Zeitung Heute : Eine Botschaft als Visitenkarte

Alun Samuels und seine Kollegen von mma – einst im Exil – sind die ersten südafrikanischen Architekten, die eine Botschaft für ihr Land entworfen haben

Rolf Brockschmidt

„Ich habe eigentlich noch gar keine Zeit gehabt, um über den Erfolg richtig nachzudenken“, sagt Alun Samuels. „Es ist verrückt, dass sich beide Länder in so kurzer Zeit verändert haben, das war vor acht Jahren noch undenkbar.“ Der junge Mann, der wie er auch sagt, „wie ein typischer Weißer“ in Johannesburg aufgewachsen ist, sitzt in seinem kleinen Büro in der Grunewaldstraße in Schöneberg. Dass er einmal mit schwarzen Kollegen die neue südafrikanische Botschaft in Berlin planen würde, ist für ihn noch immer ein Wunder. Denn wenn auch sein Leben bis zum Abitur in ganz normalen Bahnen verlaufen ist, wurden dann doch ein paar Weichen anders gestellt.

„Nach der Schule kann man studieren oder man geht für zwei Jahre zur Armee. Ich entschied mich natürlich für die Universität – Elektrotechnik – aber nach einem halben Jahr habe ich gemerkt, dass das nichts für mich ist“, erzählt der Architekt. Zu der Zeit – immerhin fünf Jahre nach dem Aufstand von Soweto – wuchs an den Universitäten der aktive Widerstand. Damals hat Samuels noch ein wenig gearbeitet, aber dann musste er, 1982 war das, zur Armee nach Kimberley. „Dort ist mir das ganze System bewusst geworden. Ich fühlte mich benutzt, um ein System, das auf Ungerechtigkeit basiert, am Leben zu erhalten. Das ist paradox.“ Nach sechs Monaten durfte er zum ersten Mal auf Heimaturlaub gehen. Er ist dann gleich über die Grenze nach Gabarone in Botswana gefahren und hat sich dort mit dem African National Congress (ANC) in Verbindung gesetzt. „Ich habe ein Jahr in Botswana gelebt, obwohl man mich nicht als Flüchtling akzeptiert hat. Botswana hatte Angst vor Racheakten der Südafrikaner. Deserteure wurden anerkannt, aber meine ANC-Kontakte waren zu gefährlich" erzählt Alun Samuels mit seelenruhiger Stimme und man mag die Geschichte kaum glauben.

Dann wurden sie vom ANC gewarnt und aufgefordert, nach Tansania zu gehen. Es wurde zu gefährlich. Kurze Zeit später schon schlug Südafrika dann auch in Gabarone zu. Es gab viele Tote, darunter auch viele Freunde Samuels. In Tansania hat er daraufhin beim ANC damit begonnen, ein Lager als landwirtschaftliches Projekt aufzubauen. Zwei Jahre hat er dort gelebt. Dann stellte man ihn vor die Wahl: entweder bewaffneter Kampf oder ein Studium, um auf die Machtübernahme vorbereitet zu sein. Wegen seiner Probleme mit hierarchischen Strukturen hat er sich dann für ein Architektur-Studium entschieden. „Und dann gab es plötzlich für mich einen Studienplatz in Deutschland. Ich war sehr glücklich, der Malaria in Tansania entgangen zu sein.“

Doch damit war der lange Weg des Alun Samuels noch nicht am Ende. „Ich kam natürlich nach Ost-Berlin, wurde nach Freiberg geschickt, um Deutsch zu lernen und von 1985 bis 1992 habe ich dann an der TU Dresden Architektur studiert. Ich habe in der DDR angefangen und bin in der Bundesrepublik fertig geworden.“ 1992 wurde Alun Samuels amnestiert und durfte nach Südafrika zurückkehren. Dort sah er seine Eltern nach zehn Jahren wieder. Die hatten anfangs noch Besuch vom südafrikanischen Geheimdienst bekommen, ebenso seine ehemalige Schule und seine Lehrer. Doch mit der Zeit hatten sie das Interesse offensichtlich verloren. „Sie konnten nicht verstehen, dass ein Weißer wie ich diesen Weg gegangen war.“

In der ANC-Vertretung in Ost-Berlin hatte er dann seine heutigen Kollegen kennengelernt, Ghandi Maseko, der auch in Tansania war und in Weimar studiert hatte sowie Luyanda Mpahlwa. Der saß einige Jahre auf Robben Island im Gefängnis und hat nach seiner Entlassung in West-Berlin an der TU Architektur studiert. „Luyanda durfte ja reisen, wir nicht, wir hatten DDR-Ausländerpässe und unterlagen den gleichen Reisebeschränkungen wie die DDR-Bürger. Aber wir haben uns in der ANC-Vertretung in Ost-Berlin kennengelernt und häufig getroffen", erzählt Samuels.

Das Architekturstudium in der DDR habe sich nicht sehr von dem in der Bundesrepublik unterschieden, es war reglementierter und verschulter, aber im Prinzip habe man doch die gleichen Grundlagen studiert, sagt er heute.

1995 ist sein neuer Bekannter Ghandi Maseko nach Swaziland zu einem Freund gezogen, der dort ein Architekturbüro aufgemacht hatte. „Das war etwas ganz neues. Ein schwarzer Architekt mit eigenem Büro. Als wir dann erfahren hatten, dass Südafrika plant, in Berlin eine neue Botschaft zu bauen, haben wir gemeinsam das Büro mma gegründet, mit Niederlassungen in Kapstadt, Johannesburg und Berlin. Wir haben dann eine Idee entwickelt, die im Grunde so verwirklicht worden ist und haben uns einfach beworben.“

Sie rechneten sich einige Chancen aus – die drei Architekten, die in Deutschland studiert hatten. Und überdies hatten sie alle einen „entsprechenden“ Lebenslauf: Das Ministerium für öffentliche Arbeiten achtete nämlich darauf, dass Menschen bei Aufträgen bevorzugt wurden, die unter dem alten Regime zu leiden hatten. 1997 bekamen sie dann den Auftrag. Inzwischen hatte Luyanda Mpahlwa beim Bau der Nordischen Botschaften Erfahrungen sammeln können. Die Planung hatte sich dann noch hingezogen, der Raumbedarf bei 4000 Quadratmetern Fläche wurde mehrmals verändert, aber unabhängige Studien zeigten, dass die Lösung von „mma“ die optimale war. Inzwischen hatten sie auch die Residenz des Botschafters in Grunewald renoviert und andere Projekte in Südafrika übernommen. „Wir waren keine Anfänger mehr, als wir dann 2001 die endgültige Planung aufnehmen konnten“, erzählt Samuels nicht ohne Stolz. „Inzwischen werden auch unsere Büros in Südafrika vom Ministerium für Öffentliche Arbeiten bei schwierigen Problemen zu Rate gezogen.“

Samuels Idee war es, Kunstwerke am Bau einzusetzen, die Wandbilder von Tineke Meijer, das Holz, die Kieselsteinverzierungen, die Farbe an der Fassade. Das Haus sollte afrikanisch aussehen. „Grundlage der afrikanischen Auffassung von Architektur ist Schmuck“, erklärt Samuels. „Auch ein einfaches Haus hat Schmuck an der Fassade. Es kostet ja auch nicht viel mehr. Die Flächen müssen ohnehin bearbeitet werden.“ Das koste ein bisschen Zeit und ein paar E-Mails. „Kein südafrikanischer Architekt versteht, warum in Berlin eine hundert Meter lange Glasfassade so monoton aussieht. Die Funktionen hinter den Scheiben sind doch auch nicht alle gleich?“

Der Berliner Botschaftsbau ist inzwischen die Visitenkarte von mma, vor allem in Südafrika. Die letzte Botschaft wurde vor 27 Jahren gebaut, Alun Samuels und seine Kollegen sind die ersten südafrikanischen Architekten, die eine Botschaft für ihr Land entworfen haben. „Das alles hätte ich mir damals in Dresden nicht träumen lassen“, sagt er. Wie es nun weiter geht? „Mal sehen. In Berlin ist die Lage für Architekten katastrophal, aber Südafrika wird immer interessanter. Vielleicht ergibt sich etwas.“

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