Zeitung Heute : Ein weißer und ein schwarzer Rabe

Er führte die beiden Institutionen aus Ost und West zusammen: Jetzt scheidet Walter Jens als Präsident der Akademie der Künste aus Als der Begriff "Republikaner" noch nicht in den braunen Schmutz gezogen war, nahm Walter Jens für sich in Anspruch, ein Republikaner zu sein - mit den besten Gründen.Der Tübinger Gelehrte, dem es im Elfenbeinturm zwischen seinen Büchern, im Kolleg zwischen seinen Studenten sehr wohl hätte wohl sein können, der sich auf seiner Bildung zur beschaulichen Ruhe hätte setzen können, diesen Gelehrten trieb es hinaus in die Öffentlichkeit, in Amt und Verantwortlichkeit. Er hat dieses öffentliche Wirken nicht nur seiner abgeschiedenen Gelehrtenrepublik abgetrotzt, sondern auch seiner Konstitution, er hat sich seinen Aufgaben geopfert, obwohl er stets um seine Gesundheit besorgt sein mußte.Jens huldigte einem Ideal: dem des Bürgers, des Citoyens, der die Republik, die res publica zu seiner Sache machte - tua res agitur -, der daran glaubte, das Gemeinwesen Bundesrepublik könne nur unter kritisch aktiver Anteilnahme von Leuten wie ihm gedeihen.Gewiß war da neben Verantwortung und protestantischem Pflichtgefühl auch bis zur Eitelkeit gesteigertes Selbstbewußtsein im Spiel - aber daß Jens es geschafft hat, den Gelehrten, den Schriftsteller zum Repräsentanten seiner Epoche zu machen (etwas, was es seit den Brüdern Mann nicht mehr gegeben hatte und was schon bei Thomas Mann und Heinrich Mann untypisch für Deutschland gewirkt hatte), das zeichnet ihn aus, und das hat diese Bundesrepublik, so sie sich durch ein geistiges Klima ausweist - ausgewiesen hat -, geprägt. Das klingt wie ein Nachruf auf einen doch immer noch vital in den gegenwärtigen Auseinandersetzungen stehenden Mann.Ein Nachruf zu Lebzeiten ist es insofern, als Walter Jens als Akademie-Präsident zurücktritt - von einem Amt, das er in den entscheidensten Jahren (denen der Wiedervereinigung Deutschlands und Berlins) am entschiedensten ausgeübt hat.Er hat die Einheit zweier Berliner Akademien zu verantworten, sie ist ganz sicher sein großes Verdienst: Er hat diese Einheit mit der nötigen Brachialgewalt und der gebotenen Geschmeidigkeit, couragiert und mit Augenmaß herbeigeführt, er, scheinbar ein rhetorischer Schwärmer, zusammen mit dem scheinbaren Zyniker Heiner Müller. Ich muß gestehen, ich war damals nicht auf ihrer Seite, mir schien es verblasen und zynisch zugleich, den Dreck der Vergangenheit einfach durch Umarmungen zu beseitigen.Sehe ich heute die jahrelangen selbstzerstörerischen Querelen des PEN, weiß ich, daß ich mich gegen meine guten Gründe geirrt habe und daß Jens Recht hatte.Wollte man den Eindruck der "Kolonialisierung" vermeiden, zunächst mildern, konnte, ja durfte man nicht viel anders handeln, als Jens es getan hat.Und dabei durfte man auch von falschen Prämissen her argumentieren.Empörte Selbstgerechtheit, verständlicher Ekel - das hätte damals nicht weiterführen können. Ich muß gestehen, daß ich in diesen jahren der radikalen Veränderungen in keiner der großen Streitfragen auf der Seite stand, die Jens, damals mein PEN-Präsident, verfocht.Zum Beispiel im Golfkrieg: da war ich sehr wohl Enzensbergers Meinung, daß Saddam ein (kleiner) Hitler sei und daß wir Deutschen die kalt kalkulierte Bedrohung Israels nicht dulden, nicht parteiisch oder neutral unterstützen durften.Dennoch sehe ich rückblickend mit Respekt, wie Jens einen amerikanischen Deserteur in sein Haus nahm - er praktizierte seinen Begriff von engagiertem Bürgertum, von staatsbürgerlicher Verantwortung.Er praktizierte die political correctness so radikal, daß sie "inkorrekt" wurde. Und so fern ich denen stand, die sich in Mutlangen aus ihrem Sitzstreik abschleppen ließen - es erschien mir als blinder Heroismus in einem Staat, der heroische Widerstandsakte nun wahrlich nicht abforderte -, nachträglich weiß ich, daß solche Akte, wie Jens sie mit wirksam pathetischer Gebärde geleistet hat - als ließe sich Deutschland in einem Delacroix-Gemälde darstellen - doch notwendig waren, um ein kritisches Klima zu schaffen, das der politischen Kultur in Deutschland sehr zugute gekommen ist, ja, das ihr lebensnotwendig wurde. Zuerst erlebte ich Jens als Student im Tübingen der fünfziger Jahre.Der junge, schlanke, ja hagere Gelehrte mit dem scharfen Profil und den straff zurückgekämmten, widerspenstigen Haaren war eine einmalige Erscheinung: er war versponnen und weltläufig zugleich, er glühte vor Eleganz und sprühte vor Engagement, er war gebildet bis zur Skurrilität - der verkörperte Stubenhoêker - und gleichzeitig so mondän, daß er als sprunghafte Diva unter den Bücherwürmern wirkte.Er hat versucht, der Rhetorik, die durch die Bierbaßtiraden Hitlers und die schleimige Pathetik Goebbels in Verruf geraten war, ihre antike Würde zurückzugeben.Er sprach geschliffen, manchmal bis zum Schleiflack - und doch: es hat das Bewußtsein für forensische Auseinandersetzungen, für das rhetorisch Öffentliche demokratischer Politik geschärft. Jens war ein Lehrer, der in der verstaubten Universität von lebenden, lebendigen, umstrittenen Schriftstellern sprach - ohne Angst, daß da noch kein sichernder Kanon vorhanden war.Jens schrieb selber, Romane, Dramen, Diskurse, Dialoge, er riskierte als poeta doctus (eine anachronistische Erscheinung) die Gefahr, nur als ein Epigone zu erscheinen - dabei braucht die Literatur für ihre Traditionsarbeit Epigonen -, er wollte auf den Spuren von Lessing und Peter Weiß die Bühne als Kanzel benutzen.Er mischte sich ein, vielfältig und oft, als ein Wortführer der Gruppe 47, aber auch als Fernsehkritiker der "Zeit".Diese kurzen Glossen, die Woche für Woche erschienen und die der Bildungsbürger Jens mit dem Pseuydonym "Momos" zeichnete, kann man nachträglich nicht hoch genug einschätzen: sie haben dem kritischen Fernseh-Journalismus in den öffentlich-rechtlichen Anstalten die nötige Courage gegeben, die er gegen die faulen Gremien-Kompromisse brauchte. Jens, der sich mit seiner leicht schneidenden Stimme auch in das Fußball-Getümmel mischte, ist ein eleganter Rhetoriker, wie man sich ihn gebildeter und assoziationsreicher nicht vorstellen kann, ein deutscher Mann mit Esprit, ein weißer Rabe.Sarkasmus, Ironie, Selbstironie sind kaum seine Sache - ein schwarzer Rabe. Doch zuletzt sah ich ihn mit Loriot.Die beiden souveränen, eleganten Herren lasen den Briefwechsel zwischen Voltaire und Friedrich II.- eine Glanzvorstellung der Berliner Akademie: es waren blitzende, gescheite Briefduelle der Liebe, der Verehrung, der Kränkung, der Berechnung.Rührendes und Gemeines lösten einander ab, vermischten sich, Größe ging Hand in Hand mit Kleinlichkeit, man war knickrig und großzügig zugleich.Loriot "gab" den großen Friedrich, Jens den nicht minder großen Voltaire.Und die beiden gescheiten alten Herren, die da mit funkelnden Augen miteinander parlierten und gegeneinander paradierten, offenbarten dabei doch, daß sie nicht nur die Schwächen ihrer starken Rollen durchschauten - sondern dabei auch: die eigenen. 

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