Zeitung Heute : Ein Tor mit Gottes Hilfe

MONTPELLIER .Analphabet Leider Calimenio Preciado hat - zumindest aus kolumbianischer Sicht - WM-Geschichte geschrieben.Der 21 Jahre alte Nachwuchsstürmer vom fünfmaligen Meister Independiente Sante Fé de Bogota bewahrte die hoch ambitionierten Südamerikaner mit seinem "goldenen" Tor gegen Tunesien vor einer erneuten Pleite und Blamage.Dank des Zittersiegs dürfen die Kolumbianer weiterhin vom Einzug ins Achtelfinale - und mehr! - träumen.Der tief gläubige "Erlöser" Preciado bekreuzigte sich

und dankte bewegt seinem Schöpfer: "Das Tor habe ich mit Gottes Hilfe geschossen.Ich habe einen Engel im Himmel."

Von derartigen Zutänden kann Henryk Kasperczak nur träumen.Für den Polen mit dem französischen Paß ist die Zeit als tunesischer Nationaltrainer seit gestern vorbei.Direkt nach dem Spiel erhielt er die Kündigung.Für Kasperczak, der die Tunesier seit 1994 betreut, wird im abschließenden Gruppenspiel gegen Rumänien Co-Trainer Ali Selmi auf der Bank sitzen.Nach Rumäniens 2:1-Erfolg über England um das letzte Fünkchen Hoffnung auf ein Wunder beraubt, rollten die Tunesier ihre roten Fahnen ein und schlichen bedrückt nach Hause.

Dabei waren die Nordafrikaner in ihrem letzten Spiel unter Kasperczyks Regie durchweg die bessere Mannschaft."Die Tunesier waren wesentlich schneller und beweglicher als wir, aber sie hatten kein Glück", rückte Carlos Valderrama die Verhältnisse schonungslos zurecht.Der 36 Jahre alte Spielmacher trug an seiner früheren Wirkungsstätte Montpellier durch seinen Standfußball entscheidend zur Schlafwagen-Vorstellung bei.Immer wieder verschleppte er das Tempo.Auch "El Tren" Adolfo Valencia, der eher wie ein Bummelzug über den Platz trabte, und Leistungsträger Freddy Rincon spielten bei dem müden Konzert nur die zweite Geige."Gegen England müssen wir uns erheblich steigern", kritisierte Trainer Hernan Gomez.

Erst als Gomez Preciado einwechselte, nahte die Rettung.Der "Nobody" aus Tumaco an der Pazifikküste erzielte bei seinem WM-Debüt den - für die vor WM-Beginn mit Morddrohungen konfrontierten Kolumbianer - perverserweise vielleicht lebenswichtigen Treffer."Ich bin voller Liebe zu meinem Vaterland in die Partie gegangen", sagte der kaum des Lesens und Schreibens kundige "Frischling", der außer Fußball praktisch nichts gelernt hat.Seine Torjäger-Qualitäten bewies Preciado schon mehrfach: Beim Länderspiel-Debüt gegen Chile im April erzielte er beide Treffer zum 2:2, bei Santa Fe ist er mit acht Erfolgen bester Schütze.Gomez hatte den "Rohdiamanten" kurzfristig wegen der Abschlußschwäche der etablierten Angreifer in den WM-Kader berufen.

Die kolumbianischen Fans feierten den Erfolg und vor allem Preciado auf der Place de la Comedie im Stadtzentrum ausgelassen.Bis in die Morgenstunden schwenkten sie ihre gelb-blau-roten Fahnen, tanzten Cumbia oder Samba, und spielten die Torszene immer wieder nach.

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