Zeitung Heute : Eine Destination im Umbruch

GERD W.SEIDEMANN

Im Tourismus nach Südostasien werden die Karten neu gemischtVON GERD W.SEIDEMANN

Der Südosten Asiens als Reisedestination befindet sich im Umbruch.Thailand, das Massenziel der vergangenen Jahre, erlebt nach dem Höhenflug eine fast dramatisch zu nennende Krise.Malaysia, Indonesien und die Philippinen haben ebenfalls mit einem erheblichen Währungsverfall aufgrund wirtschaftlicher Probleme zu kämpfen.Vietnam hingegen ist als Reiseland im Aufbruch und hinterläßt bereits deutlich erkennbare Spuren auf der touristischen Landkarte.Laos, ja sogar Kambodscha ziehen Pauschaltouristen an, während Burma unter seiner Militärregierung und deren schlechten Ruf leidet, demnach als eins der fraglos reizvollsten Reiseländer Asiens (noch) von Touristen weitgehend gemieden wird.Allein China zieht allem Anschein nach unbeirrt seine touristische Bahn, mit kontinuierlichen Zuwächsen Jahr für Jahr. Thailand steht derzeit nicht nur innenpolitisch vor Turbulenzen, sondern gerät auch für die Tourismusbranche zum Problem.Ob es nur ein leichter Schwächeanfall ist oder ob sich daraus ein länger anhaltendes Leiden entwickelt, möchte heute niemand abschließend beurteilen.Hohe Handels- und Haushaltsdefizite, ein überhitzter Immobilienmarkt in Bangkok sowie ein allgemein unsolides Finanzgebaren in Wirtschaft und Verwaltung bescherten dem Land Mitte Juli einen Währungsverfall, der auch die strukturellen wirtschaftlichen Schwächen Thailands an den Tag legte.25 Prozent verlor der thailändiche Baht gegenüber Dollar und D-Mark.Prinzipiell gut für Touristen mit den somit härteren Devisen, möchte man meinen.Doch einem dadurch zunächst nur theoretischen Zuwachs an Touristen stehen in der Folge auch höhere Kosten etwa beim Marketing auf ausländischen Märkten gegenüber.Der in jedem Fall geringere Devisenstrom wird auch der Regierung in Bangkok nicht gefallen.Höhere Steuern auf touristische Leistungen sind deshalb nicht auszuschließen.Deutsche Reiseveranstalter gehen davon aus, daß sich Reisen nach Thailand, wenn überhaupt, nur unwesentlich verbilligen werden. Auch das Argument der günstigen Nebenkosten kann - immer im Vergleich zu anderen Destinationen der Region - nur in beschränktem Umfang gelten: Da Thailand zu den etablierten Zielen mit guter touristischer Infrastruktur gehört, haben sich auch die Preise im Land an die in der Regel proper ausgestatteten Budgets der Ausländer angepaßt.Selbst wenn die Mark in Thailand 25 Pfennig mehr wert ist als noch vor zwei Monaten - bei den Nebenkosten sind die aufstrebenden Nachbarländer noch weit zurück, Thailand ist also in der Region bereits ein "teure" Destination. Thailand hat von den Touristenströmen der vergangenen Jahre jedoch nicht nur profitiert, sondern auch unter ihnen gelitten.Viele Hotels wurden ausgequetscht, ohne das reinvestiert wurde.Für die marode Substanz spricht auch eine Reihe von Hotelbränden, bei denen in diesem Jahr 137 Personen ums Leben kamen.Wo Rentabilität vor Sicherheit kommt, fühlen sich Touristen auf Dauer nicht wohl.Auch Renovierung beziehungsweise Erhaltung von touristischen Sehenswürdigkeiten wurden stark vernachlässigt, Staat und private Unternehmen fanden keine Basis der Zusammenarbeit.Dennoch hat sich das Land große Ziele auf dem Sektor Fremdenverkehr gesetzt, eine der unentbehrlichen Stützen für eine wirtschaftlich (und sozial) gesicherte Zukunft Thailands.Mit einer groß angelegten Werbekampagne ("Amazing Thailand") sollen in den Jahren 1998/99 mehr als 17 Millionen Touristen ins Land gelockt werden.Werde dieses Ziel nicht erreicht, sehe es "schlecht" aus, setzte Premierminister Chavalit Yongchaiyudh sich und seine Landsleute unter Druck.Selbst wenn die Steigerung der Besucherzahlen gelingen sollte - 1996 kamen 7,6 Millionen ausländische Touristen ins Land -, der erhoffte Devisenregen von 22 Milliarden US-Dollar erscheint nach den jüngsten Entwicklungen am Devisenmarkt utopisch. Als Hauptrivale Thailands unter den "Neuen" auf dem asiatischen Reisemarkt wird Vietnam angesehen.Geoplan, Berliner Veranstalter und oft in der Vorreiterrolle im Asientourismus zu finden, sieht gute Perspektiven für das ehemals zweigeteilte Land: "Ein altes Land erwacht zu neuem Leben", heißt es in der Werbung.Die touristische Infrastruktur ist zwar noch eher unterentwickelt, aber gerade deshalb auch für manchen Pauschalurlauber nicht ohne Reiz, kann er doch die Touristenghettos Thailands kaum noch von denen anderer Ziele unterscheiden.Mehr als 1,6 Millionen ausländische Besucher verzeichnete Vietnam im vergangenen Jahr.In diesem Jahr sollen die zwei Millionen knapp erreicht werden, um die Jahrtausendwende rechnet man mit etwa drei Millionen.Auch wenn das Preis-Leistungsverhältnis in der noch unterentwickelten Hotellerie bisher nicht immer stimmt: Der Reiz des Neuen überwiegt, auch oder gerade bei deutschen Urlaubern.Vietnam setzt also auch auf den Tourismus.In den Städten entstehen bereits Hotels aller Kategorien, an den Küsten werden Ferienanlagen hochgezogen. Badeurlauber werden für den Nachbarn Laos keine Zielgruppe bilden können - dem kleinen Land fehlt die Küste.Laos, mit Grenzen zu Vietnam, China, Burma, Kambodscha und Thailand, wird sich also darauf beschränken müssen, seine - nicht unerheblichen - Sehenswürdigkeiten zu vermarkten.Noch steckt neben der wirtschaftlichen auch die touristische Entwicklung in den Anfängen.Doch im Sog der Anrainerstaaten kann auch Laos eine ordentliche Zukunft im Tourismus vorhergesagt werden.Erst kürzlich der ASEAN-Organisation beigetreten, setzt Laos auch auf die Kooperation mit den Nachbarländern, insbesondere bei der Ausschöpfung der touristischen Möglichkeiten entlang des Mekong-Flusses. Immer wieder am Anfang des touristischen Aufschwungs findet sich Kambodscha.Gewaltsame innere Konflikte werfen das Land ein ums andere Mal in der Gunst des internationalen Reisevolks zurück, zuletzt erst vor wenigen Wochen.Tummelten sich in den Tempelanlagen von Angkor Wat im Norden des Landes meistens einige hundert Touristen am Tag, herrscht dort jetzt absolute Ruhe.Auch wenn die Regierung in Pnom Penh die Lage im Land als "absolut sicher und stabil" einschätzt, melden Reiseveranstalter doch Stornierungen beziehungsweise Umbuchungen, etwa auf Laos oder Vietnam.

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