Zeitung Heute : Ein Tag der Freude

GERD APPENZELLER

Eines der überraschendsten Ergebnisse von Meinungsumfragen in den sogenannten neuen Ländern in den letzten Jahren war ein bei vielen Interviewten festgestellter Widerspruch zwischen der vermuteten Befindlichkeit der Gesamtbevölkerung und der ganz persönlichen Einstellung zu Gegenwart und Zukunft.Sehr oft gaben Menschen, die ihren eigenen Lebensweg und ihre persönliche Entwicklung durchaus zufrieden betrachteten, an, ganz allgemein ginge es vermutlich schlechter als früher und man müßte wohl auch im Hinblick auf das, was für die Gesamtheit kommen könne, pessimistisch gestimmt sein.

Es kann nicht Aufgabe der Demoskopen sein, hier nachzufragen.Aber sie weisen uns, indem sie den offenkundigen Dissens feststellen, auf ein in Deutschland mehr als sonst irgendwo verbreitetes Leiden hin - das Leiden an sich selbst.Wenn Roman Herzog, der Bundespräsident, heute in seiner Weihnachtsansprache die "seltsame Freudlosigkeit" ansprechen will, mit der wir uns oft das Leben so schwer machten, gehen seine Gedanken in die gleiche Richtung.Weihnachten ist die richtige Zeit, die Frage zu stellen, warum sich die Deutschen so schwer tun mit der Freude.Gemeint sind damit nicht vermutete oder tatsächliche Züge eines Nationalcharakters, der Züge von Schwermut und Schwarzseherei trägt.Es geht um die banale Frage, warum der Pessimismus in diesem Lande ein so prägendes Lebensgefühl ist.

Die Weihnachtsbotschaft, die der evangelische Landesbischof Wolfgang Huber heute in dieser Zeitung reflektiert, ist, und deshalb gehört sie auch in eine Zeitung, die positivste Nachricht, die man vermitteln kann.Das gilt freilich nur, und hier treffen sich der Glaube an das Gute im überirdisch-religiösen und im ganz hiesigen Sinne, für Menschen, die bereit sind, ihre Augen und ihre Gedanken dafür zu öffnen.

Es geht nicht darum, eine Welt voller Konflikte schönzureden.Arbeitslosigkeit oder die Angst davor bedrücken viele Menschen und gerade auch die Kinder jener, die betroffen sind.Der Untergang des Kommunismus hat nicht zu einer gerechteren, sondern zum Teil nur zu einer selbstgerechteren Welt geführt.Es gibt mehr und offenkundigeres Elend in Deutschland als früher.In einer Zeit, in der die öffentlichen Kassen leer sind und die Zahl der Bedürftigen steigt, wird es immer schwerer, Leid zu lindern.Gerade die Kirchen, die fast überall die Netzwerke der freien Wohlfahrtspflege tragen, können ihre Aufgaben nur noch dank der Spendenbereitschaft vieler Menschen erfüllen.Die Berliner, nicht zu Unrecht wegen ihrer manchmal harschen Art gescholten, gehören zu den großherzigsten Unterstützern vieler sozialer Projekte.

Spätestens an diesem Punkt beginnt sich das Bild aufzuhellen.Wir leben nicht in einer Gesellschaft von Egoisten.Für andere einzutreten, nicht nur im finanziellen, sondern auch im übertragenen Sinne, ist keine verschüttete Bürgertugend.Sie wird gelebt, und jeder von uns hat es in der Hand, ob dieses Zeichen der Dankbarkeit sich künftig noch höherer Wertschätzung erfreut.

Das Deutschland nach 1989 ist, zum ersten Mal seit fast sieben Jahrzehnten, ein freies, demokratisches, einiges Land, das nur von befreundeten Staaten umgeben ist.Kann es in einem Jahrhundert, das durch zwei Weltkriege und deren Folgen geprägt war, eine größere Freude geben als die, inmitten eines Kontinentes ohne nationale Feindschaften zu leben? Den Deutschen geht es, gemessen an fast allen anderen Völkern, materiell immer noch außerordentlich gut.Sie erfreuen sich auch innerhalb der eigenen Grenzen großer Sicherheit.Und: Die Perspektiven für die Zukunft dieses Landes, dieses Kontinentes sind herausragend.Der Anblick von Menschen aus kriegsgeschüttelten Ländern und von anderen Erdteilen, die alles dafür geben würden, wenn sie innerhalb der Europäischen Union leben dürften, sollte uns eigentlich ob unserer eigenen Unzufriedenheit erröten lassen.Der 24.Dezember ist das beste Datum, über alles das nachzudenken, denn es ist ein Tag der Freude.

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