Zeitung Heute : Ein Tropfen Blut vom Herzen

VOLKER LÜKE

Estudiantina Invasora aus Santiago de Cuba bei den "Heimatklängen" im TempodromVON VOLKER LÜKE Nach zwei Wochen "Cubanisimo"-Heimatklängen hat sich eins schonmal bewahrheitet: Wenn die Konzerte der Grünschnabel enttäuschen, schaut man gern bei den Auftritten der Gründerväter zu.Der Auftritt der jungen Nachwuchsband Bomboleo von letzter Woche entpuppte sich jedenfalls als unausgegorener Salsa-Verschnitt, ein Exempel für den Tinnef, der entstehen kann, wenn man traditionellen Musikformen mit modernem Schnickschnack zunahetritt.Dem kann nur Reife entgegengesetzt werden.Der gute trockene Geschmack, die in Ruhe gereiften Tabakblätter, der Rum, der all die Jahre wuchs und all die anderen Flüssigkeiten.Estudiantina Invasora aus Santiago de Cuba gibt es schon seit 70 (!) Jahren.Die acht Musiker entführen uns in das Herz der Zuckerrohrinsel, lassen die Tradition der vieja trova aufleben, einen Musikstil, der sich aus alten Balladen entwickelt hat.Von der Urformation ist noch der 86jährige Roberto Nápoles Castillo dabei, der mit stoischer Altmännergröße seinen Kontrabaß bearbeitet, während sein gerade mal 20 Jahre junger Kollege die tres, eine dreisaitige Baßgitarre, zupft.Diese generationsübergreifende Mischung gibt auf der Bühne ein schönes Bild ab: in der Mitte die jungen Leute an den drei Gitarren und drumherum fünf ältere Herren. Erwartungsgemäß gehört das Konzert zum Anrührendsten und Wunderbarsten, was einem Europäer unter der Bezeichnung afrokubanische Kulturgeschichte vorgeführt werden kann.Milde und souverän schlägt die Band das Publikum im überfüllten Freiluftgelände des Tempodroms in ihren sanften Bann.Zusammen mit Castillo stellt der Drummer mit knochentrockenen Schlägen auf sein minimales Timpani-Drum-Set das rhythmische Gerüst, dazu klappert hölzerne Perkussion, die unentwegt ans Tanzbein kickt, während die Gitarren sparsame Akzente setzen, wobei der Leadgitarrist mit einigen gescheiten Soli glänzt. Im Mittelpunkt steht aber der Bandleader Inaudi Paisan Mallet, der mit seiner Trompete Sehnsuchtsmelodien bläst, die uns auf einer hochprozentigen Wolke von Fernweh davontragen.Sein Spiel ist wunderbar ausdifferenziert, hat aber auch ein paar Zwischentöne, die sich glücklich der Zivilisation versagt haben.Ein leichtes Scheppern beim Lauten, ein hauchzartes Näseln beim Leisen.Und dann sind da noch diese Ergriffenheitsstimmen von alten Männern, deren Münder viele Drinks geschluckt und viel Wahrheit gesprochen haben.Wenn sie bewegende Geschichten aus der Heimat erzählen, von der Lust, zu essen und zu trinken, zu leben und zu lieben, dann singen sie so fest und sicher, so zärtlich, wie wir es hier nie könnten.Diese trovas lassen dein Herz einen Tropfen Blut schwitzen, der ins Glas fällt und das Leben so süß macht. Spätestens um Mitternacht, als das begeisterte Publikum geschlossen nach Zugaben ruft, zweifelt niemand mehr an der Köstlichkeit von Estudiantina Invasora.Würde die Band Cuba Libre heißen, ich würde sie austrinken. Noch bis zum Sonntag im Tempodrom, jeweils um 21 Uhr 30, Sonntag ab 16 Uhr.

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