Zeitung Heute : Ein Schritt vorwärts und zwei zurück

CARSTEN GERMIS

Nostalgie als Zukunftsprogramm? Von heute an treffen sich 550 Delegierte der PDS für drei Tage in Rostock, um das Wahlprogramm der Partei zu beratenVON CARSTEN GERMISSolche Geschichten kennt wohl jeder, der sich einmal länger mit Abgeordneten der PDS unterhalten hat."Ich habe Bauchgrimmen, wenn ich vor die grauen Reihen der Basis trete", klagen sie.Selbst Medienstar Gregor Gysi gesteht, er habe solche Gefühle schon gehabt.Diese Basisversammlungen sind die Quellen dessen, was im Westen nur als Ostgejammer ankommt.Besonders laut und schrill tragen es diejenigen vor, die damit zu übertönen suchen, daß sie selbst ganz vorn dabeigewesen sind.Nostalgie als Zukunftsprogramm? Von heute an treffen sich 550 Delegierte der PDS für drei Tage in Rostock, um das Wahlprogramm der Partei zu beraten.Da wird wieder viel vom Aufbruch die Rede sein.Nur, hinter der optimistischen Rhetorik ist von einem Aufbruch nicht viel zu spüren. Die Basis rebelliert gegen Bundestagskandidaten, die von der Führung vorgeschlagen werden.Die als PR-Gag geplante Nominierung Elmar Schmählings geriet zum Riesenflop.Mit einem Bankrotteur läßt sich die Mitte Berlins nicht erobern.Der Glanz der PDS verblaßt.Auch inhaltlich hat die Partei wenig zu bieten.Nichts zeigt das deutlicher als das "Rostocker Manifest", das am Sonntag zum Abschluß des Parteitags vorgetragen werden soll.Einen tieferen Griff in die Mottenkiste altlinker Programmatik haben die SED-Erben lange nicht gewagt.Dazu entlarvt der Staatsvertrag zwischen dem Bund und den ostdeutschen Ländern, den sie nun wollen, einen latenten Separatismus.Den kann sich eine Partei aber schlicht nicht erlauben, die von einer gesamtdeutschen sozialistischen Zukunft träumt.Einen Schritt vor, zwei zurück.Links ist das nicht, und es ist ein bißchen zuwenig, um sich auf Dauer im Parteiensystem zu etablieren. Für die PDS ist es überlebensnotwendig, daß sie die antiwestlichen Stimmungen einer starken Minderheit in den neuen Ländern aufnimmt.Dort liegt nach wie vor ihre Machtbasis.Im Osten ist die PDS auch stark, weil sie die politische Heimat derer ist, die sich mit dem Untergang der DDR nicht abfinden wollen.Sie lebt davon, daß sie denen eine Stimme verleiht, die zwar materiell ganz gut gestellt sind, aber den sozialen Prestigeverlust durch den als Anschluß diffamierten Beitritt zur Bundesrepublik nicht verwinden können.Im trotzigen Nein zur neuen Ordnung vereinen sie sich mit denen, die unter dem wirtschaftlichen Desaster in Ostdeutschland leiden.Überzeugende Rezepte für den Osten hat die PDS nicht.Aber sie bringt die Ressentiments auf den Punkt, in denen sich die Verlierer der Einheit mit denen einig fühlen, die den Verlust von Prestige und Einfluß betrauern.Deswegen vor allem wird sie gewählt. Doch was in Ostdeutschland - noch - ihre Stärke ist, ist auch einer der Hauptgründe dafür, daß der seit langem von Gysi und PDS-Chef Lothar Bisky geforderte Kultursprung der PDS in den Westen nicht gelungen ist.Ohne eine Änderung der PDS kann er auch nicht gelingen.Als Ein-Punkt-Partei des Ostens bleibt sie meilenweit von dem entfernt, was eine gesamtdeutsche sozialistische Partei sein müßte.Ein Gregor Gysi allein reicht nicht, solange die Verkrustung der überalterten Partei anhält.Die Bundesrepublik ist der PDS immer noch genauso fremd wie die PDS den Menschen im Westen.Texte wie das "Rostocker Manifest" tragen wenig dazu bei, diesen Graben zu überwinden.Warum sollten sie auch? Von der Pflege des Grabens hängt schließlich das Überleben der Partei ab. Die Existenz der PDS steht und fällt damit, ob es ihr gelingt, im September wieder in den Bundestag zu kommen.Bei ihrer anhaltenden Schwäche in den alten Ländern dürfte es schwer werden, die Fünf-Prozent-Hürde zu nehmen.Die Parteiführung weiß das.Und sie fürchtet den Schröder-Faktor.Gelänge es den Sozialdemokraten, den Genossen Trend auch in Ostdeutschland zu ihren Gunsten auf Trab zu bringen und der PDS ein oder zwei ihrer sicher geglaubten Direktmandate abzujagen, verschwände sie schnell in der Versenkung.Ohne Bonner - ab 1999 Berliner - Bühne wäre der Weg zur ostdeutschen Regionalpartei, die sich langsam überlebt, unumkehrbar.Allein der Wiedereinzug in den Bundestag gewährt der PDS einen neuen Fristaufschub: vier Jahre, um den überfälligen Kultursprung nach Westen doch noch zu schaffen.Doch wer beim Anlauf mehr nach hinten als nach vorne schaut, springt selten weit genug.

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