Zeitung Heute : Ein Student und eine Universität im Aufbruch

Er träumte vom Nobelpreis für Physik: Doch an der Freien Universität startete Edzard Reuter eine ganz andere Karriere

Oliver Trenkamp

Da hockt der junge Mann auf einem der wenigen Klappsitze, eingepfercht in den Laderaum, Kohlenstaub und Dreck überall. Aber es geht nur so, nur in einem dieser Flugzeuge, die Berlin aus der Luft versorgen und auf dem Rückweg ein paar Menschen mitnehmen. Einen anderen Weg aus der Stadt gibt es nicht für ihn, den Sohn des berühmten Bürgermeisters. Und fort muss er. Schließlich will er studieren, unbehelligt, Mathe und Physik, der Nobelpreis wartet, davon ist er überzeugt. Edzard Reuter flüchtet aus dem eingeschlossenen Berlin des Jahres 1948, da ist er 20 Jahre alt und will hoch hinaus.

Sein Studium hat er an der Universität Unter den Linden begonnen, doch die liegt im Ostteil der Stadt. Wer dort den Sozialismus kritisiert, muss mit Repressalien rechnen. Studenten werden exmatrikuliert, manche verschwinden unter mysteriösen Umständen. „Eine latente Gefahr“, nennt es Edzard Reuter. Und der ist immerhin der Sohn von Ernst Reuter, dem Bürgermeister, der während der Berlin-Blockade wie kein anderer für den Widerstand der Berliner steht und für ihren Durchhaltewillen. Ernst Reuter war es, der im Herbst 1948 die „Völker der Welt“ aufrief, auf Berlin zu schauen und die Stadt nicht preiszugeben. Edzard, der Sohn, stand damals nur wenige Meter entfernt von seinem Vater, dem Tausende zujubelten als er die Rede vor der Reichstagsruine hielt. „Mein Vater hat frei gesprochen, wie fast immer“, erinnert sich Edzard Reuter, „nur ein paar Stichpunkte hatte er sich notiert.“

Die Familie beschließt schließlich gemeinsam: Der Sohn soll in Göttingen weiterstudieren, die Risiken an der Universität Unter den Linden seien zu hoch. In Göttingen allerdings zerschlagen sich Edzard Reuters Ambitionen auf höchste akademische Weihen schnell. Der Student ist für Mathematisches zwar nicht unbegabt, aber seine Lösungswege sind eher umständlich. „So genial, wie ich dachte, war ich leider nicht – das musste ich in Göttingen einsehen“, sagt Reuter. „Das mit dem Nobelpreis wäre bei mir wohl nichts geworden.“ Ein Mitbewohner im Studentenwohnheim rät ihm: Vergiss Mathe und Physik! Mit Jura kannst du Karriere machen. Es ist Horst Ehmke, der später unter Willy Brandt Bundesminister werden wird.

Während Reuter in Göttingen seine Karrierepläne überdenkt, meistern die Berliner die Bedrohung der sowjetischen Blockade. Es gelingt sogar, eine neue Hochschule aufzubauen: die Freie Universität. Reuter entscheidet sich daraufhin, in seine Heimatstadt zurückzukehren und an der neuen Universität zu studieren. Nicht nur aus akademischen Gründen: „Die Freie Universität war ein Synonym für den Freiheitskampf in Berlin, da wollte ich vorne mit dabei sein.“ Er bewirbt sich an der juristischen Fakultät – und vergeigt erst einmal die Aufnahmeprüfung. „Ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen“, sagt Reuter, „die haben mich ganz absurde Dinge gefragt.“ Die Eroberung von Konstantinopel, die genaue Lage von Bogotá – um solche Themen sei es bei dem Test gegangen. Erst nach Fürsprache seines Kommilitonen Helmut Coper, dem Studenten mit der Immatrikulationsnummer zwei, und nach einigem Hin und Her wird er schließlich immatrikuliert.

Zu Beginn seines Studiums erlebt Reuter noch den ständigen Kampf gegen Geld- und Materialmangel an der Freien Universität. Noch 1949 schreibt ein amerikanischer Offizier über den Kurator der klammen Hochschule, Fritz von Bergmann: „Im August 1949 hat Dr. von Bergmann den größten Teil seiner Zeit und Kraft dafür aufgewendet, Gläubiger abzuwehren und Abschlagszahlungen auf die dringlichsten Rechnungen zu veranlassen. Die August-Gehälter sind nicht voll ausbezahlt worden.“ Aber die Zeit, in der jeder Student seinen Stuhl von Hörsaal zu Hörsaal schleppt, ist schnell vorbei. Die 50er Jahre sind für die Freie Universität eine Zeit der Konsolidierung. Die Stadt Berlin hat zwar nach der Blockade mit einer Haushaltsnotlage zu kämpfen, dennoch bewilligt der Magistrat dringend benötigte Millionen. Hilfe kommt schließlich auch aus Bonn – und immer wieder von den Amerikanern: Von 1950 bis 1953 erhält die Universität jedes Jahr zwei Millionen Mark aus der Kasse des amerikanischen Hochkommissars. Keine andere einzelne Institution wird mit solchen Summen gefördert.

Reuter, einer von knapp 5000 Studenten, arbeitet schnell und diszipliniert, sein Studienbuch verzeichnet 30 und mehr Wochenstunden. Innerhalb von nur sechs Semestern absolviert er sein Studium. „Ich wollte fertig werden, ich habe einfach nicht geschludert“, sagt er. Danach heuert er als Assistent am Lehrstuhl für Staatsrecht an, bei seinem Professor Martin Draht, und korrigiert Klausuren.

Reuter bewundert an seinen Professoren, vor allem an Draht und dem Wirtschaftsrechtler Ernst Hirsch, die Fähigkeit zu lehren: „Auch vor einem großen Auditorium konnten sie so sprechen, dass man bis zum Schluss zuhörte“, sagt Reuter, „sie nahmen die Lehre sehr wichtig.“ Das große juristische Staatsexamen legt er 1955 ab. Sein Vater erlebt das nicht mehr: Ernst Reuter stirbt 1953. Bei der Beerdigung spielen die alliierten Militärkapellen erstmals das Deutschlandlied – um den Bürgermeister einer Stadt zu ehren, die formal noch lange nicht zur Bundesrepublik gehört, sondern als besetztes Gebiet gilt. Edzard Reuter sagt: „Diese Geste hat mich tief bewegt damals.“

Reuter trägt sich nach dem Examen mit dem Gedanken, ebenfalls in die Politik zu gehen. Gestalten will er, etwas leisten, etwas bewegen. Allerdings konnte er bei seinem Vater beobachten, wie der sich bei parteiinternen Streitereien aufrieb. Er aber will unabhängig sein, eigene Entscheidungen treffen. Das sicherste Rezept für Unabhängigkeit: Erfolg. Also geht er in die Wirtschaft, will jedoch nicht in irgendeiner Rechtsabteilung versauern, sondern am liebsten ganz nach oben, ins Management, in die Chefetage. Er bewirbt sich bei Daimler-Benz – vergeblich. „Wie mir später Hanns Martin Schleyer erzählte, wollten die keinen SPD-Mann bei sich haben“, sagt Reuter. Ein paar Jahre verbringt er bei der Ufa in Berlin und bei Bertelsmann in München. Schließlich gelingt ihm der Sprung zu Daimler doch: Schleyer holt ihn 1964. Von nun an geht es steil bergauf: stellvertretendes Vorstandsmitglied, Vorstandsmitglied, Finanzchef, Vorstandsvorsitzender.

Der Kontakt zur Freien Universität bricht nie ganz ab, Reuter ist Mitglied im Förderverein der Hochschule, der Ernst-Reuter-Gesellschaft, und sitzt im Kuratorium. Enger noch bleibt die Beziehung zu seiner Heimatstadt Berlin. Schon vor dem Fall der Mauer und unmittelbar danach liegt ihm die Gestaltung des Potsdamer Platzes besonders am Herzen, in den 90ern ist er sogar als SPD-Spitzenkandidat im Gespräch. Heute schreibt er Bücher und hat mit seiner Frau eine Stiftung aufgebaut, die „im Dienste der Völkerverständigung zur Integration unserer Gesellschaft“ beitragen soll.

Und zu welchem Studienfach rät der ehemalige Spitzenmanager jungen Menschen, die heute etwas erreichen wollen? „Auf das Fach kommt es nicht so sehr an“, sagt Reuter, „auch als Theologe können Sie Karriere machen.“ Wichtig sei die Bereitschaft anzupacken. „Alle wollen heute Unternehmensberater werden. Ich würde aber dazu raten: Geht zuerst in ein Unternehmen hinein und löst alltägliche Aufgaben.“ Der Mann, dessen Karriere einst mit der Flucht im Laderaum eines Kohleflugzeuges begann, muss es wissen.

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