Zeitung Heute : Ein Zelt gegen die Welt

Endlich keine Schüsse mehr, kein Kriegslärm. Laila Farah hat mit ihren vier Kindern Zuflucht in einem Camp im Nordosten des Irak gefunden. Sie haben fast nichts – trotzdem sind sie dankbar

Erwin Decker[Khanaquin]

Auf das Zeltdach trommelt der Regen, draußen steigt das Wasser in den Gräben, drinnen erzählen zwei Mädchen von der Schule. Jeden Tag laufen die beiden Schwestern in die drei Kilometer entfernte Stadt Khanaquin, um dort etwas zu lernen, und jeden Tag erzählen sie den Erwachsenen hinterher, was es war. Ihre Mutter Laila Farah möchte das so, denn die Schule ist der letzte Rest Normalität in ihrem Leben. Dieser letzte Rest ist auch ein Halt für die Erwachsenen.

Hier, in einem namenlosen Flüchtlingslager im Nordosten des Irak, endete für Laila Farah und ihre vier Töchter der Weg aus der Hölle von Falludscha. Der Lehmboden, auf dem die alten, schmutzigen Zelte stehen, ist aufgeweicht. Im Moment regnet es hier jeden zweiten Tag. 528 Iraker aus Falludscha, Ramadi und Samarra leben in diesen Zelten zum ersten Mal seit langer Zeit ohne den Lärm von Schüssen und Explosionen, ohne die täglichen Gefahren des Krieges. Hier müssen sie nicht mit dem Schlimmsten rechnen, wenn ihre Kinder außer Sichtweite sind. Die meisten Flüchtlinge sind allein stehende Frauen mit ihren Kindern. Diese Frauen leben im Irak am Rande der Gesellschaft, sie bekommen keine Arbeit, sie finden kein Gehör bei den Behörden, sie können nur zu ihrer Familie ziehen. Aber Laila Farah hat keine Familie mehr.

Die 32-Jährige war Putzfrau in einem Krankenhaus in Falludscha. Ihr Mann arbeitete dort als Pfleger. Je länger die Kämpfe der Aufständischen andauerten, desto mehr Schwerverletzte wurden eingeliefert. „Ich kann nicht sagen, wer Aufständischer, wer ziviles Opfer war“, sagt Laila Farah. „Blutende, bewusstlose Menschen auf einer Tragbahre sehen alle gleich aus. Es war furchtbar. An manchen Tagen gab es so viele Beerdigungen, dass nicht alle Trauernden auf dem Friedhof Platz hatten.“

Sie selbst hat die Stadt erst nach dem Tod ihres Mannes verlassen. Er wurde bei einem Raketeneinschlag unter den Trümmern eines Hauses begraben. In Falludscha ging damals das Gerücht um, es würde nur noch Stunden dauern, bis die Stadt von den Amerikanern angegriffen werde. „Ich wollte mit meinen Kindern nicht so sterben wie mein Mann. Ich verkaufte alles bis auf das, was auf der Ladefläche eines Pick-up-Taxis transportiert werden konnte. Ich wollte nur noch weg aus dieser Stadt, wo seit einem Jahr jeden Tag geschossen wurde. Meine Kinder konnten nachts nicht mehr schlafen.“ Zwei Tage nach ihrer Flucht griffen die Amerikaner die Stadt an.

Der Taxifahrer sollte sie in die Kurdengebiete bringen. Sie gelten im Irak noch als relativ sicher. Außer in der Gegend von Mossul und Kirkuk wird dort nicht gekämpft. Die kurdischen Peschmerga-Kämpfer versuchen, die arabischen Aufständischen durch strenge Kontrollen fern zu halten. Laila Farah ist selbst Kurdin und wurde vor 15 Jahren von Saddams Regime aus ihrem Dorf zwangsumgesiedelt, bevor es zerstört wurde.

Im Lager bei Khanaquin fand die Familie von Laila Farah Sicherheit, aber sonst fehlt es dort an allem. Trinkwasser ist knapp, und Lebensmittel treffen nur als vereinzelte Spenden von politischen Parteien oder Moscheen ein. Nachts, wenn die Temperatur auf fünf Grad fällt, wärmen die wenigen Decken kaum. Es gibt kein fließendes Wasser, keine Toiletten. Von den internationalen Organisationen ist wenig Hilfe zu erwarten, sie haben wegen des hohen Risikos für ihre Mitarbeiter den Irak verlassen. Das UNHCR, das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, betreut den Irak zurzeit von Jordanien aus. Es hat keine genauen Erkenntnisse über die aktuellen Flüchtlingsströme. Doch die Menschen, die vor dem Krieg hierher flohen, sind schon froh, dass sie von irakischen UN-Mitarbeitern die alten Zelte bekommen haben. Trotz ihrer eigenen Notlage diskutiert Frau Fahra mit ihren Nachbarn über die Situation der 200000 Einwohner von Falludscha, die vor den Toren ihrer Stadt campieren – ohne jede Unterstützung von außen. Farah hatte vom Verkauf ihres Haushaltes in Falludscha noch etwas Geld übrig. Sie konnte sich immerhin einen neuen Gaskocher und Lebensmittel kaufen.

Auch aus Bagdad ist derweil keine Hilfe zu erwarten. Zu chaotisch sind die Zustände im Irak. Die kleine Frankfurter Hilfsorganisation Haukari ist als eine der wenigen noch im Nordirak tätig. Die Mitarbeiter haben von dem Lager bei Khanaquin gehört und wollen dort helfen. „Wir müssen den Menschen dort vor dem Winter helfen. Im Januar kann es richtig kalt werden“, sagt Karin Mlodoch, die für Haukari in Suleimanijah arbeitet.

Einzig die kurdischen Parteien haben bisher das Lager besucht. Alles, was sie mitbrachten, waren drei Säcke mit Reis. Aber sie haben Hilfe versprochen. Doch alles, was sie seitdem in das Lager geschickt haben, sind ein paar Formulare, mit denen sich die Flüchtlinge als ihre Wähler registrieren lassen können. Die Flüchtlinge sind für sie nur interessant bis zu den Wahlen Ende Januar – falls diese tatsächlich stattfinden sollten.

Wie soll es weitergehen? Laila Farah blickt auf den Boden, legt den Arm um ihre Tochter. „Ich weiß es nicht“, sagt sie. „Aber ich hoffe, dass es das Schicksal gut mit uns meint. Ich lebe noch, und meine Kinder sind gesund. Das ist das Wichtigste.“

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