Zeitung Heute : Ein wenig flunkern.

Piper-Serie "Lesen & Reisen": Gebrauchsanweisung f

Die Piper-Serie "Lesen & Reisen" auf den Spurennationaler Vorurteile.VON WULF SCHMIESE Piper-Serie "Lesen & Reisen": Gebrauchsanweisung fuer...(Amerika,Deutschland, Griechenland, Irland, Israel, Japan, New York, Schottlandund die Schweiz).Verschiedene Autoren.Muenchen/Zuerich 1996.ProBand 160 - 200 Seiten.28 DM."Stereotypen aller Laender, vereinigt euch" war sicher nicht die Aufforderung des Piper-Verlags.Doch in den neun Buechlein der neuen Serie, die zum Teil aus Neuauflagen besteht, fehlt kaum eines der traditionellen Nationenbilder.In den USA liebt man Kitsch, "was echt aussieht, ist fuer den Amerikaner echt".Der Ire saeuft soviel wie es bei ihm regnet und der Grieche verpestet ungeniert die eigene Luft, "die Akropolis gibt langsam auf - der Athener haelt durch".Der Israeli setzt sich ueberall durch mit Chuzpe, "Selbstbewusstsein, gepaart mit einem geruettelt Mass an Unverfrorenheit".Japan ist die "wohlgeordnete Wohlstandsoase", New York der ewige Kontrast zwischen reich und arm,"Wolkenkratzerdschungel, Glitzerwelt".Zwar sind "nicht alle Schottengeizig.Geschaeftstuechtig sind die Schotten allerdings".So auch derSchweizer, obwohl er sich "insgeheim tolpatschig" fuehlt und "anuebertriebenem Drang zu vorsorglicher Bescheidenheit" krankt.Lesespass bringt diese voellige Missachtung der politischenKorrektheit.Waeren alle Texte frei von Klischees, unterschiede diebeschriebenen Voelker nur ihr Wohnort.So aber erfahren wir von"taz"-Korrespondent Ralf Sotscheck, warum Iren "alkoholischenGetraenken nicht abgeneigt sind, gerne ein wenig flunkern undgrundsaetzlich zu spaet kommen".Am Deutschen hingegen beobachtete der russische Journalist Maxim Gorski die "Liebe zur Disziplin, Ordnungund Korrektheit".Nur auf der Autobahn liesse er sich gehen, "mit demunerhoerten Tempo" das Russen "bislang nur mit dem sowjetischenKosmosprogramm in Verbindung gebracht haben duerften".Des Deutschen Verhaeltnis zum Wagen empfindet Gorski als fast pathologisch: "Kehrt ein Deutscher von einer langen Autofahrt heim, dann wird er stolz die ueberwundenen Engpaesse und Baustellen aufzaehlen, wie einKriegsveteran die siegreichen bestandenen Schlachten".Fuer solcheLandsleute scheint Israel die geeignete Herausforderung.ARD-Korrespondent Martin Wagner: "Es ist kein Zufall, dass auf IsraelsStrassen zwischen 1948 und 1995 mehr Menschen umgekommen sind als in den Kriegen, die Israel im gleichen Zeitraum gefuehrt hat." Daerscheinen die Schotten konstruktiver.Der fruehere Feuilletonchefdieser Zeitung, Heinz Ohff, lobt deren Erfindungen: "Schottenverdanken wir das Telefon, die Logarithmenrechnung, den Asphalt, diewasserdichte Kleidung, das Penicillin und die Marktwirtschaft."Kein Band versucht sich durch besonders originelle Reiseideen zuprofilieren, wie etwa ein "Anders Reisen"-Fuehrer, der - ganz crazy -eine Fahrradtour durch Manhattan empfiehlt.Stuende in einerBetriebsanleitung fuer den Rasenkantenschneider, dass man mit ihm auchdie Koteletten stutzen kann, haette das den gleichen Effekt: besserignorieren.Die Piper-Buecher sind dagegen nuetzlicheGebrauchsanweisungen.Sie vermitteln generelle Eindruecke von Laendern und Leuten, weisen auf Sehenswertes hin und warnen vor Tuecken.Wie der Alltag anderswo funktioniert beschreiben sie weder stichpunktartig noch im edel-ermuedenden Baedeker-Stil, sondern recht amuesant.Vorausgesetzt, der Leser teilt ihren Humor.Wer sich an harmlosen UEberspitzungen stoesst, sollte das jeweilige Buch trotzdem lesen, um dagegen anzureisen.Denn jedes Vorurteil ist, wie Karl Kraus einst sagte, gerade so richtig, dass auch das Gegenteil nicht falsch waere.

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