Zeitung Heute : "Ein wunderbarer Tag"

KLAUS WALLBAUM

HANNOVER .Als um Punkt 18 Uhr die ZDF-Prognose auf einer riesigen Leinwand übertragen wird, erfüllt ohrenbetäubender Lärm den Saal der hannoverschen Diskothek "Capitol".Die rund 300 SPD-Fans sind nicht mehr zu halten."Rot-Grün, Rot-Grün" skandiert die Menge zunächst, wenig später dann "Kohl ist weg, Kohl ist weg".Niedersachsens Umweltminister Wolfgang Jüttner spricht als erster am Mikrophon zu der feiernden Menge, wird aber bei dem Jubel gar nicht verstanden.Das sei ein "bombastisches Ergebnis", ruft er, preist sodann "unseren Gerhard Schröder, den neuen Kanzler", und bekennt schließlich, auf eine Große Koalition in Bonn "nur wenig Lust zu verspüren".

Im Innenministerium ist die Stimmung sodann etwas gedämpfter.Freudestrahlend, aber still betritt Sigmar Gabriel, der Chef der SPD-Landtagsfraktion, zunächst das Pressezentrum."Das ist eine schöne Sache und ein wunderbarer Tag", sagt er nur.Gerhard Glogowski, der künftige Ministerpräsident, gibt sich staatsmännisch: Er freue sich auf das neue Amt, das werde mit ihm in der Staatskanzlei "eine schöne Zeit für Niedersachsen".Nachdem sich bei der Wahlfete der SPD in Hannover der erste Jubel gelegt hat, stehen überall kleine Grüppchen, in denen sich alles um nur ein Thema dreht: Wie geht es jetzt in Niedersachsen weiter? Einige Landespolitiker wirken richtig erleichtert, kann diese Frage nun endlich offen und unverblümt erörtert werden.Der Bär ist jetzt erlegt, sein Fell darf also verteilt werden.

Klar scheinen am Sonntagabend die Veränderungen im Landeskabinett: Der 55jährige Glogowski, bisher Innenminister, dürfte schon ziemlich rasch, nämlich Mitte Oktober, vom Landtag zum neuen Ministerpräsidenten gewählt werden.Neuer niedersächsischer Innenminister wird der 50jährige Studienrat Heiner Bartling aus Rinteln, ein langjähriger Kommunal- und Innenpolitiker, Reserveoffizier und Glogowski-Vertrauter.Als sich Glogowski und Bartling am Abend im Innenministerium begegnen, ruft der künftige Regierungschef seinem künftigen Minister schon mal zu: "Na, das gefällt Dir hier, oder?"

Es steht noch nicht fest, ob Agrarminister Karl-Heinz Funke, der nicht zu Glogowskis besten Freunden zählt, von Schröder zum Bundeslandwirtschaftsminister berufen wird.Wenn ja, droht seinem Ressort die Zusammenlegung mit einem anderen Ministerium.So gut wie sicher scheint jedoch schon, daß das Land drei erfahrene Staatssekretäre an Schröders Bonner Mannschaft verliert: Frank Steinmeier, bisher Chef der Staatskanzlei, Alfred Tacke aus dem Wirtschafts- und Claus Henning Schapper aus dem Innenministerium.Vor allem ein Abgang schmerzt den künftigen Ministerpräsidenten: Schapper, seinen langjährigen Vertrauten, hätte er gern zum neuen Chef der Staatskanzlei befördert, doch auf den versierten Innenpolitiker warten hohe Aufgaben an der Seite des künftigen SPD-Bundesinnenminister Otto Schily.Nur dann, wenn es in Bonn eine Große Koalition gibt, bleibt Schapper in Hannover.

Zwei größere Gruppen in der SPD hatten Bedenken gegen diese Weichenstellungen vorgetragen, denn sie fühlen sich übergangen und sehen Glogowski zu sehr gestärkt - die Frauen und die Linken.Diese wird Glogowski mit Entgegegenkommen in Personalfragen zu befrieden suchen.

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