Zeitung Heute : Ein Schock, ein Funke

Der Tod des Studenten Benno Ohnesorg Der 2.Juni 1967? Die drei Jahrzehnte, die der Tod des Studenten Benno Ohnesorg in diesen Tagen zurückliegt, haben dieses Ereignis in der Nähe der Deutschen Oper in Berlin zu einem historischen Datum unter anderen gemacht.Aber der Blick zurück über einen so langen Zeitraum hinweg hat es vielleicht auch in dem Sinne historisch werden lassen, daß sein Stellenwert in der Nachkriegsgeschichte fragloser hervortritt als zuvor - zumal dieser Blick in diesem Jahr auch auf den als "Deutschen Herbst" seinerzeit heftig mythologisierten Kollaps des deutschen Terrorismus ein Jahrzehnt später gelenkt wird.Dieser 2.Juni 1967 wirkte damals auf die Öffentlichkeit wie ein Schock.Er war der Funken, der die studentische Protestbewegung zu massenhafter Empörung aufflammen ließ und die politische Öffentlichkeit - die, was Berlin angeht, erst noch hinter ihrer Entrüstung in Deckung gegangen war, Motto: "Die Geduld der Stadt ist am Ende" - in eine eher hilflose Defensive brachte.Aber er war ein Scheitelpunkt der Bewegung, die die Republik über ein Jahrzehnt erschütterte.Mit diesem Ereignis begann ihre Hoch-Zeit - die großen Demonstrationen, der Umbruch des Lebensgefühls, die Geburt der Legenden.Doch es war auch dieser Siegeszug, der die Bewegung in eine Revolte umschlagen ließ, die schließlich in zahlreiche Sackgassen führte. Man muß sich vor Augen halten, daß der Tod des Studenten - Ergebnis miserabler Polizeitaktik, kopfloser Härte und der Fahrlässigkeit des Kriminalobermeisters Kurras - die Studentenbewegung sozusagen noch im Stadium der Unschuld traf.Zwar hatte sich das Klima an den Universitäten seit Jahren aufgeladen, und der aus Amerika nach Deutschland überschwappende Protest gegen den Vietnam-Krieg fachte die Protestbereitschaft zusätzlich an.Doch was die Öffentlichkeit erreichte und irritierte, waren nicht zuletzt jene symbolischen Grenzüberschreitungen wie das "Pudding-Attentat" auf den amerikanischen Vizepräsidenten Hubert Humphrey, das Mitglieder der Möchtegern-Anarchisten "Kommune I" geplant hatten - und das die Polizei mit Verhaftungen zu verhindern wußte, die sie, wie geplant, der Lächerlichkeit preisgab; dazu allerlei beunruhigende Nachrichten aus der aktivistischen Randzone der Studentenschaft - von gesprengten Versammlungen, zunehmend aggressiveren Debatten und notorisch werdender Demonstrationsbereitschaft.Aber das alles war doch noch weitgehend auf Berlin beschränkt, allenfalls mit einer gewissen Resonanz in anderen Universitätsstädten, und berührte den Studienbetrieb vorerst nur am Rande. Vor allem stand die Studentenbewegung noch ganz im Einklang mit der politischen Bewegung, die die Bundesrepublik in den sechziger Jahren ergriffen hatte.Deren Wortführer, Professoren und Publizisten, akademische Senkrechtstarter und Prodiumsdiskussions-Helden, die Dahrendorf und Sontheimer, Habermas und Hentig, Augstein und Szessny waren auch ihre Götter.Das alles lag noch ganz in der Linie der kleinen Liberalisierungen und heftig applaudierten Aufbrüche, die von Kennedy-Begeisterung und Spiegel-Affäre bis zur Bildungsreform und den Ansätzen einer neuen Ostpolitik reichten.Sieht man von heute aus auf die Protestbewegung zurück, über die Verwerfungen hinweg, mit denen sie sich in dei Geschichte der Bundesrepublik eingegraben hat, so nimmt es wunder, wie sehr die Revolte damals noch Stoff vom Stoff des noch ganz bürgerlich-liberalen Diskussionsklimas dieser Jahre war.Da sitzen auf den Photos auch noch manierliche junge Leute, mit kurzem Haar, gar Krawatte.Das sind noch nicht die Kinder von Karl Marx und Coca Cola, als die sie später etikettiert wurden; es sind vielmehr die Kinder der politischen Bildung und der Überflußgesellschaft, die nun beim Wort nehmen wollen, was man sie gelehrt hat.Ihr Protest zog denn auch seine Motivation vor allem aus der Emanzipation von den fünfziger Jahren - dieser merkwürdig ambivalenten Epoche von Modernisierung und Restauration, die nun das lähmende Gegenbild zum Lebenswillens der neuen Generation wurde. Die Studentenbewegung war noch weitgehend frei von den ideologischen Verengungen und der heillosen Selbstüberschätzung, die ihre Reformforderungen bald in eine steile, selbstzerstörerische Bahn jagen sollten und sie schließlich in pseudorevolutionärem Dogmatismus und dem Abseits der Subkultur enden ließen.Allerdings: diese innere Radikalisierung steckte schon im intellektuellen Nervensystem der Bewegung, in den Ideologemen und Debatten, in denen sie sich ihrer Mission zu versichern suchte; doch wurde sie weithin noch als Reizstoff empfunden, der dem jugendlichen Aufbegehren das gewagte Profil eines Aufbruchs ins Unbekannte gab.Und erst in der durch den 2.Juni ausgelösten Ausbreitung des Protestes, der nun über Berlin hinaus die übrigen Universitäten ergriff und zum bundesrepublikanischen Politikum wurde, gewann das Aufbegehren der Studenten den Charakter einer sich selbst beschleunigenden Fundamentalkritik, die nirgendwo mehr Halt machen konnte, weil sie von keiner Antwort und keiner Wirklichkeit mehr zufriedenzustellen war.Nun brach die Neigung durch, die krude Wirklichkeit mit ihren Ecken und Kanten zum großen, verderbten Ganzen aufzublasen - was, auf der anderen Seite die gänzliche Umkehr, die Umwälzung der Verhältnisse, also die Revolution zum Fluchtpunkt der Kritik machte. Zum 2.Juni 1967, dem Tag, der die Studentenrevolte in die Zeitgeschichte der Bundesrepublik katapultierte, gehört deshalb auch der Kongreß "Hochschule und Demokratie" ein paar Tage später in Hannover.Denn auf dem brach die Ambivalenz der Bewegung auf.Die Tagung folgt der Beerdigung Ohnesorgs, der aus Hannover stammte.Auf ihr nahm Habermas in der Auseinandersetzung mit Rudi Dutschke schließlich seine Zuflucht zu dem Wort vom "linken Faschismus".Bereits in der Begriffswahl seine Betroffenheit ausdrückend, attackierte er damit Dutschkes Behauptung, der "Ausgangspunkt der Politisierung der Studentenschaft" müsse die "bewußte Durchbrechung" der "etablierten Spielregeln" der bürgerlichen Ordnung durch die Studenten sein.Dutschke - so Habermas -, einer der Mentoren der Bewegung, fordere die staatliche Gewalt heraus, "und zwar so, daß er das Risiko von Menschenverletzung absichtlich" einschließe. Deshalb mag es zwar etwas Makabres haben, den Tod des Studenten Ohnesorg in Verbindung zu bringen mit der terroristischen Gewalt, die die politische Auseinandersetzung in dem dann folgenden Jahrzehnt so tief mitbestimmt hat.Doch es ist nicht nur die Suggestion der Jahreszahl, die es nahelegt, und auch nicht allein der Umstand, daß die Terroristen diesen Bezug bewußt hergestellt haben - die Gruppe, die 1975 den CDU-Spitzenpolitiker Peter Lorenz entführten, wählten das Datum als Erkennungszeichen.Man könnte sogar davon sprechen, daß es, wie es dann in der dramatisierenden Formelsprache der studentischen Rebellen hieß, der "Staat" war, der als erster "geschossen" hat.Aber vor allem trifft es zu, daß die Rebellen daraus ein fatal gutes Gewissen für ihren eigenen, intellektuell höchst fahrlässigen Umgang mit der Gewalt-Diskussion bezogen haben. Ob es stimmt, daß Gudrun Ensslin, schon hineingezogen in den aktivistischen Teil der Bewegung, angesichts des Todes von Benno Ohnesorg ausgerufen haben soll: "Dies ist die Generation von Auschwitz - mit denen kann man nicht argumentieren", mag dahingestellt bleiben.Aber unbestreitbar ist, daß in der Retorte solcher Reflexion die wahnhaften Konstrukte entstanden sind, mit denen später die Terroristen ihr Handeln rechtfertigten.So fragwürdig es immer war, den Zusammenhang von Protestbewegung und Terrorismus in Ursachen-Spekulationen oder gar direkte Schuldzuweisungen aus- und umzumünzen, so abwegig war es, diesen Zusammenhang zu leugnen.Daß es überhaupt Menschen, junge Menschen gab, die aus einem alles in allem konsolidierten und liberalen Gemeinwesen ausbrachen ins Mörder- und Bandenwesen, wäre ohne die Kraft der Verführung, der Verwirrung und der Verblendung, die von der Radikalisierung der Protestbewegung ausging, nicht möglich gewesen. Von heute aus ist das alles, Studentenrevolte, enthusiasmierte Re-Ideologisierung, terroristischer Amoklauf, nur noch halb verdeckt und entrückt zu erkennen - hinter dem Schleier einer Geschichte, die im vergangenen Jahrzehnt das halbe Jahrhundert und das ganze Europa umgestülpt hat.Selbst die Zeit- und Generationsgenossen tun sich schwer mit der Erinnerung, und auch die Heldenlieder und Damals-Rhapsodien, die schon bald über Demonstrationen und Aktionen aufstiegen und die 68er-Bewegung für ein, zwei Nachfolgegenerationen in den Farben der Utopie illuminierten, sind reichlich schal geworden.Bleibt mehr von diesem 2.Juni 1967 als der Eindruck einer heftigen Kontraktion im Gang der Dinge, über die dann die Entwicklungen, die das Ereignis selbst angeschoben hatte, mit nicht mehr zu bremsender und schon gar nicht steuerbarer Gewalt hinwegging? Der Gedanke gehe "der Tat voraus wie der Blitz dem Donner", hat Heinrich Heine einmal geschrieben und damit einen Grundzug der modernen Revolutionen und Umstürze aphoristisch markiert.Die Rebellionen, Auf- und Einbrüche dieses Jahrzehnts zwischen 1967 und 1977 gehorchen ohne Frage diesem Prinzip, vielleicht in einer Überzogenheit, die der Grund für ihre massive Entmythologisierung nach 1989 ist.Aber an diesem Tag vor dreißig Jahren war einmal der Fall zu besichtigen, daß es eine "Tat" war, vielmehr ein Zufall, also das unvorhersehbare Ereignis, die dem "Gedanken", dem Denken eines Teils einer Generation die jähe, geschichtsträchtige Beschleunigung gab.

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