Zeitung Heute : Ein unterirdischer Plan

Ist die Kanzler-U-Bahn noch zu retten? – Ein Besuch im Schacht

Klaus Kurpjuweit

Sie meint es ernst, das wissen sie hier. Sie will ein Konzept für diese Röhre, und wenn man ihr keins vorlegt, dann will sie 128 Millionen Euro zurück. Brigitte Schulte ist Volksvertreterin, sie sitzt im Rechnungsprüfungsausschuss des Bundestages, und sie ist gerade zufrieden, denn der Konzernbeauftragte der Deutschen Bahn in Berlin hat ihr eben gesagt, dass der neue Hauptbahnhof der Stadt zur Fußballweltmeisterschaft im Sommer 2006 fertig werden wird.

Sie steht jetzt im Bahnhof für die U-Bahn-Linie 5, der in den Hauptbahnhof integriert werden soll. Es ist nun aber seit Jahren ungewiss, wann hier je eine U-Bahn ankommen wird. Der Berliner Senat hat den Bau vom Alexanderplatz zum Hauptbahnhof-Lehrter Bahnhof – vorbei am Kanzleramt – im Jahr 2001 gestoppt. Auf halber Strecke. Kein Geld mehr.

Dabei hat der Bund den Löwenanteil an den bisherigen Baukosten in Höhe von fast 300 Millionen Euro aufgebracht. Das soll nicht umsonst gewesen sein, also fordern der Bundesrechnungshof und Brigitte Schultes Rechnungsprüfungsausschuss: weiterbauen oder Geld zurück. Vor beidem wollte sich der Senat drücken. Deshalb kam er auf eine Idee.

In dem im Rohbau fertigen Abschnitt zwischen Hauptbahnhof und Pariser Platz soll eine U-Bahn hin- und herfahren – isoliert vom restlichen Netz. Dafür müsste am Pariser Platz aber noch ein Bahnhof gebaut werden. Dafür fehlen 28 Millionen Euro, hat man bei den Berliner Verkehrsbetrieben ausgerechnet. Zahlen soll wieder der Bund.

Deshalb hat Schulte am Donnerstagmorgen zur Besichtigungstour durch den fertigen Abschnitt eingeladen. Gekommen sind neben Abgeordneten auch Vertreter des Bundesverkehrs- und des Finanzministeriums und des Rechnungshofes. Von der Balustrade des geplanten U-Bahnhofs blicken die Baustellengucker auf viel Beton – an Wänden, an der Decke und auf dem Boden. Mehr ist kaum zu sehen. Außer den Tafeln mit Zeichnungen vom vorgesehenen Trassenverlauf der U 5 und dem neuen Bahnhof Brandenburger Tor. Die Tafeln sind von den Verkehrsbetrieben aufgestellt worden. Die Verkehrsbetriebe wünschen sich den Weiterbau der U 5.

Stammgast Bundesgrenzschutz

Auch für Schulte ist klar: Einen Sinn hat die ganze Sache nur, wenn die Strecke komplett gebaut wird. Sie will aber noch wissen, ob es möglich wäre, durch den fertigen Tunnel die S-Bahn fahren zu lassen, für die man dann nur noch ein kurzes Stück vom Pariser Platz bis zum Potsdamer Platz bauen müsste. Pläne dafür gab es sogar schon einmal, die Nationalsozialisten hatten sich das für ihre Hauptstadt „Germania“ vorgenommen.

Im Prinzip würde der Tausch der Bahnen funktionieren, sagt der Bauleiter der Verkehrsbetriebe. Die S-Bahn sei zwar breiter, doch sie passe trotzdem in den Tunnel. Allerdings bliebe dann kein Platz mehr an der Seite für einen Fluchtweg. Und damit sei es unwahrscheinlich, dass so eine Änderung genehmigt werden würde. Die S-Bahn fährt nach den Vorschriften der großen Eisenbahn, die U-Bahn dagegen nach denen der kleinen Straßenbahn, lernen die Besucher jetzt noch.

Also bleibt doch nur die U-Bahn. Stadtentwicklungssenator Peter Strieder kündigt den Abgeordneten hinterher noch an, dass 2010 tatsächlich mit dem Weiterbau zum Alexanderplatz begonnen werden soll. Vielleicht steigen so auch die Chancen für die Stummel-Bahn. Als Zwischenlösung. Darauf legt Schulte Wert.

Bis dahin wird sich wohl weiter vor allem der Bundesgrenzschutz mit seinen Hunden hier unten aufhalten, jedesmal wenn Staatsgäste im Regierungsviertel empfangen werden. Pumpen werden eindringendes Grundwasser wegsaugen und man wird hin und wieder die Belüftung einschalten, damit die ganze Technik auch weiter funktioniert.

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