Zeitung Heute : Eine Botschaft aus Amerika

Christoph von Marschall[Washington]

Die US-Diplomatie soll neu ausgerichtet werden. Dabei dürften auch viele Botschaftsstellen in Deutschland wegfallen. Wie könnte das die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und den USA verändern?


US-Außenministerin Condoleezza Rice plant eine kleine Revolution. Sie will die US-Botschaften und Konsulate in Deutschland und im übrigen Europa drastisch reduzieren und die US-Vertretungen in den Problemgebieten der arabischen Welt, Asiens und Afrikas ausbauen. Auch Stellen im Ministerium würden für Auslandsvertretungen umgewidmet, kündigte Rice in einer Rede an der Georgetown-Universität an.

Bis zu einem Drittel der insgesamt 6400 US-Diplomaten sollen in den nächsten Jahren betroffen sein. Als „Anzahlung“ würden bereits in diesem Jahr 100 Stellen von Europa und Amerika in Länder wie China, Indien, Nigeria und Libanon verschoben: „Heute haben die USA genauso viele Diplomaten in Deutschland, einem Land mit 82 Millionen Bürgern, wie in Indien, wo eine Milliarde Menschen leben.“ Der diplomatische Dienst sei noch geprägt von den Bedingungen des Kalten Krieges und müsse sich auf die neue Priorität der „transformational diplomacy“ einstellen.

Den friedlichen Wandel von instabilen und undemokratischen Staaten und Regimen hat Rice zur Priorität erhoben. „Die Hauptbedrohung kommt heute aus dem Inneren von Staaten, nicht mehr von Konflikten zwischen Staaten“, sagte sie – und nennt Terrorismus, Drogenschmuggel und Seuchen als Beispiele: „Der Charakter einer Regierung wird wichtiger als ihr Rang in der internationalen Machtverteilung.“

Ihr Staatssekretär Daniel Fried betonte in einer Telefonkonferenz mit deutschen Journalisten jedoch, die USA wendeten sich nicht von Europa und speziell Deutschland ab. „Wir haben eine große Übereinstimmung in der Außenpolitik“, von der Ukraine bis Iran. „Weniger als fünf Prozent“ der rund 2000 US-Diplomaten in Europa würden abgezogen. In Deutschland unterhalten die USA neben der Botschaft in Berlin fünf Konsulate in Düsseldorf, Frankfurt am Main, Hamburg, Leipzig und München. Dort arbeiten insgesamt 622 Amerikaner, von denen aber nur 466 dem State Department unterstehen, die übrigen anderen US-Ministerien, zum Beispiel Agrarexperten. Aufgaben der klassischen Diplomatie haben nach US-Angaben nur 172 Entsandte. Weder Rice noch Fried sagten, wo sie Personal kürzen wollen. Im Konsularbereich ist das schwierig, zumal die Anforderungen für einen Visaantrag nach den Anschlägen vom 11. September 2001 gewachsen sind und damit auch der Arbeitsaufwand. Noch in den 90er Jahren war das Konsulat in Frankfurt am Main wegen seiner vielen zusätzlichen Aufgaben, etwa im Militärbereich, mit über 500 Beschäftigten die zweitgrößte US-Vertretung nach Kairo – heute ist Bagdad Nummer eins.

Die Bedeutung der klassischen Diplomatie, des Gesprächs mit Regierungsvertretern und den Eliten der Gastländer, gehe zurück, sagte Rice. Wichtiger werde es, den Bürgern der Staaten direkt zu helfen, ihre Lebensumstände zu verbessern. Sie kündigte Konsequenzen für die Karriereplanung an. In Leitungspositionen werde nur noch befördert, wer auf gefährlichen Posten gedient habe, Erfahrung in mindestens zwei Weltregionen vorweisen könne und mindestens zwei Fremdsprachen spreche. Als Beispiele nannte sie Chinesisch, Urdu – eine der Sprachen Afghanistans – und Arabisch.

Ausgebaut werden sollen so genannte Ein-Mann-Vertretungen. „Es gibt rund 200 Städte weltweit mit mehr als einer Million Einwohnern, in denen die USA nicht diplomatisch vertreten sind. Dort spielt heute die Musik.“

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