels, sei mit Frau und Kind bei den Schwiegereltern in Hamburg, so D. Aber M. habe seinen eigenen Zweitschlüssel ihm, D., anvertraut, und dieser wiederum habe den seinen N. in Obhut gegeben. N. habe zwar kein Mobiltelefon, aber es sei wahrscheinlich, dass er zu Hause sei. So könne der Neu-Berliner sich sozusagen auf Zweitschlüssel-Tour machen und sich, bei N. beginnend, über die lückenlose Zweitschlüsselkette bis zu seinem eigenen Zweitschlüssel vorarbeiten und schließlich, wenn alles gut geht, noch heute Nacht in seine Wohnung gelangen.

Eine großartige Idee, denkt der Neu-Berliner erleichtert, dankt und lässt sich eine genaue Beschreibung des Ortes geben, wo er in D.s Wohnung den M.’schen Zweitschlüssel finden würde, sowie die Nummer von M.s Schwiegereltern in Hamburg, um dort den Aufenthaltsort seines eigenen Zweitschlüssels in M.s Wohnung in Erfahrung zu bringen, und schließlich noch N.s Nummer, um die Übergabe des Zweitschlüssels für D.s Wohnung zu verabreden. M. und N. sind erreichbar und alles klappt wie am Schnürchen.

Kurz nach Mitternacht hält der Neu-Berliner glücklich seinen Zweitschlüssel in den Händen. Kurz nach eins hat er die Zweitschlüssel-Tour auch rückwärts absolviert, so dass alle Zweitschlüssel außer dem seinem wieder an ihrem alten Ort sind. N. geht netterweise noch ein Bier mit ihm trinken. N. und der Neu-Berliner malen sich aus, wie ganz Berlin, ja ganz Deutschland, ja die ganze türenverschließende Welt durch ein Netz von Zweitschlüsselbeziehungen zusammengehalten werden.

Machen auch Sie sich auf Zweitschlüssel-Tour! Sie werden das Wesen des Sozialen erkennen!

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