Zeitung Heute : Ein Tusch für Gloria

SUSANNA NIEDER

Blasmusik ist menschlich: "Brassed Off" von Mark HermanSUSANNA NIEDERBlechblasmusik? Das sind doch Lederhosen und Uniformröcke, Volkstümelei und militärische Machtdemonstrationen, Ländler, Märsche, Nationalhymnen.Viel zu staatstragend das. Das nordenglische Bergarbeiterstädtchen Grimley hat schon seit sonstwann eine Blaskapelle; exklusiver Männerverein, versteht sich.Man spielt in Dörfern auf, beteiligt sich an Wettbewerben und hat vor dem Dirigenten Danny (Pete Postlethwaite) Schiß wie der Erstklässler vorm Rektor.Alles in bester Ordnung - und nichts in Ordnung.Denn Grimleys Zeche soll geschlossen werden.Und dann gibt es auch keine Blaskapelle mehr, denn ohne Arbeit keine Musik, darüber besteht für die Kumpels kein Zweifel. "Brassed Off" (brass music heißt Blechmusik, brassed off so viel wie Schnauze voll) hat ein Anliegen.In bester britischer Manier sind die Hauptpersonen gewöhnliche Menschen, weder besonders schön noch besonders klug.Ihre Probleme sind unspektakulär, doch wie für Ken Loach und Mike Leigh ist für Mark Herman (Buch und Regie) der Alltag die einzig wahre Bühne.Seine Aussage verpackt er in einen Publikumsfilm mit klassischem Handlungsaufbau, bittersüßer Liebesgeschichte und heftiger Emotion.Einen Film über die Misere der britischen Bergarbeiter wollte Herman schon seit den Streiks von 1984 drehen, an deren Ende Margaret Thatcher die Gewerkschaften in die Knie zwang.Einige Jahre später geht wieder eine Schließungswelle durchs Land, und diesmal ist die Kraft zum Widerstand erlahmt.Andy (Ewan McGregor), der jüngste der fünf Kumpels und Freizeitmusiker, ist ein Kind der Thatcher-Ära: Grund zum Optimismus gibt es für ihn nicht.Phil (Stephen Tompkinson) schnüren Schulden die Luft ab, Ernie (Peter Martin) schweigt, Jim (Philip Jackson) redet nur, und Harry (Jim Carter) muß sich von seiner Frau beschimpfen lassen, weil er Euphonium spielt, statt wie sie um die gemeinsame Existenz zu kämpfen.Der einzige Lichtblick ist Gloria (Tara Fitzgerald), die erste Frau, die in Grimley je das Flügelhorn an die Lippen setzen durfte. Erstaunlich, was man in 107 Minuten mit leichter Hand unter einen Hut bringen kann: Konflikte zwischen Männern und Frauen, Vater und Sohn, Arbeitern, Gewerkschaften und Arbeitgebern."Brassed Off" ist eine Komödie und ein empörtes Statement über die Kaltschnäuzigkeit, mit der die konservative Regierung ganzen Regionen die Lebensgrundlage entzog - und nebenbei ein Blick darauf, welche Rolle der Kunst zukommt, wenn es ans Eingemachte geht. Hauptakteurin und Höhepunkt ist dabei, siehe da, die Blechblasmusik.Am Ende hat Danny kapiert, daß es im Leben Wichtigeres gibt als Musik, und die Kumpels fühlen, wieviel sie mit ihrer Identität zu tun hat.Ganz einfach. In neun Berliner Kinos, untertitelte Originalfassung im Odeon 

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