Zeitung Heute : Eine Brise Deutschland

Von Geschäftsideen und Pekings Luftwiderstand

Harald Maass[Peking]

Begonnen hatte alles im Mai, als Li Jie die Sportnachrichten im Fernsehen sah. Der Bericht handelte von einem Deutschen, der die Luft der Fußball-Weltmeisterschaft in Tüten verkauft, Li Jie war begeistert. Über das Internet fand er ihn und seine Firma, ein kleines Unternehmen in Brandenburg, das während der WM „Stadionluft“ als Gag in Tüten vertrieb. Li schickte einen Brief, in dem er eine Zusammenarbeit anbot, und erhielt bald danach ein Päckchen mit 25 Luftproben.

Ein Bürohochhaus im Pekinger Norden, dritte Ringstraße, 10. Stock, graue Betonwände. „Botschaft des Mondes“ steht auf dem Messingschild an der Tür. Li Jie sitzt hinter seinem Schreibtisch. Er trägt einen etwas zu großen Nadelstreifenanzug. In der Hand hält er eine schwarz-rot-goldene Plastiktüte. „Da ist die Luft von der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland drin“, sagt er. Li Jie landete vor Gericht deshalb.

Er hatte große Pläne. „100 000 Lufttüten hätte ich in China verkaufen können“, sagt Li. 50 Yuan sollte eine Tüte kosten, fünf Euro. Chinas Fernsehzuschauer sollten die Luft während der Fußballübertragungen schnüffeln, so stellte Li es sich vor. Er verhandelte bereits mit Vertriebspartnern. Pekings Zeitungen berichteten in großen Artikeln über den Mann, dessen Luft angeblich nach „deutschem Rasen“ roch. Doch dann bekam Li einen Anruf vom Pekinger Verwaltungsamt der Industrie- und Handelskammer. Luft sei in China kein ordentlich registriertes Produkt, erklärten die Beamten. Der Verkauf seiner Tüten sei deshalb verboten. Li erhob Einspruch. Es kam zum Gerichtsverfahren. Die Behörden zogen für die Dauer der Fußball-WM Lis Geschäftslizenz ein.

„Im Grunde ist Karl Marx schuld“, sagt Li. Der kommunistische Vordenker habe einst geschrieben, dass Luft und Wasser keine handelbaren Güter seien. Und in den Pekinger Behörden halte man sich bis heute daran. Überhaupt seien kreative Geschäftsleute wie er in China benachteiligt. „In zivilisierten Ländern ist alles erlaubt, was nicht ausdrücklich verboten ist“, sagt Li. In China sei es genau anders herum. Die Behörden veröffentlichen eine lange Liste mit Gütern und Dienstleistungen, die gehandelt werden dürfen. Und weil Luft nicht auf diesen Listen seht, verstößt Li gegen das Gesetz.

Für Li, der in der Vergangenheit Übersetzungscomputer, Klappfahrräder und ein Wahrsageprogramm vertrieben hat, ist es nicht der erste Ärger mit den Behörden. Vergangenes Jahr erwarb er von einer Organisation in den USA die Vorkaufsrechte für 270 000 Mondgrundstücke und hängte das Messingschild an seine Tür. 298 Yuan, rund 30 Euro, sollte bei Li ein halber Hektar Mond kosten. Dazu gibt es eine Urkunde. „In Japan ist das Interesse an Mondgrundstücken sehr groß“, sagt Li. Doch die Behörden machten einen Strich durch seine Rechnung. Der Verkauf von Mondgrundstücken sei ein „Spekulations- und Schiebegeschäft“ und damit verboten, befand ein Gericht. Polizisten kamen in Lis Wohnung und beschlagnahmten alle Mond-Urkunden.

Auch den Prozess über die WM-Luft hat Li verloren. Die Probetüten aus Deutschland verschenkte er an Freunde. Doch aufgeben will er nicht. Das große Geschäft stehe noch bevor, sagt Li. „Bei den Olympischen Spielen 2008 will ich die Pekinger Luft verkaufen.“ Bis dahin will er die Behörden von seiner Sache überzeugt haben. Pekinger Olympialuft sei schließlich ein tolles Produkt, das sich weltweit vermarkten ließe. Allerdings: „Wir werden sie vorher filtern.“ Pekinger Luft ist schmutzig.

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