Zeitung Heute : Ein Stück Frankreich für alle

Die Internationale Organisation der Frankophonie stärkt die sprachliche und kulturelle Vielfalt ihrer Mitgliedstaaten in aller Welt

Ingo Kolboom

Als sich im Oktober 2002 in Beirut der französische Staatspräsident Jacques Chirac mit 55 anderen Staats- und Regierungschefs aus fünf Kontinenten zum 9. „Frankophonie-Gipfel“ versammelte, war dies deutschen Medien nicht einmal eine Agenturmeldung wert. Dabei war das Thema dieses Gipfels auch für ein Land, das sich immer noch gerne auf seine Dichter und Denker beruft, höchst aktuell: Es ging um den Dialog der Kulturen und die kulturelle Vielfalt in der globalen Welt.

Wenn der Begriff „Frankophonie“ in Deutschland nur Insidern bekannt ist, dann wundert dies nicht angesichts des eklatanten Mangels an Informationen zu einer zwischenstaatlichen Organisation, die in keinem Weltalmanach und Länderlexikon fehlen dürfte. Das 2002 in Beirut anberaumte Treffen ist die oberste Instanz eines weltumspannenden Netzwerkes, das alle französischsprachigen, alle teilweise französischsprachigen Länder (bis auf Algerien) und sogar etliche andere Staaten vereint und sich „Organisation Internationale de la Francophonie“ OIF ( www.francophonie.org ) nennt.

Frankreich ist ein Mitglied unter vielen, wenn auch das wichtigste, aber auch Kanada und Québec sowie Belgien und die Schweiz sind Mitglieder, ganz abgesehen von allen subsaharischen Staaten Afrikas, in denen Französisch gesprochen wird.

Doch auch Länder aus Asien und sogar Osteuropa sind Mitglied der OIF (das jüngste ist die Slowakei). Insgesamt sind es 51 Vollmitglieder und sechs Mitglieder mit Beobachterstatus. Die OIF ist eine unter anderem bei den Vereinten Nationen, bei der EU, bei der Organisation für Afrikanische Einheit akkreditierte Internationale Organisation mit zahlreichen Untergliederungen, deren Instanzen vielfältige Aufgaben in Politik, Wirtschaft, Kultur, Technik, Wissenschaft und Bildung wahrnehmen. Die bekanntesten sind das frankophone Weltfernsehen TV 5 ( www.tv5.org ) und die Agentur frankophoner Universitäten (AUF), aber auch eine eigene Internationale Universität, eine Versammlung frankophoner Parlamentarier und eine Vereinigung frankophoner Bürgermeister gehören dazu.

Die OIF, an deren Spitze ein Generalsekretär steht, versteht sich als „global player“ in der internationalen Politik, als „kulturelle Sicherheitsgemeinschaft“, die einerseits nach innen die Einheit und Vielfalt der frankophonen Weltgemeinschaft koordiniert und organisiert, anderseits deren Interessen in die internationale Politik und Wirtschaft einbringt. Dabei versteht sie sich auch als exemplarischer Akteur zum Schutz der Vielfalt kultureller Güter und Dienstleistungen, die sie von einer anglophon geprägten Globalisierung und Hegemonie in allen Bereichen, von der Kultur bis zur Wirtschaft, bedroht sieht.

Die Geschichte der jungen OIF reicht weit in das 20. Jahrhundert hinein und verliert sich in einem damals unübersichtlichen assoziativen Netzwerk von nationalen und internationalen Vereinigungen und Organisationen zum Schutz der französischen Sprache und Kultur in Frankreich selbst, aber auch in anderen frankophonen Kernländern. Natürliches Kraftzentrum dieser Bewegung war lange Zeit Frankreich, das europäische und überseeische Frankreich mit seinem Kolonialreich in Afrika und Asien. Aber es war nicht Frankreich, das die Initiative für eine internationale Spitzenorganisation ergriff, sondern es waren afrikanische Staaten nach ihrer Unabhängigkeit und das frankophone Québec, die seit Ende der 1960er Jahre in diesem Sinne aktiv wurden. Somit kamen auch Frankreich und Kanada auf die Umlaufbahn einer nunmehr polyzentrischen Frankophonie. Erste Etappe war 1970 eine Weltagentur für Zusammenarbeit auf Ministerebene. Dann berief nach etlichen Verzögerungen Mitterrand 1986 den ersten „Frankophonie-Gipfel“ in Paris ein, der alle zwei Jahre als feste Instanz tagen sollte. Diese wurde nach und nach der sichtbarste politische Ausdruck der frankophonen Sprecher- und Länder-Gemeinschaft, was aber zunächst wenig an der Unübersichtlichkeit einer institutionellen Landschaft änderte, in der viele Pressure groupes neben – oder gar gegeneinander agierten. Erst Mitte der 90er Jahre bahnte sich der organisatorische Ausbau der Gipfelkonferenz als ständige Einrichtung an, der nach und nach die wichtigsten frankophonen Agenturen untergeordnet wurden. Dieses nun hierarchisch gegliederte Ensemble erhielt 1998 den offiziellen Namen OIF.

So weit die Geschichte einer Organisation, hinter der eine „kulturelle Makro-Region“ steht, die die Länder in der Welt umfasst, in denen Französisch gesprochen wird oder in denen Französisch einen besonderen Platz hat oder die sich aus unterschiedlichen Motiven der Frankophonie verbunden fühlen.

Aus deutscher Sicht stellt sich die Frage nach dem Nutzen einer solchen Organisation, die häufig in den falschen Verdacht kommt, nur ein machtpolitisches Instrument Frankreichs zu sein. Erstens nützt sie natürlich den Frankophonen selbst; sie stärkt deren sprachlich-kulturelle Identität ganz allgemein, indem sie ihnen repräsentative Sichtbarkeit verleiht und konkrete weltweite Mittlerinstanzen wie den Fernsehkanal TV 5, die Vereinigung frankophoner Universitäten oder die Vereinigung frankophoner Geschäftsleute.

Das Netzwerk der OIF stellt ihnen einen größeren gemeinsamen Markt für kulturelle Güter und Dienstleistungen zur Verfügung, von der Literatur, über die Musik bis zum Internet. Dies dürfte nicht nur zum Vorteil der großen Fördererländer aus der nördlichen Hemisphäre (insbesondere Frankreich, Kanada und Québec) sein, sondern auch für die ärmeren Süd-Länder. Zweitens stellt sie den einzelnen 56 Mitgliedsländern ein zusätzliches internationales Forum zur Verfügung und gibt auch kleinen Staaten ein außenpolitisches Instrument an die Hand.

Wenn dies nur zum Vorteil Frankreichs wäre, könnte kaum der Mitgliederandrang, sogar aus Osteuropa, erklärt werden. Doch die Frankophonie nützt drittens auch der internationalen Gemeinschaft insgesamt, indem sie einen Beitrag zur Verteidigung der kulturellen Vielfalt darstellt. Sie stellt der US-dominierten Globalisierung ein kulturelles Korrektiv entgegen, das beispielhaft auf die spanisch- und portugiesischsprachigen Länder gewirkt hat, die sich inzwischen auch zu internationalen Gemeinschaften zusammengeschlossen haben; zusammen mit diesen ist sie ein hier zu Lande unterschätzter makroregionaler Gegenspieler der Globalisierung mit eigener globaler Dimension. Viertens wirkt sie auf ihre Weise an der Entschärfung des Nord-Süd-Gefälles mit, indem sie der Mehrheit ihrer Mitglieder, den Süd-Ländern, besondere Fördermaßnahmen zukommen lässt. Fünftens trägt sie zu Entschärfung kultureller Konflikte bei, indem sie als weltumspannende Makroregion die unterschiedlichen Weltreligionen und Kulturkreise, insbesondere die westlich-christlichen, die islamisch-arabischen und asiatischen, vereint.

Und sechstens könnten auch wir Deutschen etwas von diesem Beispiel lernen: Wir können lernen, dass Globalisierung auch eine kulturelle und sprachliche Herausforderung mit weit reichenden wirtschaftlichen und politischen Folgen ist, und dass es konstruktivere Widerstände dagegen gibt als blauäugige Antiglobalisierungsslogans von urbanen Globetrottern.

Wir können davon lernen, dass Identität nicht nur ein Gefühl ist, sondern auch zu kulturellem Handeln verpflichtet, an dem andere Länder partizipieren. (Hätten wir von TV 5 gelernt, dann gäbe es die deprimierenden Experimente deutschsprachiger Kultur- und Nachrichtensender wie „German TV“ nicht.). Und zu guter Letzt: Ein Land wie Deutschland, das Frankreich über den Elysée-Vertrag in besonderer Weise verbunden ist, hätte mindestens ebenso viele Motive wie Polen oder die Slowakei, Interesse an den Anliegen der Internationalen Frankophonie zu haben; nicht als Mitglied, aber als „besonderer“ Partner zusammen mit Österreich, zumal zwei partiell deutschsprachige Länder wie die Schweiz oder Belgien bereits Mitglied der OIF sind.

Der Verfasser ist Professor am Lehrstuhl Frankreich-Studien und Frankophonie an der TU Dresden. www.frankophonie.de

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