Ein Vater : Wie meine Kinder mich erziehen

Immer wieder werde ich gefragt, wie ich meine Kinder erziehe. Nach welchen Prinzipien. Wie wichtig mir das Wort „Autorität“ sei. Ob ich mich als väterliches Vorbild fühle.

Axel Hacke

Ich möchte auf diese Fragen eine klare Antwort geben: Ich erziehe meine Kinder nicht. Ich habe sie noch nie erzogen. Ich hätte auch nie gewusst, wie ich sie erziehen soll. Nach meiner Erfahrung lehnen die meisten Kinder Erziehung ab, jedenfalls solange es sie als Objekte betrifft.

Wozu hingegen ich mich sehr wohl äußern kann, das ist die Frage, wie ich erzogen werde – und zwar von meinen Kindern. Dem großen Problemfeld „Das Kind als Erzieher“ ist meiner Meinung nach bisher zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden. Wo ist die wegweisende Literatur? Wo sind die großen Aufsätze Rousseaus, Pestalozzis, Fröbels, Montessoris, Steiners zu diesem Thema? Warum dieses Schweigen? Auch die Kinder selbst sind hier von bemerkenswerter Äußerungsarmut. Sie gähnt einen an, diese Lücke. Man fragt sich ja, ob es Kindern überhaupt erlaubt sein sollte, Erwachsene zu erziehen. Regalmeter um Regalmeter ist in den Buchhandlungen mit dicken Erziehungsberatern für Erwachsene gefüllt. Aber wo sind Bücher für Kinder zu den praktischen Themen „Auch deine Mutter möchte manchmal schlafen“ oder „Macht zu viel ‚Tagesschau’ Väter dumm?“ Und wenn es diese Bücher gäbe, würden Kinder sie lesen, solange sie nicht verfilmt sind?

Meine Kinder sind sanfte Erzieher, immer gewesen, die großen wie die kleinen. Sie unterzogen und unterziehen mich einem nahezu unmerklichen Prozess. Ich bekomme es oft gar nicht mit, wenn ich erzogen werde.

Ein Beispiel: Eines meiner Kinder wünschte sich ein Haustier. Ein Meerschwein. Es bekam dieses Meerschwein zu Weihnachten. Kümmerte sich um dieses Meerschwein bis zum zweiten Weihnachtstag. Danach nicht mehr. Es teilte diese Aufgabe mir zu, aber nicht direkt, eher unausgesprochen. Es beachtete das Meerschwein einfach nicht mehr, was nun in mir, der ich Meerschweine eigentlich nicht mochte, Mitleid mit dem Tier weckte. Ich fütterte und pflegte es. Ohne dass je darüber geredet worden wäre, erzog mein Kind mich zur Tierliebe. Es weckte in mir die Fähigkeit, mich um ein anderes Wesen zu sorgen.

Oder nehmen wir das Fernsehen. Erwachsene sollen nicht zu viel fernsehen, es macht sie träge, übergewichtig, passiv. Viele Kinder erziehen ihre Eltern in diesem Bereich erstaunlich unautoritär, sie verbieten nichts, sie sehen einfach selbst so viel fern, dass den Erwachsenen keine Zeit bleibt, das Gerät zu nutzen. Erst später am Abend gäbe es diese Möglichkeit, doch dann ist man dank des erfüllten Tages, der einem durch Kinder beschert wird, zum Fernsehen längst zu erschöpft. Hier tritt der früher bei Müttern so beliebte Opfergedanke stark in den Vordergrund: Kindern ist der Schaden, der ihnen selbst durch Fernsehen zugefügt wird, nicht so wichtig. Hauptsache ihren Eltern bleiben geistige Nachteile erspart.

Vielleicht noch etwas zum Dritten: Pünktlichkeit. Die Kinder müssen morgens früh zur Schule. Sie stehen aber nicht von allein auf. Und bringen so ihre Eltern (die oft länger schlafen könnten, weil nicht in jedem Büro zu so unmenschlich frühen Zeiten wie in der Schule gearbeitet wird) dazu, sich früh zu erheben, um sie zu wecken. Ohne dass groß darüber gequatscht würde, motivieren sie die Großen zu einem regelmäßigen, maßvollen Lebenswandel.

Es gäbe noch viel zu berichten. Wie meine Kinder mir das Spielen beibrachten, das Erzählen, das Aufräumen, auch eine gewisse, mir sonst nicht selbstverständliche Flexibilität. Wie sie mir meine Grenzen bewusst machten. Auch würde ich gern darüber reden, was mir oft fehlt: mal ein aufmunterndes Wort, ein Lob, überhaupt ein Gespräch. Aber insgesamt muss man doch sagen: Ich wäre ein anderer Mensch, wenn ich die Kinder nicht hätte. Sicher kein besserer. Ich bin ganz gut erzogen, danke sehr.

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