• Ein Staat in Auflösung Brüder im Geiste „Das wird mehrere Jahre dauern“ Afrika-Experte Mair über Liberia ohne Taylor

Zeitung Heute : Ein Staat in Auflösung Brüder im Geiste „Das wird mehrere Jahre dauern“ Afrika-Experte Mair über Liberia ohne Taylor

Seit 14 Jahren bekämpfen sich die Menschen in Liberia gegenseitig. Jetzt soll mit der Abdankung von Charles Taylor der Frieden beginnen. Ob die Gewalt tatsächlich beendet werden kann, ist fraglich. Denn die Gefahr, dass alles noch viel schlimmer kommt, ist nicht gebannt.

Wolfgang Drechsler[Kapstadt]

Taylor soll mit Al Qaida kooperiert haben

DER BÜRGERKRIEG IN LIBERIA

STEFAN MAIR

arbeitet für das

Deutsche Institut für Internationale Politik und Sicherheit der

Stiftung Wissenschaft und Politik. Er ist Mitglied des Afrikaberatungskreises des

Auswärtigen Amts. Foto: dpa

Von Wolfgang Drechsler,

Kapstadt

Charles Taylor gefällt sich in vielen Rollen. Der liberianische Kriegsfürst, der gestern nach wochenlanger Verzögerung endlich als Staatschef des westafrikanischen Landes zurücktrat und das Land verließ, mimt gerne den Macho, mit Sonnenbrille und weißem Smoking. Oder er spielt den Part, der ihm eigentlich auf den Leib geschnitten ist: den brutalen Kriegsherrn und Paten des Terrors in der Region. Mit besonderer Vorliebe stilisiert sich der 55-Jährige jedoch zum Friedensstifter, der sich angeblich nichts mehr wünscht als Ruhe und Wohlstand für sein Volk.

Seine vermeintliche Friedenssehnsucht stand auch im Mittelpunkt der 15-minütigen Abschiedsrede, die Taylor am Tag vor seinem Rücktritt vom Präsidentenamt im heimischen Wohnzimmer aufzeichnen ließ. Was er den Menschen des von ihm ruinierten Landes darin zu sagen hatte, war an Zynismus kaum zu überbieten: „Ich kann dem Leiden meines Volkes nicht länger zusehen und bin deshalb bereit, meine Präsidentschaft zu opfern; denn ihr zählt mehr als alles andere“, erklärte Taylor melodramatisch.

Ominös klangen vor allem die letzten Worte seiner Rede, in denen er, noch ehe er überhaupt aus dem Amt geschieden war, bereits seine Rückkehr in Aussicht stellte. Knapp 24 Stunden nach Ausstrahlung der Rede in Rundfunk und Fernsehen und mehr als zwei Stunden nach der eigentlich für Punkt 11 Uhr 59 geplanten Zeremonie, trat Taylor am Nachmittag dann tatsächlich zurück und übergab die Amtsgeschäfte an seinen langjährigen Kampfgefährten Moses Blah. Der enge Vertraute Taylors weiß offenbar, dass seine Zeit im höchsten Staatsamt nur ein kurzes Interregnum sein wird. Unmittelbar nach der Machtübernahme kündigte Blah bereits ein Treffen mit Vertretern der Rebellenorganisationen an. „Wir sollten die Waffen niederlegen und die Friedenspfeife rauchen“, sagte er. Am Präsidentenamt selbst habe er kein Interesse.

Dies dürfte neben den Nachbarstaaten auch die beiden liberianischen Rebellenbewegungen freuen, die seit längerem eine Übergangsregierung mit einem neutralen Führer fordern. In der Bevölkerung hat sich wegen der Hinhaltetaktik Taylors ohnehin bereits der Verdacht aufgedrängt, dass dieser die Macht nur pro forma an seinen Vizepräsidenten weiterreicht, aber im Hintergrund weiterhin die Fäden zieht, möglicherweise sogar aus dem nigerianischen Exil.

Unter Beobachtern gilt derweil als sicher, dass es sich bei Blah nur um einen Mann des Übergangs handelt. Für die meisten ist der 56-Jährige ein unbeschriebenes Blatt: Ehe er sich 1989 der Exilarmee Taylors in Libyen anschloss und den bewaffneten Kampf gegen den damaligen liberianischen Diktator Samuel Doe aufnahm, studierte Blah einige Zeit in Hamburg und spricht seitdem fließend Deutsch. Nach dem Sieg Taylors bei den liberianischen Präsidentschaftswahlen im Jahre 1997 wurde Blah zunächst Botschafter seines Landes in Libyen und Tunesien und schließlich vor drei Jahren Vizepräsident.

Undurchsichtige Lage

Bevor Taylor am Montagabend tatsächlich eine nigerianische Präsidentenmaschine bestieg, war den ganzen Tag über unklar, ob er sich wirklich zu diesem Schritt durchringen würde. Mit seinem Abflug löste er ein Versprechen ein, das er am Wochenende vor einer CNN-Kamera abgegeben hatte – nämlich nach dem Amtsverzicht nach Nigeria ins Exil zu gehen. Erst letzte Woche hatte der Kriegsherr seinen Gang ins Exil an eine neue Bedingung geknüpft: Hatte er zuvor das Eintreffen einer Friedenstruppe im Land zur Auflage dafür gemacht, forderte er nun, sich nicht mehr für die ihm zur Last gelegten Kriegsverbrechen verantworten zu müssen.

In Liberia selbst war die Lage am Tag des Machtwechsels völlig undurchsichtig: Auf der einen Seite könnte Taylors Rückzug den Weg für eine friedliche Lösung des 14-jährigen Bürgerkriegs bahnen. Auf der anderen könnte dem westafrikanischen Land das Abgleiten in ein neues Blutbad drohen. Sollten die stark demoralisierten Soldaten und Milizionäre des Ex-Präsidenten als Schuldige des Bürgerkriegs stigmatisiert werden, „könnte die Hölle losbrechen“, warnte ein Sprecher Taylors. Erschwerend kommt hinzu, dass die inzwischen eingetroffene Friedenstruppe nach Einschätzung von Beobachtern nicht stark genug ist, um bei einem möglichen Machtvakuum für Ordnung zu sorgen. Von den angekündigten 3000 Soldaten befanden sich am Montag nur knapp 700 vor Ort. Die meisten von ihnen sind noch immer am Flughafen stationiert, 50 Kilometer vor den Toren Monrovias, wo sie auf das Eintreffen von Verstärkung aus den Nachbarstaaten warten.

Er hat nicht nur Verbrechen begangen, sondern sich offenbar auch mit international agierenden Kriminellen verbündet. Charles Taylor habe mit der Terrororganisation Al Qaida kooperiert, berichtete im Dezember 2002 die „Washington Post“. Zwei Monate nach dem Terrorangriff des 11. September habe der liberianische Präsident zwei weltweit gesuchten Al-QaidaMännern Unterschlupf gewährt. Die britische Tageszeitung „The Guardian“ nannte die Namen: Ahmed Chalfan Ghailani und Fasul Abdullah Mohammed, beide vom FBI auf der Liste der 21 „Most Wanted Terrorists“ geführt. Die Terroristen seien aus Burkina Faso gekommen und sollen in einem Militärcamp untergebracht worden sein, nahe einer Privatfarm von Charles Taylor. Dieser habe eine Million Dollar Bestechungsgeld kassiert.

Der Tansanier Ahmed Chalfan Ghailani und der von den Komorischen Inseln stammende Fasul Abdullah Mohammed waren laut FBI an den Anschlägen auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania im August 1998 beteiligt. 230 Menschen starben, mehr als 5000 wurden verletzt.

Die beiden Terroristen sollen ihren Aufenthalt in Liberia genutzt haben, um Diamanten im Wert von 20 Millionen Dollar zu kaufen. Wie lange die Al-Qaida-Leute in Liberia geblieben sind, ist allerdings unklar. Nach Angaben der „Washington Post“ hat das amerikanische Verteidigungsministerium versucht, der beiden Terroristen habhaft zu werden. In Guinea, einem Nachbarstaat Liberias, habe ein kleines Special-ForcesTeam bereitgestanden, sei aber dann doch nicht zum Einsatz gekommen. Charles Taylor hat den Vorwurf, er habe sich mit Al Qaida zusammengetan, immer bestritten. Frank Jansen

Herr Mair, ist der Abgang von Charles Taylor eine Chance für Liberia oder droht jetzt die totale Anarchie?

Ich würde es eher als Chance sehen. Taylor hat zwar nicht alle Probleme des Landes verursacht. Er hat aber viele verschärft und das Land zum Ausgangspunkt von Regionalkonflikten gemacht. Dennoch: Die Gefahr, dass jetzt alles ins völlige Chaos abrutscht, besteht durchaus.

Ist Liberia ein typisches Beispiel für Krisen auf dem afrikanischen Kontinent?

Es ist auf jeden Fall ein typisches Beispiel für ein Phänomen, dass wir in Afrika schon seit Jahren beobachten: die Verbreitung von Kriegsherren. Ihnen ist die Entwicklung ihres Landes relativ egal. Sie versuchen nur, die Rohstoffe und Märkte des Landes zur Mehrung ihres eigenen Nutzens auszubeuten. Charles Taylor ist mit Sicherheit das Modell für dieses Phänomen.

Wie kann die Weltpolitik diesem Phänomen begegnen?

Ich denke, in vielen Fällen wird kaum etwas anderes übrig bleiben, als militärisch zu intervenieren. Das haben wir in Sierra Leone gesehen, wo ebenfalls Kriegsherren den Friedensprozess hintertrieben haben. Das militärische Eingreifen vor zweieinhalb Jahren hat eine Stabilisierung gebracht. Im Osten Kongos ist es ähnlich. Man muss aber auch die Geschäfte der Kriegsherren mit Diamanten, Tropenhölzern und anderen wertvollen Ressourcen unterbinden.

Wie kann denn nach einer militärischen Intervention die politische Lösung aussehen?

Die können wir nicht ausarbeiten. Das müssen die Konfliktparteien und andere gesellschaftliche und politische Gruppen aushandeln. Das wird aber in Liberia mehrere Jahre dauern. Wir sollten sehr zufrieden sein, wenn wir dort in den nächsten zwei, drei Jahren die brutale Gewalt beenden können.

Gibt es in Liberia überhaupt eine gewaltfreie Alternative zu Charles Taylor?

Die ist kaum zu sehen. Das Land wird seit langer Zeit autoritär geführt und unterliegt einem starken Verfall. Für politische und gesellschaftliche Kräfte bestanden da kaum Freiräume. Es gibt ein paar Exilpolitiker, aber die haben kaum Rückhalt in der Bevölkerung. Es gibt keine Führungsfiguren. Die müssen in den nächsten zwei, drei Jahren, die hoffentlich ohne Gewalt vergehen, noch hervortreten.

Glauben Sie, dass Charles Taylor sich eines Tages vor einem Gericht für seine Taten verantworten wird?

Ich hoffe das sehr. Selbst wenn er in Nigeria Zuflucht sucht, sollte der Druck auf Nigeria so stark wachsen, dass das Land Taylor eines Tages ausliefert. Dieses Szenario würde ich nicht ausschließen. Ich denke, dass gerade Personen wie Charles Taylor sich vor Gericht für das, was sie getan haben, verantworten müssen. Das wäre auch ein wichtiges Signal für viele andere Gewaltherrscher auf der Welt.

Das Gespräch führte Lutz Haverkamp.

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