Zeitung Heute : Ein Tollpatsch zerstört Marokkos Zauber

HARTMUT SCHERZER

MONTPELLIER .Driss Benzekri würde als Volleyballspieler eine gute Figur abgeben.So wie er bei Frei- und Eckstößen die Bälle mit den Handflächen wegklatschte.Direkt vor die Köpfe der langen Norweger.Als Torhüter Marokkos war der Mann eine Katastrophe.Henri Michel war tief enttäuscht."Diese Fehler", jammerte der französische Trainer Marokkos, "müssen wir abstellen." Benzekri hatte mit seinen Patzern die Mannschaft um den verdienten Sieg gebracht.

Egil Olsen, der norwegische Trainer, bedankte sich zwar nicht öffentlich beim Tollpatsch im Tor des Gegners, war aber mit dem 2:2 "sehr zufrieden".Kann er auch.Denn sein hölzern wirkendes Team mit einem schwachen Herthaner Kjetil Rekdal im zentralen Mittelfeld wurde von der phantasievollen Spielkunst der Marokkaner streckenweise vorgeführt.Mit enthusiastischem "Ole" applaudierten alle Nichtnorweger unter den 35 000 Zuschauern den Ballpassagen des überragenden Taher El-Khalej (Benfica Lssabon) mit den beiden Tänzern in den roten Schuhen, Said Chiba (Compostella) und Moustafa Hadji (La Coruna).

In diesem "Nachspiel" der Gruppe A zum WM-Auftakt Brasilien-Schottland prallten zwei Spielkulturen aufeinander.Marokko zaubert südländisch, phantasie- und kunstvoll.Kein Wunder: Nahezu alle Spieler sind in der portugiesischen oder spanischen Liga zu Hause.Die athletischen Norweger, in der Mehrzahl in der englischen Premier League beheimatet, bevorzugen den Kick-and-rush-Stil.Aber den Marokkanern fehlt wie so oft bei kreativen Ballkünstlern Siegermentalität und Selbstbewußtsein zum Erfolg."Wir spielen sehr gut und kriegen dumme Tore nach Standardsituationen", sagte Abderrahim Ouakili."Das liegt nicht nur am Torwart.Die Abwehr wehrt sich nicht."

Mit Traumpässen über vierzig Meter leitete der schlaksige und so elegante El-Khalej beide Führungstore ein, artistisch erzielt von Hadji (38.) und Hadda (63.).Und dann "klatschte" dieser Unglücksmensch Benzekri bei zwei Freistößen daneben.Der Rettungsversuch Chippos führte zum Eigentor und 1:1.Den zweiten "Abklatscher", nur dreißig Sekunden nach dem 2:1, nutzte Eggen zum erneuten Ausgleich.Das mögliche norwegische Siegtor verhinderte Saber, der nach einem weiteren Patzer seines Torhüters nach einer Ecke den Ball von der Linie kratzte.Wie schade, daß die Marokkaner derart um den Lohn ihres begeisternden Spiels gebracht wurden.Fragen nach einem Torwartwechsel verneinte Michel.Wahrscheinlich sind die anderen beiden, unter ihnen die bisherige Nummer eins, El Brazi, noch schlechter.

In dieser brillant spielenden Mannschaft haben die beiden "deutschen" Marokkaner derzeit keinen Platz mehr."Ich rücke immer weiter nach hinten", fügt sich Rachid Azzouzi der nicht einmal mehr in der Zweiten Liga bei Greuther Fürth zum festen Stamm zählt.Und auch Ouakili (1860 München) hat schlechte Karten."Die Mannschaft ist gut, und der Trainer steht auf andere Spieler, vor allem auf meinem direkten Konkurrent Hadji.Und der war heute sehr gut, schoß ein Tor und hat alle Freiheiten."

Im multikulkturellen Fußball wird in nahezu jeder WM-Mannschaft deutsch gesprochen.Den deutschsprachigen Kommentar der Norweger lieferte Rekdal ab."Ich glaube nicht, daß unser Unentschieden glücklich war.Wir wollten gewinnen, Marokko war mit dem 2:2 zufrieden.Unser Vorteil war unsere Kopfballstärke, wie man bei den beiden Toren gesehen hat." Norwegen, als zweiter Favorit nach Brasilien in der Gruppe A gehandelt, sieht seine Chancen fürs Achtelfinale nun auf "50:50" (Rekdal) gesunken."Jetzt müssen wir auf alle Fälle Schottland schlagen", sagt Rekdal.Das sagen auch die Marokkaner.Ihr großer Nachteil: Der Torwart.

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