Zeitung Heute : Ein Versuch, der nichts kostet

MARKUS VON RIMSCHA

Das Textverarbeitungssystem TeX für wissenschaftliche Arbeiten läuft auf allen PlattformenVON MARKUS VON RIMSCHAWord für Windows hat sich mittlerweile zum Quasi-Standard unter den Textverarbeitungsprogrammen etabliert.Fast jeder Anwender ist mit der Arbeitsweise und Handhabung vertraut.Auch die wenigen noch existenten Konkurrenzprodukte versuchen mehr oder weniger erfolgreich, das Vorbild nachzuahmen. Einfache Ansprüche werden grundsätzlich erfüllt, bei kleinen bis mittleren Projekten dürften die Funktionen der gängigen Lösungen meist ausreichend sein.In dem Maße jedoch, in dem die Ansprüche des Anwenders steigen, zeigen sich gravierende Mängel.Immer noch werden auf unterschiedlichen Druckern unterschiedliche Ergebnisse geliefert.Die Schuld hierfür dürfte zwar nicht in der Textverarbeitung als solcher zu suchen sein, vielmehr sorgen die Treiber verschiedener Druckertypen für Chaos.Wer einen Text auf seinem privaten PC schreibt und dort auch Testdrucke erstellt, beispielsweise mit einem Tintendrucker, wird beim Erstellen der endgültigen Version auf einem Laserdrucker nicht selten von veränderten Zeilen- bzw.Seitenumbrüchen überrascht.Auch wenn komplizierte Formatierungen benötigt werden, sind die Standardlösungen schlicht unbrauchbar.Davon weiß wohl jeder ein Lied zu singen, der schon einmal versucht hat, eine Arbeit mit umfangreichen mathematischen Formeln zu schreiben.Schließlich ist der Preis, der für den hohen Arbeitskomfort zu bezahlen ist, nicht nur in finanzieller Hinsicht beträchtlich.Auch der Verbrauch an Ressourcen - insbesondere Arbeitsspeicher - ist enorm.Selbst wenn 32 oder gar 64 Megabyte zur Verfügung stehen, ist es kaum zumutbar, ein großes Dokument, das mit Tabellen, Grafiken oder Formeln gespickt ist, in einem Stück zu bearbeiten. Wie aber kann sich der Anwender hier aus der Affäre ziehen? TeX, ein Programm, das der renommierte Informatiker Donald Knuth vor Jahren entwickelt hat, ist insbesonders bei wissenschaftlichen Arbeiten ein wahrer Segen.Verfügbar für alle gängigen Plattformen, von DOS über Windows, OS/2 und Unix bis hin zum Macintosh, geht TeX eigene Wege.Die Installation stellt allerdings, verglichen mit gewohntem Komfort, eine durchaus ernstzunehmende Hürde dar.Ist diese einmal glücklich überstanden, wird das Dokument nicht mit voller Grafikunterstützung geschrieben.Der Autor sieht lediglich den geschriebenen Text, also den Inhalt einer Arbeit.Formatierungen wie Fettdruck oder mathematische Formeln werden mit speziellen Kommandos eingegeben, das Resultat ist erst beim Ausdruck oder bei der Bildschirmansicht sichtbar.Hierfür muß das Werk aber zuerst in ein eigenes Format übersetzt werden.Diese Arbeitsweise ist zwar etwas umständlich und insbesondere weniger anschaulich als beispielsweise bei Winword, dafür aber wesentlich effizienter und ressourcenschonender.Trotzdem bleibt TeX strenggenommen eine Art Programmiersprache für Dokumente.Der etwas überflüssig erscheinende Vorgang der Übersetzung in ein Zwischenformat hat dabei durchaus Vorteile.Die entstehenden Dateien sind von Hand nicht mehr änderbar, Inhalt und Formatierungen sind im Datenwust versteckt.Damit können sie relativ gefahrlos weitergegeben werden, der Empfänger kann das Dokument lediglich ausdrucken, inhaltliche Manipulationen sind nicht mehr möglich.Dabei sind diese Dateien nicht nur wesentlich kleiner als die sonst üblichen Druckdateien, sondern auch plattformunabhängig.Es ist kein Problem, unter Windows NT zu schreiben und Testdrucke auf einem Tintendrucker zu erstellen und schließlich die Endversion mit einer Unix-Workstation auf einem Postscript-Laserdrucker auszugeben.Hier besteht bei gängigen kommerziellen Produkten enormer Nachholbedarf. Auch der Vertriebsweg von TeX ist bemerkenswert.Während gängige Textverarbeitungen mit mehreren Hundert Mark zu Buche schlagen, ist TeX ein Freeware-Programm, es kostet also gar nichts.Auch die zahlreichen Hilfs- und Zusatzprogramme, die mittlerweile existieren, werden meistens als Freeware oder Shareware angeboten, im letzteren Fall ist nach einer festgelegten Testphase eine Registration mit Bezahlung nötig.Verschiedene TeX-CDs sind dementsprechend günstig zu haben, lediglich für die Zusammenstellung der Programmpakete wird ein meist relativ geringer Preis berechnet.Eine sehr umfangreiche Lösung wird beispielsweise vom Franzis-Verlag (www.franzis.de) angeboten.Für 50 DM werden vier CDs mit Programmversionen für alle gängigen Betriebssysteme, Hilfen und diverse Zeichensätze angeboten. Insgesamt wird TeX sicherlich keinen Anwender umstimmen, der mit seiner augenblicklichen Lösung zufrieden ist.Auch der Laie, der sich mit der relativ komplizierten Handhabung nicht anfreunden mag, ist mit einer üblichen Textverarbeitung sicherlich besser beraten.Wer sehr große und komplex formatierte Dokumente erstellen möchte und eine effiziente Alternative sucht, für den ist TeX einen Versuch wert.

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