Zeitung Heute : Ein Triumph des Engagements

RÜDIGER SCHEIDGES

Der iranische Autor Faradsch Sarkuhi ist auf dem Weg in die uferlose Freiheit des Exils in Deutschland.Das Schicksal des lange von Irans Geheimdienst als verschollen gemeldeten Schriftstellers steht für Hunderte von Intellektuellen im IranVON RÜDIGER SCHEIDGESWährend diese Zeilen geschrieben werden, durchlebt der iranische Autor Faradsch Sarkuhi noch bange Stunden, ob er tatsächlich in Teheran das Flugzeug besteigen darf, das ihn in die uferlose Freiheit des Exils in Deutschland bringen soll.Während die Zeilen gelesen werden ist er hoffentlich - wie geplant - in Frankfurt gelandet.Schnell werden sich viele der symbolischen Bedeutung dieses Tages bemächtigen wollen.Jene in Bonn vor allem, die Sarkuhi, der erst wegen Spionage für Deutschland angeklagt, dann für Verunglimpfung der Islamischen Republik zu einem Jahr Gefängnis verurteilt wurde, in seinem Kampf gegen den Tyrannen in Teheran mit ihrem Schweigen allein ließen.Jene also, die in ihrer großen, ihrer allzu großen Indolenz nicht wahrhaben wollen, daß Sarkuhis Inhaftierung, "die Deutschen in die Falle locken," sollte, wie Sarkuhi in einem nach Deutschland geschmuggelten Brief Irans Rache für das "Mykonos-Urteil" beschrieb.In einem Brief, in dem Todesnähe die Feder führte.Man soll den politischen Hauptdarstellern in diesem deutsch-iranischen Trauerspiel auch die kleinen Ausflüchte, die da kommen werden, lassen.Daß Sarkuhi in Berlin sein wird, ist ein Triumph.Nicht nur seiner Unbeugsamkeit.Seine Familie, Freunde, Journalisten und Menschenrechtsgruppen haben gezeigt, daß es bei den Menschenrechten keine Alternative zum Engagement jenseits der Regierungsverantwortlichkeit gibt.Und daß hartnäckiges Engagement Erfolg hat.Das heißt in diesem Fall und muß in etlichen anderen Fällen in China, Kuba, Saudi-Arabien etc.heißen: Einmischung in innere Angelegenheiten eines Unrechtsstaates, der nichts so sehr fürchtet wie diese Einmischung.Die Bonner Diplomatie, die nicht zu erkennen scheint, wer in Iran Freund, wer Feind ist, ist übers eigene appeasement gestolpert.Ihre "kritischen" Dialoge und "stille Diplomatie" erwiesen sich als egozentrisch.Ihr Interesse war das eigene, nicht das der Menschenrechte.Das Schicksal des lange von Irans Geheimdienst als verschollen gemeldeten Schriftstellers steht für Hunderte von Intellektuellen in Iran und Tausende in der Welt, die mit ihm das Schicksal der Unbeugsamkeit und den Willen zur Mündigkeit teilen.Und die hinter Gittern, unter der Folter, im Tod verstummen.Weiterhin.Anders als der von der Fatwa bedrohte Salman Rushdie haben sich diese Iraner nicht von ihrem Land und ihrer Religion verabschiedet, anders als der unter Staatsschutz dichtende Rushdie bedeutet das Exil für Sarkuhi die, wenngleich lebensrettende, Aussperrung aus seinem Land, das er nicht den Diktatoren überlassen will.Es bedeutet die, hoffentlich nur befristete, Eliminierung seiner Stimme in Iran.Sarkuhi hat nicht wie Rushdie den Propheten beleidigt, sondern die Freiheit der Meinung und des Wortes jenen gepredigt, die ihre Meinung als gottgegeben begreifen.Bei der Kategorisierung von Leuten wie Sarkuhi sind wir schnell.So beliebig sie sind - Regimekritiker, Dissident, Oppositioneller etc.-, sie entscheiden über das Schicksal der Benannten.Sarkuhi - ein Dissident? Das wäre ein gutgemeintes Kainsmal, das ihn als heimatlos brandmarkte, als jemand, der nicht zurückkehren will.Sarkuhi ist indes kein Politiker, er ist Journalist.Wenn letzteres bei uns kein Ehrentitel (mehr) ist, so ist dies als Gegenpart zu den Regierungssprechern in Irans Medien sehr wohl eine Auszeichnung.Sarkuhi versperrt sich Kategorisierungen auch deshalb, weil das iranische Regime die politische Begrifflichkeit, die zu scheiden vermag zwischen Freund und Feind, Freiheit und Terror, Republik und Diktatur veruntreut hat und weil unsere eigene nicht übertragbar ist.Der Triumph des Engagements kommt auch ohne sie aus.

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