Zeitung Heute : Eindrücke aus der Theokratischen Republik Athos

Jan Meer

Auf dem östlichsten "Finger" der Halbinsel Chalkidikides herrschen uralte Gesetze. Im Staat der Mönche lebt man gegen die geistige Krise der AußenweltJan Meer

Das Schlagen der Kirchturmuhr verweht fast im Heulen des Windes. Dunkle Gestalten kommen von überall her aus den Gängen gehuscht. Im Speisesaal rücken Stühle, einige Nachzügler schieben sich hastig auf die langen Bänke. Am hinteren Tisch stehen sich dreißig schwarz gewandete Kapuzenmänner mit gesenkten Köpfen gegenüber und murmeln ein Gebet. Ein heller Glockenton erklingt, das Signal, sich zu setzen und mit der Mahlzeit zu beginnen. Abendbrot in Simonos Petras, einem von zwanzig Klöstern der Theokratischen Republik Athos.

Ein Staat im Staate Griechenland, versteckt gelegen auf der Halbinsel Chalkidiki in der nördlichen Ägäis, in dem Gesetze herrschen, die so anachronistisch sind wie die Mönchsrepublik alt. Wesentliche Teile der "Goldenen Bulle", in der Kaiser Konstantin Monomachos 1045 die Unabhängigkeit von Konstantinopel bestätigte, gelten noch immer: striktes Aufenthaltsverbot für Frauen, asketisches Leben.

Beim Essen ist nichts weiter zu hören als das Klappern der Blechteller, in die die Löffel der Hungrigen fahren. Dann klopft drüben, am Kopfende, der Abt drei Mal auf den Tisch. Die Mönche erheben sich, die Mahlzeit ist beendet. Einige der Gäste, des eiligen Zeremoniells unkundig, angeln sich noch ein paar Weintrauben vom Nachtisch und folgen dann dem Tross hinaus. Dort werden sie noch einmal eindringlich an den Kloster-Knigge erinnert: keine Fotos von den Mönchen und in der Kirche, Zurückhaltung bei Befragungen. Bei Sonnenuntergang wird das Haupttor zum Stift geschlossen. Wer nicht rechtzeitig vom Spaziergang zurück ist, muss draußen übernachten. Der "Heilige Vorstand" von Athos, der vom Dorf Karyes aus die Interessen des Gottesstaates vertritt, ist nicht gut auf neugierige Besucher zu sprechen. Immer wieder machen sich Zeitungen über die Frauenphobie der Mönche lustig. Die Republik droht dann meist damit, ihre Tore für Besucher zu schließen. Eine wirksame Antwort, denn Athos ist das zentrale Pilgerziel orthodoxer Griechen.

Nun fällt es schwer, dem absonderlichen Leben der Athoniten nicht nachzuspüren. Dass sich oft blutjunge Männer völlig von der Außenwelt zurück ziehen, um sich nur noch Gott hinzugeben, ist heutzutage kaum nachvollziehbar. Trifft man die zu Mehreren oft sehr verschlossenen Mönche einmal allein, zeigen sie sich Gesprächen aber durchaus zugänglich. Vassilios aus dem Kloster Dochiariou ist dreißig Jahre alt. Schon mit zwölf zog es ihn zum Mönchtum. Mit siebzehn kam er nach Athos und war dann vier Jahre lang Novize. Eine Zeit, in der die Jungen immer wieder zu ihren Familien zurück kehren und ihre Bestimmung prüfen sollen. Eine Zeit auch, in der sie von den Mönchen scharf beobachtet werden. Die Ordensgemeinschaft allein beschließt über die Aufnahme eines Aspiranten. Das kann ein Jahr dauern, aber auch fünf.

"Die geistige Krise der Außenwelt degeneriert den Menschen", sagt Nilos, der für Öffentlichkeitsarbeit zuständige Pater von Dochiariou. "Athos dagegen repräsentiert eine theozentrische Welt - die Leiter zum Paradies." Flüssig gibt er einen Abriss der tausendjährigen Geschichte des Heiligen Berges: Nach territorialen Verlusten des bis nach Ägypten verbreiteten Mönchtums zog sich die griechische Orthodoxie mit Beginn des 5. Jahrhunderts zurück und besiedelte die Athos Halbinsel mit dem gleichnamigen 2033 Meter hohen Berg, in dessen Unwirtlichkeit schon früher Eremiten gehaust hatten. Nach dem Fall Konstantinopels, während 450 Jahre osmanischer Herrschaft, bewährte sich Athos als Refugium orthodoxer Religion, als Keimzelle von Kultur und Glauben, als Versteck von Ikonen, Reliquien, Schriften und Gedanken.

Ressentiments aus den Zeiten der Glaubenskriege sind heute noch lebendig. "Kommunismus und Irrglaube", wettert Nilos, "haben die Gemeinschaften vom Nachwuchs abgeschnitten." Dies erkläre auch den Verfall vieler Klöster des einst blühenden, von 40 000 Mönchen bevölkerten Athos. Ihrerseits Frieden mit Katholizismus und Islam zu schließen, sei ausgeschlossen, befindet Pater Palamas aus dem Kloster Vatopediou. Man sehe sich nur das imperialistische Gehabe des Vatikans im ehemaligen Ostblock an. Und die Türken? Die bleiben für einen Griechen in jeder Hinsicht Staatsfeind Nummer Eins. Auch zur Frauenfrage weiß Palamas die verblüffend simple Antwort: "Sie stellen nun einmal für den Mann eine Versuchung dar, das weiß jeder. Vor allem junge Mönche kann ihr Anblick von der Hinwendung zu Gott ablenken." Der Fluchtpunkt Athos als Gralshüter geistiger und körperlicher Reinheit? Nicht nur dies.

In Zeiten der Verfolgung wurden hier ungeheure Kunstschätze versteckt. 12 000 Hand geschriebene Bücher und Schriften, Evangeliare mit feinsten Zeichnungen verstauben in musealen Bibliotheken. 20 000 Ikonen hängen in den Kirchen, stapeln sich dicht gedrängt in dunklen Lagern. Erlesene Fresken auf Decken und Wänden verfallen in der Feuchtigkeit ungeheizter Räume. Ein Heer von Kunsthistorikern wäre nötig, um dieses Kulturerbe zu retten.

Ein stürmischer Morgen. Gefangen von den Eindrücken im Katholikón entspannen sich Körper und Geist beim Betrachten der wechselnden Bilder, die der Wind auf die Wasseroberfläche malt. Es riecht nach frisch gebackenem Brot und Meerwasser. Am Haupttor werden frühe Pilger der Tradition entsprechend willkommen geheißen: mit Raki, Kaffee und Lukumi, unglaublich süßen Geleewürfeln. Und wie seit ehedem werden auch sie kostenlos bewirtet werden. "Die Menschen", sagt Gottesmann Palamas, "haben vergessen, über den Sinn ihrer Existenz nachzudenken. Wir Mönche wollen Euch ein Beispiel dafür geben, dass auch heute ein spirituelles Leben möglich ist." Dann dankt er für das Interesse an seinen Worten und entschwindet mit wehender Kutte. Anreise: Auf eigene Faust nach Athos einzureisen, ist wegen der umfangreichen Formalitäten fast unmöglich.

Am angenehmsten verbindet man den Besuch mit einem Urlaub in Chalkidiki. Die Halbinsel mit den drei "Fingern" wird von vielen Reiseveranstaltern in Pauschalpaketen angeboten. An Ort und Stelle helfen deren Vertreter bei Organisation und Papierkrieg.

Literatur: Athos, der Heilige Berg, DuMont Buchverlag Köln (im Buchhandel vergriffen, nur noch in Bibliotheken erhältlich).

Auskunft: Griechische Zentrale für Fremdenverkehr, Wittenbergplatz 3"a, 10789 Berlin; Telefon: 217 62 62.Fides-Reisen bietet an:

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