Zeitung Heute : Ein Stück vom Ende

Charles A. Landsmann[Tel Aviv]

Israel weitet die Offensive im Gazastreifen aus. Wiekommt es, dass Ariel Scharon mit neuer Härte auch gegen Flüchtlingslager vorgeht?

Im nördlichen Gazastreifen herrscht Krieg. Israelische Panzer und Kampfhubschrauber gegen palästinensische Kassamraketen, Mörser- und Panzerabwehrgeschosse. Vor allem aber Tote auf beiden Seiten. Meist Kämpfer, aber auch viele Unschuldige: Säuglinge,Schüler, Passanten. Ein Ende ist nicht abzusehen. Im Gegenteil. Gerade weil Israels Ministerpräsident Ariel Scharon im Alleingang dem Jahrzehnte währenden Schrecken im Gazastreifen ein Ende bereiten will, eskaliert die Gewalt.

Die Palästinenser wollen den Eindruck einer überstürzten israelischen Flucht vor ihren Attacken erwecken – ähnlich wie im Südlibanon – und sich selbst überzeugen, sie hätten das Ende der Besatzung die Befreiung ihres Landes mit Waffen erkämpft. Die Israelis wollen „nicht unter Feuer“ und planmäßig abziehen. Nicht jetzt, sondern in einem Jahr, und sie versuchen sich selbst nachzuweisen, dass sie dies aus einer Position der Stärke und zu Gunsten ihrer eigenen Sicherheit tun.

Scharon verkündet, dass die Aktion so lange dauern werde, bis keine Kassam-Raketen und Mörsergeschosse mehr in israelischen Ortschaften und jüdischen Siedlungen einschlagen. Obwohl der Ex-General und Ex-Verteidigungsminister genau weiß, was auch die heutigen Militärs und Experten verkünden: Der Beschuss kann niemals ganz mit militärischen Mitteln verhindert werden.

Dem Versuch einer politischen Lösung zumindest dieser Krise, dieses Problemes, verweigert sich Scharon, weil er seiner Überzeugung nachlebt, es gebe auf palästinensischer Seite keinen Verhandlungspartner, niemanden dessen Wort er vertrauen kann. Anderseits kann die israelische Regierung nicht – genauso wenig wie jede andere auf der Welt – den Beschuss ihres Staatsgebietes zulassen. Wo zwei kleine Kinder im Alter von zwei und vier Jahren zu Beginn eines religiösen Festes von einer Rakete getötet werden, wird Vergeltung geübt und versucht werden, weiteres Leid zu verhindern.

Dass diesmal gekämpft wird wie seit Jahren nicht mehr und entsprechend die Opferzahlen rasch ansteigen, hat aber auch noch zwei andere Gründe. Einerseits das Schlachtfeld: das große Flüchtlingslager Jabaliyah, wo die erste Intifada Ende der 80er Jahre ihren Anfang nahm und die Militanten seither nicht nur allein das Sagen haben, sondern stets kampfbereit waren. Anderseits Scharons Überzeugung, dass nur wenn er den Palästinensern einige besonders verlustreiche bis vernichtende Schläge verabreicht im Vorfeld des Rückzuges, danach relative Ruhe herrschen werde.

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