Zeitung Heute : Eine amerikanische Mission

Malte Lehming

Er ist gereift. Seine Haare sind grauer geworden, die Gesichtszüge markanter, seltener als früher kaut er nervös auf der Innenseite seiner Wange herum. Auch seine Umwelt hat sich gewandelt. Sie ist milder geworden. Die Kritiker sind verstummt, die Opposition ist abgetaucht. Vorbei sind die Zeiten, als Witze über seinen Intelligenzquotienten gerissen wurden oder über seine Konzentrationsfähigkeit. George W. Bush, der vor einem Jahr an einem kalten, grauen Nieselregentag vor dem Kapitol in Washington ins Amt eingeführt wurde, gegen den demonstriert wurde und der als unbedarft galt und schwach, ist heute einer der mächtigsten und populärsten Präsidenten der US-Geschichte.

Die Zahlen sind signifikant. Mehr als 90 Prozent aller Amerikaner sind seit Wochen mit der Leistung von Bush zufrieden. Das sind die höchsten Werte, die seit Franklin Roosevelt und Harry Truman jemals erzielt wurden. Wenn das Vatersöhnchen aus Texas, wie damals über Bush gelästert wurde, heute erneut gegen Al Gore antreten müsste, würde Bush diesen haushoch schlagen. Das hat eine Umfrage ergeben. Selbst für die Rezession, die vor zehn Monaten begann, machen die meisten Amerikaner Bushs Vorgänger Bill Clinton verantwortlich. Und der aktuelle Finanzskandal um die Pleite des Energiegiganten "Enron" hat bislang keine politisch bedenkliche Komponente, die auf Bush oder das Weiße Haus deuten würde. Dass die Stimmung bald kippt, ist nicht abzusehen.

Von einem "wahren Wunder" spricht daher bereits die linksliberale "New York Times". In wenigen Monaten habe sich der leicht minderbemittelte Sohn aus einer begüterten Familie zum erwachsenen Präsidenten einer im Krieg befindlichen Nation gemausert. "Jeder sieht, wie selbstbewusst er in seinen Reden geworden ist", heißt es anerkennend. "Selbst wenn er frei spricht, kontrolliert er inzwischen die Kommunikation."

Weil aber trotzdem nicht sein kann, was nicht sein darf, werden die "stratosphärischen" Umfragewerte durch einen psychologischen Kniff minimiert. Mit ihrem Votum für Bush, mutmaßt die Zeitung, drücken viele Amerikaner aus, wie gerne sie in diesen schwierigen Zeiten eine starke Führungspersönlichkeit hätten. Sie projizieren ihre Hoffnungen auf den Präsidenten. In Wirklichkeit meinen sie nicht ihn, sondern sich.

Das Gewohnheitstier

Und was meint Bush? Der ist sich selbst kein Thema. Eine Frage wird ihm derzeit oft gestellt. Wie der 11. September ihn und sein Leben verändert habe, wollte unlängst ein Reporter vom 43. Präsidenten der Vereinigten Staaten wissen. Der dachte kurz nach, lächelte und antwortete: "Fragen Sie meine Frau. Ich weiß es nicht. Ich verbringe nur Zeit vor dem Spiegel, um mich zu kämmen."

Da war er wieder ganz der Alte, nicht staatsmännisch, sondern burschikos, nicht präsidial, sondern platt. Vom Grübeln und Reflektieren hält Bush halt wenig. Daran hat sich nichts geändert, wie überhaupt seine Gewohnheiten außerordentlich konstant geblieben sind. Ob Terror oder nicht: Der Präsident geht in der Regel vor 22 Uhr ins Bett, steht um 5 Uhr 30 auf, macht Kaffee und liest anschließend, gemeinsam mit der First Lady, die wichtigsten Zeitungen im Bett. Sein Büro, das Oval Office, betritt er gegen 7 Uhr, dann telefoniert er - wegen der Zeitverschiebung - mit ausländischen Regierungschefs, zunächst ist Asien an der Reihe, später Russland und schließlich Europa. Um 8 Uhr trifft er sich dann zur Lagebesprechung mit den Direktoren von CIA und FBI, danach folgt eine einstündige Sitzung mit den Mitgliedern des Sicherheitsrates. Und er treibt täglich Sport, entweder über Mittag oder gegen Abend, stemmt Gewichte und joggt auf dem elektrischen Laufband.

George W. Bush hat sich kein bisschen verändert, entgegnen folglich seine Anhänger. Der Republikaner mit der schillernd-vagen Philosophie des "compassionate conservatism" sei stets schlauer gewesen, als seine Deuter dachten, er habe von Natur aus Menschenkenntnis und Führungsqualitäten, er sei sicher im Urteil, optimistisch, entschlossen - und schon immer von den Intellektuellen unterschätzt worden. Für die sei der erfolgreiche Kriegspräsident jetzt "ein Geheimnis, das in ein Rätsel eingewickelt ist und sich in einem Paradox befindet", spottet eine konservative Kolumnistin. Und sie dreht den Spieß um: Weil plötzlich auch die Linken den US-Präsidenten respektieren, aber nicht zugeben wollen, dass sie sich in ihm geirrt haben, dichten sie ihm nun erstaunliche Metamorphosen und Reifungsprozesse an.

Wer hat sich nun verändert, Bush oder die Mehrzahl seiner Interpreten? Oder vielleicht beide? Womöglich hat er es seinen Kritikern bloß leicht gemacht, ihre Meinung über ihn zu ändern. Vor einem Jahr wusste er nicht, wie der Präsident Pakistans heißt, er schimpfte auf die Bürokratie in Washington, hielt Subventionen für falsch, verachtete die UN, legte sich ungeniert mit China und Russland an. Inzwischen ist Perves Musharraf ein enger Verbündeter, mit dem neu gegründeten Ministerium für "homeland security" wurde der Beamtenapparat vergrößert statt verkleinert, der Flugzeugindustrie griff Bush mit Milliardensummen unter die Arme, die Schulden an die Vereinten Nationen hat er beglichen, die Beziehungen zu China und besonders zu Russland haben sich prächtig entwickelt. Und wer geglaubt hatte, der Präsident sei lediglich eine Marionette, die an den Strippen seines Vize hänge, reibt sich ebenfalls die Augen: Dick Cheney scheint seit dem 11. September wie von der Bildfläche verschwunden. Schon kursiert die spöttische Frage, wer eigentlich leichter zu finden sei, Osama bin Laden oder der amerikanische Vizepräsident.

Kein Zweifel: Der 11. September hat dieser Präsidentschaft den Stempel aufgedrückt. Bush wird weder allein an seiner gigantischen Steuererleichterung gemessen noch an der Bildungsreform. Beide Wahlversprechen hat er gehalten und im Kongress durchgesetzt. Das ist beachtlich. Auch die negative wirtschaftliche Entwicklung wird nicht zum wichtigsten Beurteilungskriterium werden. Das bleibt auf lange Zeit der Kampf gegen den Terror. Bush weiß das. Seinen engsten Freunden hat er gesagt, dass er niemals ein so klares Ziel vor Augen hatte wie seit dem 11. September. Er fühlt sich von Gott dazu auserwählt, das Land durch diese harte Bewährungsprobe zu führen. Man täusche sich nicht: So empfindet er tatsächlich. In Camp David, wo das Kriegskabinett nach den Anschlägen an fast jedem Wochenende tagte, wurde vor dem Essen gebetet, und die Teilnehmer reichten sich die Hände.

In Amerika ist der Präsident Staatsoberhaupt und Regierungschef zugleich. Eine Arbeitsteilung wie zwischen Königshaus und Premierminister, Bundespräsident und Bundeskanzler, gibt es nicht. Bush muss weihevoll und zupackend sein, die Herzen bewegen und Entschlüsse fassen. Dieser doppelten Verantwortung ist er nach dem 11. September in erstaunlich professioneller Weise gerecht geworden. Erinnert sich noch jemand an die quälend lange Stammzellen-Debatte? Bush rang mit sich, holte Rat, rang wieder mit sich, holte noch mehr Rat. Das zog sich über Monate hin. Seit den Terroranschlägen fällt der US-Präsident beinahe wöchentlich Entscheidungen, die mindestens ebenso kompliziert sind.

Unmittelbar nach den Anschlägen galt es, die Vergeltungsbedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen, ohne blind zuzuschlagen. "Ich werde nicht Zwei-Millionen Dollar-Raketen in Zehn-Dollar-Zelte jagen und nebenbei ein Kamel in den Hintern treffen", sagte er. Knapp vier Wochen ließ er sich Zeit, bevor er am 7. Oktober die "Operation dauerhafte Freiheit" beginnen ließ. Die Konservativen tobten. Ohne Bodentruppen ginge das nicht, viel massiver müsse der Schlag sein. Bush hörte nicht auf sie. Wenige Wochen später tobten die Liberalen, weil wichtige Bürgerrechte dem neuen Sicherheitsdenken zum Opfer zu fallen drohten. Arabisch aussehende junge Männer wurden diskriminiert, Militärtribunale für ausländische Terroristen eingeführt. Wieder hielt Bush eisern Kurs.

Das ist typisch für seinen Stil: Von den Mitgliedern seiner Regierung verlangt er Geschlossenheit und Verschwiegenheit. Wenn Interna an die Öffentlichkeit dringen, wird er wütend. Sein auffälligstes Merkmal jedoch ist die Berechenbarkeit, die manchmal an Sturheit grenzt. Wenn Bush sich entschieden hat, bleibt es dabei. Basta.

Biblische Sätze

Vor einem Jahr übernahm er das neue Amt. Damals hielt er eine viel gelobte Inaugurations-Rede. Wirklich zum Präsidenten aber wurde er erst am 20. September, neun Tage nach den Terroranschlägen. In seiner Rede an die Nation vor beiden Häusern des Kongresses zeigte er sich entschlossen, die Herausforderung anzunehmen. Seine einfachen, biblisch aufgeladenen Sätze trafen den Nerv der meisten Amerikaner. "Die Freiheit und die Furcht befinden sich im Krieg", sagte Bush, "Gott ist in dieser Auseinandersetzung nicht neutral." Entscheidend war die Wirkung der Rede. An diesem Abend spürte die Fernsehnation plötzlich, was für ein Mensch in das höchste Amt des Staates gewählt worden war.

Solche Szenen sind prägender als jede Gesetzesinitiative. Vor laufender Kamera lief Bush eine Träne übers Gesicht, als ihm die Familien einiger in New York getöter Feuerwehrleute ihre Geschichten erzählten. Er besuchte die Arbeiter an "Ground Zero" und punktete erneut. Als er zu ihnen sprechen wollte, riefen sie ihm zu: "Wir können dich nicht hören!" Der Präsident antwortete: "Aber ich kann euch hören! Und der Rest der Welt kann euch hören! Und die Menschen, die diese beiden Türme einstürzen ließen, werden uns alle auch bald hören!" Die Arbeiter jubelten.

Ja, er ist gereift in den vergangenen Monaten, hat an Statur gewonnen und an Ansehen. Am 11. September hat er sein Ziel gefunden, seine Mission. Im November, auf dem Höhepunkt des Afghanistan-Krieges, unterhielt sich Bush an Bord der "Air Force One" mit zwei Reportern des Magazins "Newsweek". In dem Interview ließ er keinen Zweifel daran, dass mit einer Rückkehr zum politischen Alltag auf lange Sicht nicht zu rechnen sei. "Wir kriegen Osama bin Laden", sagte Bush, "vielleicht morgen, vielleicht dauert es drei Jahre oder zehn Jahre. Zusätzlich müssen wir sein Netzwerk bekämpfen, das über den ganzen Globus verstreut ist. Aber die Anti-Terror-Koalition wird nicht ewig halten. Und je weiter der 11. September zurückliegt, desto mehr Amerikaner werden die Sache für erledigt halten. Aber sie ist nicht erledigt. Sie ist nicht erledigt." Das Magazin vermerkt an einer anderen Stelle, dass es Falten auf der Stirn des Präsidenten gibt, die vor einem Jahr noch nicht zu sehen waren.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar