Zeitung Heute : Eine Brücke aus Mut und Macht

WALTHER STÜTZLE

Vieles ist die Luftbrücke - ungewöhnliche Leistung in einer ungewöhnlichen Situation, mutige Politik in höchst gefährlicher Lage, Ausdruck schließlich des Vertrauens in eine Zukunft, die wenig Gutes zu verheißen schien.Die Luftbrücke hat die Insel West-Berlin vor dem Untergang im sie umgebenden Meer einer freiheitsfeindlichen Ideologie bewahrt.Dunkle Zukunft von damals ist heute helle Vergangenheit.Aber die Freude darüber darf nicht größer sein als die Anstrengung, aus der Erfahrung von damals Sinnvolles für morgen zu machen.Gefahren für Freiheit und Frieden sind längst noch nicht dauerhaft überwunden, auch nicht in Europa.Verschoben haben sich die Orte ihres Auftretens, und verändert hat sich die Struktur ihres Wirkens.Lebendig sind existentielle Gefahren und Risiken, die räumlich zwar entfernt liegen von den Plätzen unseres Lebens, und doch Herausforderungen sind, die uns nahegehen und zu Konsequenzen veranlassen müssen.

1948 war die Luftbrücke Antwort auf den Versuch Moskaus, die politische Landkarte mit Gewalt zu verändern.Doch Berlin wurde gerettet.1998 leidet der alte Kontinent erneut unter dem Versuch, das Gewaltverbot zu ignorieren.Tschetschenien, Nagorny-Karabach - die armenische Enklave in Aserbaidschan -, Abchasiens Trennung von Georgien, Moldawien - vor allem aber die Zerstörung Jugoslawiens sowie der schon sieben Jahre währende kriegerische Konflikt auf dem Balkan: all dies sind Plätze, auf denen Politik in den Kategorien von Gewalt und Gegengewalt ausgetragen wird.Wohl hat das Ende des Kalten Krieges die Hauptkontrahenten in Akteure auf der Bühne der Kooperation verwandelt.Aber der Abschied der großen Mächte von der Politik der gegenseitigen Gewaltandrohung hat Kleinere nicht daran gehindert -, sie vielleicht sogar ermutigt -, nationalistischen Eifer mit international gefährlichen Mitteln zu verfechten.

Gewonnen hat dabei niemand etwas, aber viele haben alles verloren.Daß der Weg der Gewalt dennoch immer wieder eingeschlagen wird, zeigt, wie verkümmert die Bereitschaft ist, aus der Geschichte zu lernen.Im Kosovo läßt auch NATO-Partner Rußland Zweifel an seiner Lernfähigkeit aufkommen: Statt Milosevic an Moskaus abschreckende Erfahrung mit Gewaltpolitik zu erinnern, macht Rußlands Balkan-Politik taktische Winkelzüge zu Lasten des Friedens.

Die Luftbrücke bleibt ein Symbol für geschickte und erfolgreiche Politik in einer konfliktträchtigen Krisensituation: Menschen als Geisel zu nehmen, um machtpolitischen Hunger zu stillen, hat keinen Erfolg, trifft der Versuch auf entschlossenen Widerstand.Entschlossen - das heißt überlegt, aber auch mutig, die Gegen-Mittel orientiert an den Verhältnissen des Konflikts.1948 und 1961 hieß das, Moskau nicht auch noch die Westsektoren Berlins schlucken zu lassen.1991 veranlaßten die Umstände die Staatengemeinschaft, unter amerikanischer Führung die Bevölkerung im Irak vor dem Mord durch den eigenen Staatschef zu schützen.1998 zwingt das Erbe der Luftbrücke, keine weiteren Menschenleben dem Zerstörungstrieb von Milosevic anheimfallen zu lassen.

Die Abwehr des sowjetischen Versuchs, Berlin zu strangulieren, erinnert daran, daß Krisen-Beherrschung nicht nur des Muts, sondern auch der Fähigkeit zu schnell wirksamer Entscheidung bedarf.Harry S.Truman verfügte über beides: den Mut und die Macht.Überdies waren London und Paris auf seiner Seite - und das Recht! Trumans kompromißlose Haltung ist ein Ruhmesblatt in der Geschichte Amerikas.Berlin bewahrt zu haben ist eine historisch einmalige Leistung der drei Alliierten.Europa aber hat auch 50 Jahre nach der Blockade nicht den Mut, seine Kräfte so zu bündeln, daß es einer vergleichbaren Herausforderung aus eigenem Vermögen machtvoll begegnen könnte.Unverändert ist Amerika Europas stärkste Macht.Das zu ändern, aus Schlepptau-Verbündeten echte Partner werden zu lassen, ist Sache der Europäer, nicht der Vereinigten Staaten.In dem Umbau-Prozeß Europas dürfen Amerikas Verbündete sich nicht darauf beschränken, Konzepte und Pläne Washingtons zu ratifizieren.Moskau, den Blockade-Sünder von einst, zu einem Stützpfeiler der euroatlantischen Sicherheitsbrücke zu machen, ist heute die wichtigste Aufgabe.

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