Zeitung Heute : Ein Weg, kein Wille

Eine saubere, warme Welt ohne Kernkraft – der Energieexperte Felix Matthes sagt, wie es geht

Harald Schumann

Als Felix Christian Matthes vom Lunch mit dem Wissenschaftsberater von Britanniens Regierungschef Tony Blair zurückkehrt, sieht er anstrengende Monate voraus. „Es geht wieder los“, sagt er. Es ist Mittwoch, Felix Matthes sitzt in seinem Büro in einem gepflegten alten Verwaltungsgebäude an der Novalisstraße in Berlin-Mitte, ein Mann im grauen Anzug mit wachem Blick. Das Treffen mit den Briten ist gerade zu Ende gegangen. Die britische Regierung wird voraussichtlich ein Neubauprogramm für Atomkraftwerke auflegen, das hat ihm der Kollege aus London bestätigt – und die Folgen für Deutschland sind absehbar: „Das beschert uns eine weitere Auflage der rituellen deutschen Atomdebatte“, prognostiziert Felix Matthes. Und er wird wieder einmal mitten drin stecken.

Matthes hat „den ganzen Zirkus“ schon allzu oft mitgemacht, als Experte für Energie und Klimaschutz und Leiter der Berliner Dependance des Öko-Instituts, als Gutachter für die Bundesregierung, die EU-Kommission, das Straßburger Parlament und den Bundestag. Es wird ihm und seiner 15-köpfigen Crew eine Flut von Interview-Anfragen, Gutachteraufträgen und Vortragseinladungen einbringen – er ist einer von nicht sehr vielen Menschen in Deutschland, die die Zusammenhänge in der Energieversorgung schlüssig erklären können, zwischen umgeknickten Strommasten, dem Streit um Gaspipelines und umstrittenen Atommeilern. Und der für viele Probleme noch dazu praktikable Lösungen vorweisen könnte.

Und doch würde er auf den Zirkus ums Atom gerne verzichten. Denn der, so klagt er, habe heute nur noch den Zweck, die Reform der veralteten Strukturen der Energieversorgung zu verhindern. Deutschlands Stromwirtschaft wolle eben „einfach das machen, was schon immer gemacht wurde“.

Das klingt nach Kampfposition, nach Atomkraftgegner mit Brokdorf-Erfahrung – ein Gorleben-Romantiker? Doch wer in Matthes einen links-grünen Ideologen sieht, der irrt. Das Öko-Institut, für das er arbeitet, ist zwar ursprünglich ein Produkt der westdeutschen Umweltbewegung, aber Matthes ist es nicht. Denn als die Grünen einst im Kampf gegen die „Plutoniumwirtschaft“ zusammenfanden, stritt der heute 43-jährige Energiefachmann noch mit den DDR-Behörden um die Zulassung zum Abitur. Als Kind überzeugter evangelischer Christen aus Friedrichshagen am Müggelsee verbrachte er seine Jugend ohne die Jungen Pioniere und war „ewiger Außenseiter“. Er musste erst die praktische Ausbildung zum Elektriker absolvieren, um anschließend mit Fachabitur ab 1981 doch noch in Leipzig Elektrotechnik studieren zu können. Über den Umweltschutz diskutierte er schon in kirchlichen Arbeitskreisen, an diesem Thema lernte er, was mit dem DDR-System nicht stimmte. „Unser Protest richtete sich gegen den Schwefeldunst aus den Braunkohlekraftwerken im Leipziger Süden.“

So verliefen Matthes’ Gehversuche in Sachen Energiepolitik weitgehend isoliert im kleinen Kreis der DDR-Dissidenten. Umso direkter geriet dafür seine erste Konfrontation mit den westdeutschen Stromfürsten und ihren politischen Helfern nach der Öffnung der Mauer. Denn die Vorstände von RWE, Preussen Elektra und Bayernwerk (heute Eon) waren sich noch vor der Einheit mit ihren Kollegen der ostdeutschen Elektrokombinate einig geworden: Das gesamte DDR-Stromsystem sollte den drei Westkonzernen gegen ein paar Modernisierungsversprechen in den Schoß fallen. Stadtwerke oder Wettbewerb waren nicht vorgesehen.

Diesen so genannten Stromvertrag wertete die Mehrheit der erstmals frei gewählten Volkskammer als Skandal. In der Folge wurde Matthes als einer der wenigen DDR-Oppositionellen, die etwas von Energiewirtschaft verstanden, für die Bürgerrechtler Matthias Platzeck (später SPD) und Günther Nooke (später CDU) das, was er bis heute ist: energiepolitischer Berater mit Hang zum Fleiß und Detail. Heraus kam damals das Kommunalvermögensgesetz, das allen ostdeutschen Städten und Kreisen Ansprüche auf die Versorgungsnetze in ihren Gebieten und damit die Gründung von Stadtwerken verschaffte – „bis heute mein größter Erfolg“, freut sich Matthes. So katapultierte ihn ein Wissensvorsprung beinahe über Nacht in die Sphäre der Spitzenpolitik.

Wer Matthes in seinem Büro besucht, der findet nicht nur eine hervorragende Sammlung energiewirtschaftlicher Schriften und Bücher, die ringsum hohe Regale füllen. Zugleich begegnet ihm ein wandelndes Archiv über die Energiesysteme der Menschheit, das sowohl über die Ressourcenlage im Erdölsektor als auch zu den Einzelheiten des „Nationalen Allokationsplans“ für den Emissionshandel Auskunft geben kann. „Mich fasziniert eben dieser Bereich, diese Maschinen, diese Kraft“, sagt er. Begeistert berichtet er da von seinen Ausflügen zu den Erdölplattformen, bis auf den Grund der Nordsee oder ins Atomkraftwerk Sosnowi Bor bei Sankt Petersburg, das Schwesterwerk der Unglücksmaschine von Tschernobyl. Und für einen Moment weicht dann das nüchterne Wissenschaftlergesicht der Mimik eines staunenden Schuljungen.

Das so erworbene Wissen bringt ihm selbst bei seinen politischen Gegnern Respekt ein. Matthes neige zwar zum Festhalten an Grundsätzen, sagt etwa ein führender Manager des Stromkonzerns RWE. Aber er sei eben „fachlich auf hohem Niveau“ und gehe auf jedes Argument ein. Das bringe ihm „den Vertrauensvorschuss bei Politikern aller Fraktionen.“ So eng wie Matthes seien nur wenige Berater an der Gesetzgebung beteiligt.

Weil die Energiewirtschaft untrennbar mit dem drohenden Klimawandel verbunden ist, sucht Matthes aber nun schon seit über einem Jahrzehnt auch nach der richtigen Klimaschutzstrategie, zwei Jahre lang sogar als Mitglied einer Enquete-Kommission des Bundestages. An dieser Front allerdings blieben die Erfolge bis heute bescheiden – aus Sicht von Matthes vor allem eine Folge des Beharrungsvermögens der deutschen Industrie und vorrangig der vier großen Stromkonzerne. Denn eigentlich seien die Bausteine für die nötige radikale Minderung des Ausstoßes von Treibhausgasen längst bekannt. Der Schlüssel sei die Steigerung der Effizienz von Energienutzung, sagt er. Das sei „das Einfache, das so schwer zu machen ist“. Sein Katalog an Vorschlägen klingt denn auch gar nicht utopisch. Ginge es nach Matthes, dann würden in Deutschland künftig folgende Punkte beachtet: Alle Gebäude würden auf skandinavische Wärmeschutzstandards umgerüstet. Es würden sparsame Elektrogeräte nach japanischem Vorbild gefördert. Niedrige Verbrauchsgrenzen für Neuwagen wären vorgeschrieben, wie sie die Chinesen eingeführt haben, und 40 Prozent der Stromversorgung würden in dezentralen Heizkraftwerken mit Erdgas erzeugt, die durch Nutzung der Abwärme doppelt so effizient sind wie herkömmliche Großkraftwerke. So wie es in Dänemark schon heute Standard ist.

Hielte man zudem daran fest, weiterhin wie bisher Jahr für Jahr ein zusätzliches Prozent der Stromerzeugung auf erneuerbare Quellen wie Wind, Wasser, Sonne, Biomasse und Erdwärme umzustellen, dann seien binnen drei Jahrzehnten „mindestens die Hälfte unserer Treibhausgas-Emissionen einzusparen“, meint Matthes, die Szenarien seien alle schon durchgerechnet. Für die fehlenden 30 Prozent Minderung müsse man auf „technologische Durchbrüche“ hoffen, aber die seien durchaus wahrscheinlich. Sowohl bei der Stromgewinnung aus Sonnenlicht als auch bei der Abtrennung von Kohlendioxid aus dem Abgas von Kohlekraftwerken sei damit in den nächsten 20 Jahren zu rechnen.

Trotzdem. Von der „romantischen deutschen Vorstellung eines fertigen Konzepts für die nächsten 50 Jahre muss man sich verabschieden“, fordert Matthes. Warum ein großer Plan? „Warum nicht einfach ausprobieren, was anderswo schon geht?“ Er glaube nicht an Patentlösungen, sagt Matthes. Er hätte lieber die „schrittweise Organisation des Übergangs“.

Die endlose Atomdebatte macht ihn deshalb ärgerlich. Sie lenke nur von konkreten Schritten ab. Immerhin sei die europäische Entwicklung das Energiemodell für die Welt. Würden die Hoffnungen der Atomgemeinde wahr, würde die Menschheit am Ende mit zigtausend Atomkraftwerken Klimaschutz betreiben. Dann werde das Risiko für den nächsten Super-GAU womöglich am Korruptions-Index des jeweiligen Landes abzulesen sein, warnt Matthes. Plumpe Interessenpolitik unterstellt er den Akteuren.

Jedes zusätzliche Jahr Laufzeit für Deutschlands AKW bringe den Betreibern zusätzlich mehr als eine Milliarde Euro Reingewinn. „Darum geht es, sonst nichts, und dafür ist jeder Anlass recht“, sagt er nüchtern und verweist fast schon resigniert auf die jüngste Atomkraftoffensive der CDU-Ministerpräsidenten Koch und Oettinger, die den Stromkonzernen eng verbunden sind. „Russland dreht der Ukraine für einen Tag das Gas ab, und hier wird mehr Atomstrom gefordert, absurder geht’s nicht“, sagt er ärgerlich. Schließlich werde Erdgas in Deutschland bisher überwiegend zum Heizen verbraucht und trage nur gerade mal zehn Prozent der Stromversorgung. Aber die Politik diskutiere nicht über die Gasverschwendung in schlecht isolierten Gebäuden, sondern über Atomkraft.

Nicht minder abwegig sei die Vorstellung, längere Laufzeiten für Deutschlands älteste Atommeiler würden den Klimaschutz fördern, wie jüngst Wirtschaftsminister Glos befand. Offenbar, so Matthes, habe der noch nicht begriffen, dass die erlaubte Emissionsmenge längst auf Jahre beschlossen sei. „Dann können die Konzerne ihre Emissions-Lizenzen an andere verkaufen und das Abgas wird woanders produziert, das ist alles.“

Vor diesem Hintergrund mag Matthes denn auch nicht mehr daran glauben, dass eine zukunfstfeste Energieversorgung allein mit den heutigen Akteuren zu organisieren ist. Große Hoffnung setzt er deshalb auf die EU-Kommission, die erreichen will, dass Gaswerke und Stromerzeugung nicht mehr von denselben Unternehmen betrieben werden wie die Versorgungsnetze. Erst dann, so Matthes, werde auch der Weg für die Politik frei, mit Hilfe von anderen Akteuren wie Stadtwerken oder ausländischen Investoren neue, effiziente Versorgungsstrukturen aufzubauen. Da sollte, so schlägt Matthes vor, die russische Gasprom „ruhig dabei sein“. Hat diese erstmal eigene Heizkraftwerke in Deutschland, werde sie die Gaslieferungen „ganz bestimmt nicht einstellen“.

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