Zeitung Heute : Ein Tag für immer

HERMANN RUDOLPH

Es gehört zu den Ambivalenzen des heute begangenen Holocaust-Gedenktags, daß man es als Vorzug, aber auch als Belastung ansehen kann, daß er erst zum dritten Male stattfindet.VON HERMANN RUDOLPHEs hat seine Vorteile, daß sich Routine und Ritualisierung dieses Gedenktages noch nicht bemächtigen konnten.Aber zugleich bedeutet es auch eine Erschwerung, daß sich im Ungang mit diesem Tag, für den die Befreiung von Auschwitz 1945 den Bezugspunkt bildet, noch keine Tradition entwickelt hat.Die Anforderung des Nachdenkens über Nutzen und Nachteil von Gedenktagen für das Leben trifft ihn noch ganz ungeschützt.Wie kann ein solcher Tag leisten, was er leisten soll, nämlich die Erinnerung gegenüber der einebnenden Wirkung des Fortgangs der Geschichte und der Macht des Alltags wach halten? Daß auf dieses Datum in Berlin vielleicht mit besonderer Aufmerksamkeit geblickt wird, hat nicht allein mit dem Umstand zu tun, daß an diesem 27.Januar im nächsten Jahr der Grundstein für das Holocaust-Mahnmal gelegt werden soll.Es ist vor allem die Erfahrung der Diskussion über dieses Mahnmal.Sie hat die Öffentlichkeit seit Jahren beschäftigt - nimmt man die Diskussionen zur Topographie des Terrors und der Wannsee-Villa hinzu, weit länger -, und sie hat die Probleme des Erinnerns und Gedenkens sozusagen handgreiflich werden lassen.Die dabei bewußt gewordene Unerreichbarkeit - und Ungestaltbarkeit - des Themas ist ja vermutlich der tiefere Grund dafür, daß die Debatte sich so quälend in Detaildebatten und Urteils-Fronten zerschlagen hat.Und es hängt wohl auch damit zusammen, daß die Diskussion so merkwürdig zwischen ganz gegensätzlichen Beargwöhnungen changiert - der Furcht davor, hier werde mit Gewalt eine Wunde aufgerissen und offen gehalten, und die Unterstellung, gerade das mache das Denkmal, je größer, desto mehr, zur Selbstbestätigung der Täter, mit der diese das dunkle Kapitel ihrer Vergangenheit zu Grabe tragen.Man kann es, das jedenfalls haben wir gelernt, an diesem Punkt, bei diesem Thema, keinem Recht machen, nicht einmal sich selbst. Es mag danach auch so abwegig nicht erscheinen, wenn zumal in Amerika der Verdacht geäussert wird, das Gedenken im Zusammenhang mit dem Holocaust sei in Deutschland eine Art Obsession geworden.Aber angesichts des Ereignisses selbst und der Rolle, die die Deutschen dabei gespielt haben, kann die Erinnerung daran nicht einfach, nicht ungebrochen sein.Erinnerung soll - das macht ihren humanen Sinn aus - etwas Lösendes,ja, Erlösendes haben, aber gerichtet auf die Opfer, die die Entgleisung der deutschen Geschichte, die Nationalsozialismus heißt, gekostet hat, hat sie immer auch etwas zutiefst Verstörendes.Auch diese paradoxe Position im Hinblick auf uns selbst hat die Debatte über das Holocaust-Denkmal scharf beleuchtet, indem sie den Blick auf die Singularität richtete, daß hier das Volk der Täter den Opfern ein Mahnmal widmen will.Es mag sein, daß das Erinnern uns zusammenführt wie Elli Wiesel gesagt hat.Im Fall der Deutschen und des Holocaust kann das nur in einem ganz allgemeinen, fast über den Dingen stehenden Sinne gelten.Man kann nicht darüber hinweggehen, daß sie uns auch in eine Sonderrolle drückt. Als Bundespräsident Herzog den heutigen Tag des Gedenkens ins Leben rief, sind auch Zweifel daran geäußert worden, ob er nützlich sein könne.Sie werden nicht verschwinden, aber nicht, weil der Tag sich als überflüssig erweisen könnte, sondern weil dieses Gedenken eine so mühsame, widerspruchsvolle Angelegenheit ist.Denn es ist, gewiß doch, mit einem Tag nicht erledigt.Aber gerade deshalb braucht es einen Tag, der es herausfordert.

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