Zeitung Heute : Ein Vater, ein Land, eine Liebe

Drei Schläger töteten ihn in Moskau vor vier Jahren. Seither sucht sein Vater nach dem Auftraggeber. Und hat einen furchtbaren Verdacht

Jens Mühling[Moskau]

Außen ist alles Stolz und Strahlen. Außen ragt wie eh und je der zinnenbewehrte Zuckerbäckerturm der Lomonossow-Universität in den Moskauer Winterhimmel, ein gigantisches Monument der Sowjet- ära, bis heute der wissenschaftliche Mittelpunkt dieses Riesenreiches namens Russland.

Innen verfault das Parkett. Innen hängen Kabelstränge aus faustgroßen Löchern im Putz, und der Winterwind pfeift durch rissige Holzfenster. „Der Fisch fault zuerst im Kopf“, sagt Wladimir Suchomlin. Ein russisches Sprichwort ist das, es fällt ihm jedes Mal ein, wenn er im Flur über die aufgequollenen Blasen im Parkett stolpert. Der Stolz der russischen Wissenschaft verfault, niemand kümmert sich drum, Suchomlin kann es nicht fassen. So wenig, wie er bis heute fassen kann, dass sie diese ganze grauenhafte Tragödie ausgerechnet ihm angetan haben, ihm, Wladimir Alexandrowitsch Suchomlin, Professor der Staatlichen Moskauer Lomonossow-Universität, Leiter des Lehrstuhls für Informationstechnologien, russischer Patriot.

Einst hatte Suchomlin einen Sohn. Einen Sohn, auf den jeder Vater stolz gewesen wäre. Wladimir hieß er, und weil der Vater auch Wladimir heißt, hieß der Sohn Wladimir Wladimirowitsch. Wie Putin, der Präsident, den der Sohn so verehrte. Ein Patriot war der Sohn, sagt der Vater, er liebte sein Land. Seine ganze Energie steckte er in dieses Land, und Energie hatte er für zehn. Eines Tages kam der Vater zur Uni, da war in seinem Büro der Boden verschwunden. Was machst du da, fragte der Vater den Sohn, der über dem verschwundenen Boden kniete. Ich hab das verfaulte Parkett rausgerissen, sagte der Sohn. Ich verleg dir ein neues.

Ahnte der Sohn, dass ihm wenig Zeit blieb, beeilte er sich deshalb so mit dem Leben? Mit drei hatte er lesen gelernt, mit 14, als er seinen ersten Panzer restaurierte, hatte er alles verschlungen, was über Kriege und Militärtechnik aufzutreiben war, das war seine Leidenschaft. Mit 18 war er ausgebildeter Programmierer, er gründete eine Computerfirma, verdiente gutes Geld, gleichzeitig studierte er am Institut des Vaters und gab eigene Vorlesungen über Internet-Technologie.

Er war ein Sohn, auf den auch jedes Land stolz gewesen wäre. 1998, als Bomben auf Belgrad fielen und Russland wegen der Nato-Intervention mit dem Westen über Kreuz lag, sagte Wladimir zum Vater: Ich fahre nach Jugoslawien. Der Vater antwortete: Denk nach. Soldaten gibt es genug in Serbien. Wenn du helfen willst, bleib hier, hilf mit deinen Mitteln. Zwei Tage lang dachte der Sohn nach. Dann zog er in den Krieg. Mit seinen Mitteln. Er programmierte die Internetseite www.serbiya.ru und trug dort alle militärrelevanten Informationen zusammen, die er zum Jugoslawien-Krieg auftreiben konnte – im Sinne Russlands, um den Widerstand gegen die Nato zu unterstützen, um Schwachstellen in der westlichen Kriegsführung aufzudecken. Ein Mitarbeiter des russischen Geheimdiensts verriet später einer Zeitung, die Seite sei während des Krieges von den militärischen Aufklärungsdiensten mehrerer Länder genutzt worden.

Auch Putins Tschetschenienfeldzug unterstützte Wladimir, 2002 gründete er die Seite www.chechnya.ru und sammelte Informationen über die Guerilla-Kriegsführung der Rebellen. Im Netz galt er bald als gewieftester Militärjournalist des Landes, die russischen Medien verwiesen regelmäßig auf seine Seiten, der Geheimdienst trat jetzt direkt an ihn heran und rekrutierte ihn als Berater. Er war 23.

Es ist so viel geblieben aus diesem letzten Jahr, sagt der Vater, und so wenig ist vollendet. Lauter Anfänge, halb erinnerte Bilder. Die Hochzeit, Wladimir im hellgrauen Anzug, seine Frau Alla im weißen Kleid, sechs Monate blieben ihnen da noch. All die Internetseiten, die in diesem letzten Jahr entstanden, bis heute müht sich der Vater, sie regelmäßig zu aktualisieren. Auch dieser eine vermaledeite Satz fiel in jene Zeit, damals, als Wladimir von einem Waffenhändlerring erzählte, auf den er bei seinen Recherchen gestoßen war: Eine Gruppierung im russischen Innenministerium sollte die konfiszierten Waffen erschossener Tschetschenen zurück an die Rebellen verkauft haben. Der Vater scherzte: Was ist denn das für ein Innenministerium, das nicht mal die eigenen Leute unter Kontrolle hat? Er wusste nicht, wie viele schlaflose Nächte ihm dieser Satz noch bereiten sollte.

Die Letzte, die Wladimir lebend sah, war seine Frau Alla. An einem eisigen Tag Anfang Januar, heute ist das vier Jahre her, war sie mit ihm ins Stadtzentrum gefahren. Ein Geschäftsmann, den Wladimir nicht kannte, hatte telefonisch um ein Treffen gebeten. Als Wladimir aus dem Auto stieg, bat er Alla, ihn vorsichtshalber alle 20 Minuten anzurufen.

Was dann geschah, lässt sich heute nur noch aus dem 200-seitigen Protokoll jenes Prozesses rekonstruieren, der ein Jahr später vor dem Moskauer Stadtgericht beginnen sollte. Am vereinbarten Treffpunkt warteten drei junge Männer auf Wladimir. Sie lockten ihn unter einem Vorwand in ihr Auto, legten ihm Handschellen an und fuhren ihn zu einem verlassenen Baugrundstück am Stadtrand. Wortlos stießen sie Wladimir aus dem Wagen und droschen mit einem Baseball-Schläger auf ihn ein, so lange, bis von Wladimir nur ein zuckendes, blutiges Bündel übrig geblieben war. Dann ließen sie ihr gefesseltes Opfer bei elf Grad minus im Schnee zurück.

Währenddessen lief Alla wie betäubt durchs Stadtzentrum. Wladimir reagierte nicht auf ihre Anrufe, er war unauffindbar, sie hatte die Polizei angerufen und war abgewiesen worden: Nach Vermissten werde erst nach drei Tagen gesucht, hieß es. Alla rief den Vater an. Nicht mit mir, sagte der Vater. Nicht mit Wladimir Alexandrowitsch Suchomlin, Professor der Staatlichen Moskauer Lomonossow-Universität, Leiter des Lehrstuhls für Informationstechnologien. Er setzte sämtliche Hebel in Bewegung, sprach mit Mitarbeitern des Geheimdiensts, drang schließlich telefonisch bis zum stellvertretenden Innenminister durch, der umgehend eine Fahndung veranlasste. Noch am gleichen Tag entdeckten die Ermittler auf einem von Wladimirs Handys eine Telefonnummer, die sie zur Polizeidienststelle eines Moskauer Vororts führte. Tags darauf wurden drei Polizisten verhaftet, die einer nach dem anderen gestanden. Als Auftraggeber benannten sie einen Moskauer Geschäftsmann, der ebenfalls verhaftet wurde. Dann fand man Wladimirs Leiche.

Der erste Schock überkam den Vater, als er im Obduktionsraum die Überreste seines Sohnes identifizieren sollte und es nicht konnte: Auf der Bahre lag ein Etwas aus Fleisch und Knochen. Der zweite Schock kam langsam und schleichend, er nahm stetig zu und dauert bis heute an. Der zweite Schock kam, als der Vater verstand, dass er sich in einem Kampf gegen den Staat befand.

Lange wollte Suchomlin nicht wahrhaben, was da geschah, obwohl die ersten Zeichen früh kamen. Noch vor Wladimirs Beerdigung wollte der Zweite Kanal des russischen Fernsehens eine Reportage über den Mordfall senden. Suchomlin schaltete den Fernseher ein und sah: einen Dokumentarfilm über die Tierwelt Kareliens. Nach Fragen beim Sender erfuhr er, dass der Film auf Veranlassung des Innenministeriums abgesetzt worden war. Er bombardierte die Behörde mit Anrufen, bis er einen Termin beim stellvertretenden Innenminister erwirkt hatte. Der erklärte ihm zerknirscht: Ja, er habe den Film absetzen lassen. Nur ungern habe er sich zu diesem Schritt entschieden, aber man habe Studentenunruhen befürchtet.

Das zweite Signal folgte wenige Wochen nach der Beerdigung. Suchomlin hatte einen in Russland sehr bekannten Rechtsanwalt auf den Fall angesetzt. Ein Vertrag war bereits aufgesetzt, das Dokument hat Suchomlin immer noch. Der Anwalt zeigte sich in ersten Gesprächen zuversichtlich – doch plötzlich war er nicht mehr zu erreichen. Begründet hat der Mann seinen Rückzieher bis heute nicht. Wenig später schlug er eine politische Karriere ein.

Noch immer habe er nicht wahrhaben wollen, dass da etwas Ungeheuerliches im Gange war, sagt Suchomlin. Das dritte Signal aber ließ keinen Zweifel mehr zu. Nachdem er einen neuen Anwalt gefunden hatte, suchte Suchomlin persönlich die Staatsanwaltschaft auf. Er wollte auf zügige Nachforschungen dringen, die ihm vom Leiter der Ermittlungsgruppe auch zugesagt wurden. Um den Vater zu beruhigen, rief der Mann einen der Ermittler zu sich und bat ihn um eine vorläufige Einschätzung. Suchomlin hörte: Es gebe Grund zu der Annahme, dass hinter dem Mord ein hochrangiger Mitarbeiter des Innenministeriums stecke. „Als ich am nächsten Tag wieder bei der Staatsanwaltschaft anrief“, sagt Suchomlin, „war der Mann von den Ermittlungen abgezogen worden. Es hieß, er habe dringend Urlaub gebraucht.“

Immer, wenn Suchomlin solche Sätze sagt, versinkt er einen Moment lang in sich selbst. Seine Augen scheinen dann irgendetwas zu suchen, das dicht vor ihm in der Luft schwebt und doch nicht greifbar ist. Ruckartig taucht er dann wieder auf, reißt sich zusammen, setzt seine Erzählung fort, sein Blick wird klar und kämpferisch. Er darf nicht aufgeben, er weiß es.

„Der Prozess war eine einzige Farce“, sagt Suchomlin. Er begann am 15. April 2004, 15 Monate nach Wladimirs Tod. Vor Gericht sagten die drei inhaftierten Polizisten aus, sie hätten Wladimir nicht töten, sondern lediglich erschrecken wollen, der Mord sei ein Unfall gewesen. 1000 Dollar habe ihnen der Auftraggeber gezahlt, die Hintergründe seien ihnen unbekannt. Der angebliche Auftraggeber stritt derweil ab, Wladimir überhaupt gekannt zu haben.

Dann häuften sich die Merkwürdigkeiten. Der Anführer des Polizistentrios wurde in seiner Untersuchungszelle von einem Anwalt aufgesucht, der ihm riet, seine Aussage zu widerrufen. Erst sperrte sich der Polizist und bat das Gericht, dem Anwalt weitere Einflussversuche zu untersagen. Doch der Anwalt war nicht auffindbar. Ebenso wenig konnte geklärt werden, wie er in die Zelle des Untersuchungshäftlings gelangt war. Dann, am 22. April, erklärte der Polizist vor Gericht vollkommen überraschend, er nehme Abstand von seiner früheren Aussage. Der angebliche Auftraggeber sei unschuldig, er habe den Verdacht nur auf ihn gelenkt, um den wahren Auftraggeber zu schützen.

„Wer ist der wahre Auftraggeber?“, fragten die Richter. Der Polizist antwortete: „Ich kann und werde seinen Namen nicht nennen. Ich fürchte um die Gesundheit meiner Familie.“

Alle weiteren Fragen blieben ergebnislos. Mehrmals fiel im Gerichtssaal der Name eines ehemaligen Kommandeurs der Omon-Truppen, einer Eliteeinheit des russischen Innenministeriums. Eine Ahnung schien in der Luft zu liegen, aber sie konkretisierte sich nicht. Als der Prozess am 30. April endete, schien alles rätselhafter als zuvor. Der mutmaßliche Auftraggeber wurde freigesprochen, die Polizisten wegen Totschlags zu 18, 14 und zehn Jahren Lagerhaft verurteilt. Weder war ein Auftraggeber gefunden worden noch ein Motiv für den Mord. Am letzten Prozesstag hielt es Suchomlin nicht mehr auf seinem Sitz, er sprang auf, er schrie: „Nennt mir den Namen! Wenn ihr wollt, dass ich euch verzeihe, nennt mir den Namen!“ Die Polizisten schwiegen.

Suchomlin starrt auf den Parkettboden, er hat wieder diesen Blick, der nach etwas zu suchen scheint. Was hat er nicht alles unternommen nach dem Prozess. Alle seine Kontakte hat er genutzt, beim Geheimdienst, in der Universität, in den Ministerien, bei der Presse. Überall stieß er letztlich auf die gleiche Mauer des Schweigens, überall wurden seine Anfragen auf den Stellvertreter abgewälzt, auf den Stellvertreter des Stellvertreters, bis sie in irgendeiner Schublade vergammelten. Seine Revisionsklage ist bis heute weder abgelehnt noch angenommen, die Ermittlungen liegen bei der Moskauer Staatsanwaltschaft, nichts bewegt sich.

Ein Ruck fährt durch Suchomlin, er ist jetzt wieder ganz da, ganz wach, ihm ist etwas eingefallen: Anna Politkowskaja. Die regimekritische Journalistin, die im Oktober erschossen wurde, die Russland nicht liebte, sondern hasste, die so ganz anders war als Wladimir, der Patriot. „Nur eines war beiden gemeinsam“, sagt Suchomlin. „Beide wussten Dinge über Tschetschenien, die für andere Menschen gefährlich sein konnten.“ Und noch eines ist ihnen gemeinsam. Fast niemand in Russland glaubt daran, dass ihre Mordfälle aufgeklärt werden.

Suchomlin will nicht aufgeben. Es gibt klare Hinweise auf jenen Omon-Kommandeur, sagt er, es gibt Ungereimtheiten, denen nachgegangen werden muss. Einmal noch wird er seine Revisionsklage erneuern. Wenn dann nichts geschieht, will er seine Regierung vor einem europäischen Gericht verklagen. „Es darf nicht sein, dass dieses Land seine besten Köpfe auffrisst“, sagt Suchomlin. Er starrt wieder auf das glänzende Holz des Parkettbodens. Warum willst du einen neuen Boden verlegen, hatte er den Sohn damals gefragt. Weil es sonst niemand macht, hatte der Sohn geantwortet.

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