Zeitung Heute : Ein Spagat zwischen Wahrheit und Wohlwollen

ANDREAS SCHMIDT-RÖGNITZ

Wird ein Arbeitsverhältnis beendet oder steht dessen Beendigung unmittelbar bevor, kann der Arbeitnehmer von seinem Arbeitgeber ein schriftliches Zeugnis verlangen, um hierdurch einen Nachweis über seine Tätigkeit und Qualifikation zu erhalten.Da das Arbeitszeugnis aber zugleich auch dem Zweck dient, einem nachfolgenden Arbeitgeber einen möglichst zutreffenden Eindruck über die Kenntnisse und Fähigkeiten des Stellenbewerbers zu vermitteln, unterliegen bereits einfache Zeugnisse, durch die lediglich die Ausübung einer bestimmten Tätigkeit bescheinigt wird, strengen formalen sowie inhaltlichen Vorgaben.

So ist das Zeugnis grundsätzlich maschinenschriftlich auf dem für die geschäftliche Korrespondenz üblichen Briefpapier auszufertigen und von dem Arbeitgeber oder einem Personalbevollmächtigten eigenhändig zu unterschreiben.Das Erscheinungsbild muß optisch einwandfrei sein.Dabei darf der Text selbstverständlich keinerlei Zeichen oder Zusätze enthalten, die als "Geheimzeichen" mißdeutet werden könnten.Weiterhin muß die Person des Arbeitnehmers mit Vor- und Zunamen sowie einem eventuell vorhandenen akademischen Grad eindeutig bezeichnet werden.

Darüber hinaus muß jedes Zeugnis den Zeitraum der Beschäftigung sowie die wesentlichen Aufgaben des Arbeitnehmers erkennen lassen, wobei gerade bei herausgehobenen Funktionen detaillierte Angaben erwartet werden.Hingegen sind Informationen, die nicht mit der Tätigkeit des Arbeitnehmers im Zusammenhang stehen, nicht aufzunehmen.Hierzu gehören insbesondere Hinweise auf gewerkschaftliche oder betriebsverfassungsrechtliche Aktivitäten.

Verlangt der Arbeitnehmer die Erteilung eines sogenannten qualifizierten Zeugnisses, hat der Arbeitgeber zusätzlich die Leistung und das Verhalten des Mitarbeiters zu beurteilen.Obwohl auch in diesem Fall der Wortlaut des Zeugnisses im Ermessen des Arbeitgebers steht, gerät dieser bei der Abfassung des Textes nicht selten in eine diffizile rechtliche Situation: So hat er einerseits die Leistungen und das Verhalten des Arbeitnehmers wahrheitsgemäß zu beurteilen, um nicht zuletzt auch möglichen Schadensersatzansprüchen eines nachfolgenden Arbeitgebers zu begegnen.Auf der anderen Seite ist die Beurteilung jedoch so wohlwollend zu formulieren, daß das berufliche Fortkommen des Arbeitnehmers nicht unnötig erschwert wird.

Daraus ergibt sich zwangsläufig ein Spagat zwischen einer wahrheitsgemäßen Beurteilung mit gleichzeitig "positiven" Formulierungen.Im Lauf der Zeit hat sich eine Zeugnissprache entwickelt, die dem kundigen Leser ein recht genaues Bild über die Leistungen des Beurteilten vermittelt.So wird eine hervorragende Leistung des Arbeitnehmers üblicherweise mit dem Prädikat "stets zu unserer vollsten Zufriedenheit" umschrieben, während die Wendungen "zu unserer vollsten Zufriedenheit" oder "stets zu unserer vollen Zufriedenheit" gute Leistungen kennzeichnen.

Waren die Leistungen des Arbeitnehmers demgegenüber zufriedenstellend, bietet sich die Formulierung "zu unserer vollen Zufriedenheit" an; wurde auch dieser Leistungsgrad nach Einschätzung des Arbeitgebers nicht erreicht, findet sich in der Regel lediglich ein "zu unserer Zufriedenheit".Hat sich der Arbeitgeber schließlich "stets bemüht, den Anforderungen gerecht zu werden", drückt dies nicht etwa die Anerkennung eines besonderen Einsatzes aus, sondern kennzeichnet eine mangelhafte Leistung.Um daneben auch die Arbeitserfolge beziehungsweise die Arbeitsergebnisse des Mitarbeiters beurteilen zu können, enthalten qualifizierte Zeugnisse oftmals die Formulierungen "Er / Sie erledigte seine / ihre Aufgaben stets mit äußerster Sorgfalt und Genauigkeit (= sehr gut), "mit großer Sorgfalt und Genauigkeit" (= gut) oder "sorgfältig und genau" (= befriedigend).

Neben diesen und anderen Formulierungen, die in erster Linie eine Aussage über die Leistungen des Mitarbeiters enthalten, gibt es eine Vielzahl weiterer Floskeln, durch die das dienstliche Verhalten eines Arbeitnehmers dargestellt wird.Dabei wird beispielsweise ein einwandfreies soziales Verhalten eines Arbeitnehmers üblicherweise mit den Worten "Sein / Ihr Verhalten gegenüber den Vorgesetzten und Kollegen war stets vorbildlich" angedeutet.Wird der Mitarbeiter demgegenüber als "sozial engagiert" und "unter seinen Kollegen (nicht jedoch unter seinen Vorgesetzten!) beliebt" bezeichnet, verbirgt sich dahinter nicht selten ein dem Arbeitgeber gegenüber kritisch eingestellter oder "gar" im Betriebsrat engagierter Arbeitnehmer.

Aber auch die Schlußformeln, mit denen ein Arbeitszeugnis üblicherweise endet, enthalten in der Regel typische Formulierungen, die beispielsweise die rechtlichen Umstände des Ausscheidens beschreiben.So wird der Abschluß eines vom Arbeitgeber veranlaßten Aufhebungsvertrages in der Regel durch die Worte "Er / Sie verläßt uns im (besten) gegenseitigen Einvernehmen" angedeutet, während die Beendigung eines Arbeitsvertrages durch eine arbeitnehmerseitige Kündigung mit der Wendung "Er / Sie verläßt uns auf eigenen Wunsch" gekennzeichnet wird.Hat der Arbeitgeber das Arbeitsverhältnis erfolgreich gekündigt, finden sich in der Regel die lapidaren Worte "Das Arbeitsverhältnis endete zum..."

Da es ferner üblich ist, daß ein Zeugnis mit einem Bedauern des Arbeitgebers über den Verlust des Mitarbeiters sowie besten Wünschen für dessen Zukunft endet, werden am Abschluß eines Zeugnisses entsprechende Worte erwartet.Heißt es jedoch lediglich "Wir wünschen ihm / ihr alles Gute", läßt sich die Freude des Arbeitgebers über das Ausscheiden des Arbeitnehmers förmlich mit den Händen greifen.

Neben dieser "Technik", dem geübten Zeugnisleser durch zunächst wohlklingende Formulierungen einen möglichst realistischen Eindruck über den Arbeitnehmer zu vermitteln, kann ein Zeugnis aber auch bewerten, indem es notwendige Informationen nicht enthält.Fehlt etwa in dem Zeugnis eines leitenden Angestellten eine Aussage über das jederzeit genossene Vertrauen des Unternehmens, läßt dies im Ergebnis tief blicken.Ebenso aufschlußreich ist, wenn in der Beurteilung für einen Kassierer kein Wort über dessen Zuverlässigkeit steht.

Der Autor ist Professor an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft, Berlin.

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