Zeitung Heute : Ein westdeutsches Fernsehmagazin für "uns da drüben" im Osten Deutschlands

Lothar Heinke

Wenn ein so bekanntes Magazin wie "Kennzeichen D" sein für hiesige Verhältnisse geradezu sensationelles Jubiläum von 700 Sendungen ankündigt, dann fängt als erstes die Rechnerei an: Wann tauchte das ovale Autokennzeichen mit dem dicken "D" wie Deutschland zum ersten Male auf dem Bildschirm auf, wenn es alle 14 Tage zur besten Sendezeit lief? Aha. September 1971. Kalter Krieg. Konfrontation. In den siebziger Jahren also, was bedeutet, dass alle um die Dreißig mit dem televisionären Deutschen aus Ost und West groß geworden sind. Die Älteren sowieso. "Ich glaube, immer mittwochs war Kennzeichen-D-Tag", erinnert sich eine Ost-Berlinerin, "und das Gucken war für jeden, wenn er nicht total verbohrt war, ein inneres Bedürfnis, ein Muss. Denn hier habe ich erfahren, was nicht in der Zeitung stand. Und ich bin überzeugt: Die da oben, die Wasser predigten und Wein tranken, haben sich jede Sendung reingezogen wie einen Krimi."

Der DDR-Mensch im allgemeinen war bekanntlich ein ziemlich geduldiges Wesen, aber das politische Trommelfeuer, das von früh bis zur "Aktuellen Kamera" (und bei Parteiversammlungen auch noch bis in die Nacht) über ihm herniederging, machte ihn auf die Dauer einerseits für derlei Dinge taub, andererseits schärfte es sein Bewusstsein für Zwischentöne und Zwischenzeilen. Denn er ahnte und wusste: Das, was die uns da in den politischen Sendungen von Rundfunk und Fernsehen erzählen und was aus den vorderen Seiten der Zeitungen quillt, das kann nicht alles gewesen sein. Da gibt es landauf landab noch etwas, das man uns unmündigen Kindern vorenthält. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, was nicht ins Schema der Medien als "kollektiver Propagandist, Agitator und Organisator" passte.

Und da kam "Kennzeichen D" mit Hanns Werner Schwarze. Die Nachfolgerin der Sendung "drüben" versuchte, Informationslücken zu füllen. Sie wollte dem Bundesbürger einen objektiven Einblick in das Leben hinter der Mauer geben, wurde aber gleichermaßen und sehr schnell auch zur Informationsquelle "für uns da drüben". Joachim Jauer, Chef des ZDF-Landesstudios Berlin, der von 1978 bis 1982 als ZDF-Korrespondent in der DDR arbeitete, sagt, für ihn stehe das "D" für "Dolmetscher in einer Muttersprache, der zwischen zwei Landessprachen vermittelt". Der Dolmetscher hatte es nicht immer leicht. Im Westen wurde er hin und wieder als unbequemer Mahner getadelt, den DDR-Oberen war er ein Dorn im Auge. Denn das Magazin übernahm unversehens eine Rolle, die der DDR-Presse versagt war: Es kümmerte sich um die eigentlichen Dinge des Lebens, hielt seine Kameras auf die bröckelnden Fassaden maroder, heruntergewirtschafteter Städte, machte das Tabu-Thema Umweltschutz öffentlich und sagte die Wahrheit über Vorgänge, die man gern verschwiegen hätte. So erfuhr man erst im Fernsehen von einem Überfall von Skinheads auf junge Gottesdienstbesucher in der Zionskirche - die Sache hatte später gerichtliche Folgen, wurde aber zunächst offiziell totgeschwiegen, weil es eben keine Skinheads mit Nazi-Parolen auf den Lippen zu geben hatte, basta.

Ob die Macher der Sendung ahnten, was sie da angerichtet hatten? "Nach solchen Beiträgen waren wir immer schlauer und begannen, auch in den Parteiversammlungen, freche Fragen zu stellen - die dann mit dem Hinweis auf den Klassenfeind, von dem das stammt, beiseite geschoben wurden", sagt eine Mitarbeiterin des früheren Adlershofer Fernsehens der DDR.

Für die herrschende Klasse war ohnehin Humor ein Fremdwort. Dirk Sager, jetzt Chef des ZDF-Büros in Moskau, hatte einmal in der Hochburg des DDR-Karnevals, im kleinen thüringischen Städtchen Wasungen, das lose Treiben beobachtet und den Faschingsumzug gefilmt. Man sah ein auf einem Handwägelchen stehendes Klosett, bei dem sich der Deckel auf und nieder bewegte. Ein Plakat erklärte dazu: "Das einzige, was bei uns klappt". Um Himmels Willen! Sogleich setzte die Partei Aufklärer in Marsch, die ermitteln sollten, wie "so etwas" passieren konnte; fortan wurden alle Umzugswagen auf ihr ideolgisches Reinheitsgebot geprüft und Korrespondenten, die für ihre Beiträge Drehgenehmigungen einzuholen hatten, gar nicht erst in die Prunksitzungen reingelassen.

Dabei zwinkerte das Deutsche aus Ost und West bei vielen Beiträgen listig mit den Augen. Joachim Jauer erinnert sich an eine lustige Geschichte mit einem riesigen Echo. Im Mittelpunkt stand der beliebte und begehrte Trabbi, das Kleinauto mit der größten Witze-Quote. "Wir filmten einen professionellen Autotest mit einem offiziellen Tester auf einer Rennstrecke, der Wagen kam angebraust, hielt, der Mann stieg aus und sagte: Daimler-Benz hat für das Entwicklungsprogramm seiner tongedämpften Türen ungefähr 200 Millionen D-Mark ausgegeben - Trabant hat diese Summe eingespart." Damit warf er die Tür zu, und es machte krrrrrch. "Wir waren nicht gehässig, es war eine fröhliche Nummer". Viele Ost-Berliner haben den Kennzeichen-D-Leuten gestanden, wie gut ihnen die Trabbi-Story gefallen hat. Oder sie haben im ZDF-Büro in der Clara-Zetkin-Straße angerufen (das stand ja im Telefonbuch) und gesagt, dass man ihnen mit diesem Test aus der Seele gesprochen hatte. Denn das Urteil war durchaus positiv: Wenn der Wagen technisch besser ausgestattet wäre, bekäme er ein "Gut" als kleines Stadtauto.

Neben diesen Beiträgen, die jedes Magazin schmücken, gab die Sendung jenen mutigen Leuten Bild und Stimme, die der anderen deutschen Republik den Spiegel vors Gesicht hielten: Die ewig mahnende Autorität eines Stefan Heym, der Vor-Denker Rudolf Bahro, später Bärbel Bohley und die Leute vom Neuen Forum, oder Manfred Krug bei seiner Ankunft im Westen: Dirk Sager hält ihm das Mikrofon hin, und er, der Kleiderschrank, endlich mit Sack und Pack drüben, fängt an zu heulen. Eine Sternstunde auch dies: Die Kamera ist dabei, als sich Wolf Biermann von seinem Freund Robert Havemann mit einem Lied verabschiedet und der schon vom Tode gezeichnete Dissident sein Vermächtnis für ein neues, anderes und besseres Deutschland in die Kamera spricht.

Andere Zeiten - anderes "Kennzeichen D".

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