Zeitung Heute : Eine Chance für Mitteleuropa

CHRISTOPH V.MARSCHALL

Die Deutsch-Tschechische Versöhnungserklärung ist ein wichtiger Schritt.Doch sie kann das persönliche Aufeinandertreffen einer Vielzahl von Menschen und ihr Gespräch nicht ersetzen VON CHRISTOPH V.MARSCHALL

Selten paßte das Wort aus dem Matthäus-Evangelium von dem, der nur den Splitter im Auge des anderen wahrnimmt, nicht aber den Balken im eigenen, besser.Bereits während der Debatte über die deutsch-tschechische Versöhnungserklärung hierzulande hätte ein mit den historischen Abläufen wenig Vertrauter den Eindruck gewinnen können, der Zweite Weltkrieg habe mit der Vertreibung der Sudetendeutschen begonnen, und die "Heim ins Reich"-Parolen der Henlein-Partei, das Münchner Abkommen, die Zerschlagung der Tschechoslowakei sowie der Besatzungsterror sei im Grunde eine überzogene Gegenreaktion des Deutschen Reiches gewesen. Und nun begibt sich die Landsmannschaft vollends ins Abseits, wenn sie mit keinem Wort die große Geste der tschechischen Seite würdigt: Diese bedauert nicht nur die Exzesse bei der Vertreibung, sondern bezeichnet auch die Zwangsaussiedlung selbst als Unrecht - obwohl die Alliierten sie im Potsdamer Abkommen beschlossen hatten.Dieses Bedauern schließt ausdrücklich eines der berüchtigten Benes-Dekrete ein, was der Ober-Sudete Neubauer geflissentlich abstreitet.Die Landsmannschaft hat offenbar nicht den Funken Gespür für eigene historische Verantwortung.Sie ist zu einer Klientel-Vertretung verkommen, die nur nach Entschädigung, Rückkehr- und Rückübertragungsrechten schielt.Eine solche Randgruppe ist die große Beachtung, die ihr die Öffentlichkeit schenkt, nicht wert.Die CSU ist zu fragen, ob sie sich nicht an den Interessen der deutschen Gesellschaft versündigt, wenn sie solchen Partikularwünschen den Vorrang einräumt.Wie mag dieses kleinliche Rechten wohl auf den großen Europäer und Humanisten Vaclav Havel wirken, der ungeachtet der Kleingeister, die es auch in seinem Lande gibt, seit Jahren immer wieder die Hand zur Versöhnung ausstreckte und der nun in einem Prager Krankenhaus um sein Leben ringt? Die selbstgerechten Mäkeleien hängen wie ein böser Schatten über einer Erklärung, die eigentlich Lob verdient hat: Denn sie ist zukunftsgerichtet, ohne darüber die dunklen Kapitel der Vergangenheit zu leugnen oder zu verharmlosen.Aber zugleich macht ihr Inhalt klar, daß Deutsche und Tschechen noch ganz am Anfang eines langen Weges stehen.Das letzte Drittel des Textes, in dem beide Regierungen die besondere Förderung von Jugendbegegnung und Sprachunterricht, von Denkmalpflege und Minderheiten vereinbaren, dazu die weitere Arbeit der gemeinsamen Historikerkommission an einem Geschichtsbild, das beiden Völkern gerecht wird, und manches mehr - das alles provoziert die Frage: Wie, ist das etwa noch nicht geschehen? Schließlich befinden wir uns im Jahre 1996, sieben Jahre nach dem Ende der Teilung Europas - und 23 Jahre nach dem Prager Vertrag, dem letzten der Ostverträge.Und in der Tat: Die Tschechische Republik scheint im toten Winkel der deutschen Wahrnehmung zu stecken, wie seinerzeit die sozialistische Tschechoslowakei.Bei der deutsch-polnischen Versöhnungsgeste, der Friedensmesse von Kanzler Kohl und Premier Mazowiecki im November 1989 in Kreisau, konnten beide Völker auf eine über Jahrzehnte gewachsene Vorarbeit vieler Gruppen der Gesellschaft zurückblicken: die Memoranden und Briefwechsel der Kirchen, einen regen Austausch von Wissenschaftlern und Gewerkschaftern, die private Begegnung von Millionen Menschen. Zwischen Deutschen und Tschechen muß dies erst wachsen.Versöhnung zwischen Völkern ist mehr als ein Papier - mag dessen Inhalt noch so klug sein.Weder Regierungspolitik, noch der gute Wille einer kleinen Elite kann das persönliche Aufeinandertreffen einer Vielzahl von Menschen und ihr Gespräch, aus dem sich Verständnis füreinander zu entwickeln vermag, ersetzen.Eigentlich dürfte eine Versöhnungserklärung nicht am Beginn eines solchen breite Schichten umfassenden Annäherungsprozesses stehen, sondern sie sollte ihn krönen.Dennoch könnte die verunglückte deutsche Debatte noch ein Gutes haben: Wenn sie nämlich der Gesellschaft die Augen dafür öffnete, was alles versäumt wurde.Und wenn die Unterzeichnung am 20.Dezember zum Startsignal würde, den tschechischen Nachbarn den Platz in der deutschen Politik einzuräumen, der ihnen zukommt - wegen der Geschichte wie der gemeinsamen europäischen Zukunft gleichermaßen.

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