Zeitung Heute : Eine deutsche Mission

McKinsey im Haus, Kulturprogramme in aller Welt. Wie sich das Goethe-Institut in den Zeiten der Globalisierung neu erfinden soll

Peter von Becker

Reportagen sind das Theater des Journalismus. Sie brauchen Darsteller, brauchen die Verkörperung eines Themas. Aber wer verkörpert wohl das Goethe-Institut? Seine Präsidentin, sein Generalsekretär oder gar der Bundesaußenminister als oberster Dienstherr der 129 deutschen Kulturinstitute in derzeit 83 Ländern? Eigentlich sind diese Einrichtungen in aller Welt auch Missionen. Darum wäre, weil es ja um deutsche Kultur und im Kern sogar um die Vermittlung von Kunst gehen soll, ein missionarischer Künstler eine ziemlich starke Verkörperung. Zum Beispiel Schlingensief.

Christoph Schlingensief, der Regisseur und multimedial provokante Performer („Fickcollection, A. Hipler“), kämpft gerade mit logistischer Unterstützung des Goethe-Instituts São Paulo für das deutsche Musiktheater im Dschungel. Wo der unvergessliche Fitzcarraldo alias Klaus Kinski in Werner Herzogs Wahnsinnsfilm einst eine Oper am Amazonas gründen wollte, da steht im brasilianischen Manaus tatsächlich ein über hundertjähriger Bühnentempel längst verblichener Kautschukbarone. Hier will Schlingensief nun Richard Wagners „Fliegenden Holländer“ landen lassen. Premiere ist am Sonntag, und davor soll es noch eine Prozession von einheimischen Musikern, Karnevalisten und Sambatänzerinnen geben, zu Wasser und zu Lande, als rituelle Einstimmung auf Wagners „O Navio Fantasma“.

Wahrlich ein Dialog der Kulturen, von dem man „bei Goethe“ – so die institutseigene Abkürzung – immerzu träumt. Als wir Schlingensief zuletzt in einer Pause seiner Bayreuther „Parsifal“-Inszenierung trafen, rief er aus: „Ich bin Deutscher, und Wagner ist mein Mann. Wagner, nicht Mozart!“ Manaus und Wagner für Goethe und Deutschland, das bedeutet den Sprung vom Grünen Hügel in die Grüne Hölle. Ein sinnlicher Fortschritt. Heftig umschwärmen den Künstler die Negritos und Moskitos, und Schlingensief meldet sich aus den fröhlichen Tropen: „Die Pflanzen fressen schon die Mails auf!“ Einer wie er, denkt man, ist als Pionier und Enthusiast eigentlich unbezahlbar für die deutsche Kulturarbeit, so weit draußen in der Welt.

Ganz weit drinnen sieht es nämlich ganz anders aus. Seit bald zehn Jahren quält sich das Goethe-Institut, dessen Zentrale in nüchtern modernen Bürofluchten halbwegs an der Münchner Peripherie sitzt, mit wechselnden Sparauflagen – und der eigenen Neuerfindung. Was dabei in Kulturinstitutionen sonst nur als Menetekel gilt, der Warnruf „McKinsey kommt!“, das erscheint Goethe-Generalsekretär Hans-Georg Knopp inzwischen schon fast als Verheißung. Seit Februar untersucht ein Kenner von McKinsey die Münchner Zentrale. „Wir müssen hier so effizient wie möglich den Instituten draußen dienen“, sagt Knopp, ein sanfter, universell gebildeter Herr jenseits der 60, der in aller Milde doch auch ein strategiebewusster Kulturmanager ist.

Knopp war früher für Goethe-Institute in Asien und Amerika tätig, bis 2005 amtierte er als Chef des Berliner Hauses der Kulturen der Welt und trägt noch immer am liebsten das berlinische Intellektuellen- Schwarz. Mit Blick auf seinen McKinsey- Mann strahlt er freilich ganz helle Zuversicht aus: „Der soll bei der Reorganisation der Zentrale helfen und uns hier die unangenehmen Fragen stellen. Ziel ist eine Entschlackung der Verwaltung.“

Bisher wurden die unangenehmen Fragen vor allem an die 129 Auslandsinstitute gestellt, die von San Francisco bis Taschkent und von Porto bis Peking das Netzwerk der kulturellen Selbstdarstellung Deutschlands rund um den Globus spannen und damit den eigentlichen Daseinszweck der Organisation bedeuten. Dass man die knapp 300 Mitarbeiter in München um etwa 70 („sozial verträglich“) reduzieren möchte, ist so nur ein Teilaspekt der geplanten Gesamtreform.

Ein neues Grundsatzprogramm des Goethe-Instituts soll dazu bis zum Sommer erarbeitet werden. Längst aber kursiert im weltweiten Goethe-Kreislauf eine Vielzahl von Reformpapieren, in denen es mal um den Dialog der Kulturen in den islamischen Ländern oder die Positionierung in China geht, mal um klamme Umwidmungen oder Teilauflösungen von Instituten vor allem in Westeuropa. Das hat mit Haushaltskürzungen zu tun und wird doch zuallererst als „strategisches Umdenken“ in einer seit dem Ende des Kalten Krieges gewandelten und seit dem 11. September 2001 erschütterten Welt erklärt. Vorneweg von Jutta Limbach, der ehemals höchsten Bundesverfassungsrichterin und seit fünf Jahren Präsidentin des Goethe-Instituts.

„Wir müssen unsere Aufmerksamkeit global gerechter verteilen. Das alte Europa ist nicht mehr der Nabel der Welt, und es geht nicht weiter an, dass wir ein Drittel unserer Mittel in den 15 Ländern der alten EU ausgeben!“, sagt die Präsidentin beim Treffen in einem der feineren Münchner Brauhäuser, mit Ausblick auf das Bayerische Nationaltheater, das als nabeleuropäische Oper doch weltweite Ausstrahlung besitzt. Man habe seit der Wende, fährt Frau Limbach fort, neue Institute von St. Petersburg bis Hanoi eröffnet: „Da können wir bei gekürzten Zuschüssen nicht gleichzeitig sieben Vollinstitute in einem Land wie Italien behalten, wo sowieso schon so enge kulturelle und politische Beziehungen existieren.“

Kritiker allerdings werfen der Präsidentin vor, dass sich neue Horizonte und altes Europa nicht ausschließen dürften und dass man das deutsche Verhältnis zu Italien und das zu Vietnam selbst in Zeiten der Globalisierung kaum miteinander vergleichen könne. Auch intern kritisieren Goethe-Mitarbeiter, die nicht öffentlich benannt werden wollen, dass Limbach eher technokratische Sparmodelle der Politik diskutiere und exekutiere, als den nicht ökonomisierbaren Wert der eigenen Kulturarbeit offensiv zu verteidigen.

Dazu muss man wissen: Das Auswärtige Amt finanziert rund 165 Millionen Euro des jährlichen Goethe-Etats, der mit eigenen Einnahmen aus Sprachkursen, Veranstaltungen und Sponsorengeldern etwa 250 Millionen Euro beträgt. Angesichts eines Gesamthaushalts von 270 Milliarden Euro wendet der Bund für jene auswärtige Kulturarbeit, die Willy Brandt einst als „dritte Säule der Außenpolitik“ bezeichnete, also nur wenig mehr als 0, 5 Promille der Regierungsmittel auf.

Dass sich Deutschland nach zwei Weltkriegen und dem Holocaust wieder als aufgeklärte, demokratisch selbstkritische Kulturnation im Ausland präsentiert, verdankt es ganz wesentlich der Arbeit seiner Goethe-Institute. Dabei zeichnen sich Künstler-Gastspiele, Konferenzen, Ausstellungen und Workshops unter dem Goethe-Signum, im Unterschied zu den Aktivitäten von Kulturinstituten der meisten anderen Länder, durch ihre inhaltliche Unabhängigkeit von Regierungsprogrammen und PR-Vorgaben aus. Wer hier nun Aufwand und Mehrwert vergleicht, für den ist die simple Kosten-Nutzen-Relation phänomenal. „Billiger und besser kann man für Deutschland kaum werben“, meint der weitgereiste Dichter Hans Magnus Enzensberger. Mit demselben Tenor haben Wissenschaftler ebenso wie kulturell versierte Wirtschaftler, vom Soziologen Wolf Lepenies bis zum Industriellen Heinz Dürr, das Goethe-Institut bei einer Anhörung des Bundestages gegen einschneidende Sparpläne verteidigt.

Tatsächlich sind die freien, nicht durch feste Gehälter und Liegenschaftskosten gebundenen Projektmittel im Rahmen der staatlichen Zuweisungen bei rund 43 Millionen Euro eingefroren. Rechnet man hier die neuen Aufgaben vor allem in Osteuropa und Asien sowie die Inflationsraten ein, sind die freien Mittel in den letzten Jahren sogar um 25 Prozent gesunken. Selbst das prestigeträchtige Institut in Paris hat für sein Jahresprogramm keine 100 000 Euro mehr, in Amsterdam sind es gerade noch 20 000. Und in China, im Schaufenster der neuen Supermacht, präsentieren sich Frankreichs Kultur und Wissenschaft mit 40 Millionen, während die Deutschen für ihr China-Jahr 2007, das die Bundeskanzlerin demnächst einläuten soll, unter der Goethe-Flagge inklusive eines Sonderetats kaum mehr als 400 000 Euro aufbringen.

Nun ist Geld im Leben der Kultur nicht alles. Aber vor der Welt bloß im Sparstrumpf zu tanzen, wirkt weder angezogen noch anziehend. Bei aller Misere hat das Goethe-Institut schon gejubelt, als der Bundestag letzten Herbst nach jahrelangen Kürzungen erstmals eine Erhöhung der institutionellen Mittel um 13,5 Millionen Euro beschloss. Den Ruck verdankt man einer parlamentarischen G3-Gruppe: der parteiübergreifenden Initiative der Abgeordneten Monika Grütters (CDU), Monika Griefahn (SPD) und Peter Gauweiler (CSU). Gauweiler sagt, bei solchen Summen gehe es doch vergleichsweise nur um einen Tag Auslandseinsatz der Bundeswehr, und für den ganzen weltweiten Goethe-Etat baue man gerade mal ein Autobahnkreuz. Griefahn und Grütters betonen zudem, dass das Goethe-Institut weiterhin „strukturell unterfinanziert“ sei, mit „blamablen Folgen“ für Deutschlands Auftreten im Ausland.

Goethe-Generalsekretär Hans-Georg Knopp nennt das mit sanft-listigem Lächeln eine neue Strategie, statt des Konflikts mit dem Ministerium das Verständnis bei den Kulturpolitikern und Haushältern im Bundestag zu suchen. Trotzdem fragen wir Jutta Limbach im Münchner Bräu, warum sich die Präsidentin angesichts der Geldnöte und peinlicher Institutsschließungsdebatten von Skandinavien bis Sizilien nie öffentlich und vehement, wie einst ihr Vorgänger Hilmar Hoffmann, vor ihr Institut stelle. Auch sie lächelt sanft: „Knopp und ich, wir haben nicht aufgeschrien. Weil wir, statt Flagge zu zeigen, lieber Erfolg haben.“

Das klingt nach einem nüchternen Triumph, passend zum Mittagsbrot mit Weißwurst und Wasser. Frau Limbach, die wohl mehr politisch als kulturell gebildete Juristin, will nicht die Jutta Courage des Goethe-Instituts spielen. Eher die schlaue Eminenz in den Kulissen. Aber offen „und gerne zum Zitieren“ sagt sie dann doch: „Seit dem Regierungswechsel 2005 hat sich für uns der Wind gedreht. Außenminister Frank-Walter Steinmeier sieht die Probleme des Goethe-Instituts, und er ist eine klare Verbesserung gegenüber Joschka Fischer.“ Der habe gerne von Kultur und Menschenrechten geredet, aber nichts für die Kulturinstitute getan. Während Steinmeier sich bei seinen Auslandsreisen häufig in den Goethe-Niederlassungen informiere, habe Fischer in sieben Jahren ein einziges Mal vorbeigeschaut. Limbach: „Unsere Sorgen gingen bei ihm zum einen Ohr rein und zum anderen raus.“ Sie fügt hinzu, dass man für 2008 „zehn Millionen Euro mehr an Projektmitteln“ brauche und sie dies jetzt verhandle.

Ein Problem freilich, äußert ein Mitglied der G3-Gruppe mit belegter Stimme, „ist die latente Kulturfeindlichkeit im politischen Milieu“. Knopp und Limbach haben diesen Konflikt nie wirklich benannt. Auch nicht die Konkurrenz mit dem vorgesetzten Auswärtigen Amt und seinen Diplomaten. Kenner zählen einem die Hauptstädte auf, in denen die deutschen Botschaften mit weitgehend überflüssigen Kulturattachés bestückt sind, während die weit effektiveren Goethe-Institute am Ort ihr Personal entlassen müssen. Da wäre ein Sparpotenzial in Steinmeiers Etat, über das mit ihm offenbar noch niemand gesprochen hat.

Klaus-Dieter Lehmann, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin und im Goethe-Präsidium Jutta Limbachs Vize, meint dazu nicht ohne Kritik an die eigene Adresse: „Die Kultur muss gegenüber der Politik wieder mehr Selbstbewusstsein zeigen. Sie hat nicht immer nur zu bitten, sondern etwas zu bieten, nämlich Kreativität, Fantasie, Selbstreflexion. Davon ist im Goethe- Institut inzwischen zu wenig die Rede.“ Und Lehmann fügt an: „Wir müssen uns hüten vor dem britischen Modell!“

Dieses Modell verkörpert der British Council (BC), die englische Schwester des Goethe-Instituts. Jetzt sagt Michael Bird als Chef der Berliner Hauptstadtniederlassung des BC in einem internen Papier: „Der British Council wird in Europa nicht mehr als traditionelles Kulturinstitut mit einem Standardangebot aus den Bereichen Kultur, Bildung und Wissenschaft fungieren.“ In Berlin, das ist noch nicht öffentlich, wird man deshalb das eigene Haus am Hackeschen Markt aufgeben. Weil sich Großbritannien künftig vor allem in den Boomregionen Asiens präsentieren will, sucht man in Europa die kostensparende Zusammenarbeit mit EU-Partnern im Rahmen einer neuen European Union of National Institutes for Culture (EUNIC). Dabei soll „Kultur“ nur noch ein Nebenthema sein, die neuen Leitbegriffe des BC heißen „Migration, Mobilität, Identität und Extremismus, globale Wettbewerbsfähigkeit und Klimasicherheit“. Das Institut wird so zum direkten Instrument der britischen Außen-, Gesellschafts- und Wirtschaftspolitik.

Am Beispiel des Goethe-Instituts im kulturellen Kernland Italien sieht man gleichsam unter der Lupe Licht und Schatten rigoroser Strukturreformen. So ist es durchaus ein Gewinn, wenn in Genua statt des aufwendigeren deutschen Einzelhauses ein gemeinschaftliches Kulturzentrum zusammen mit Franzosen, Briten oder Österreichern entsteht. Oder wenn die Bibliothek des Goethe-Instituts in Rom mittlerweile eine vielsprachige, kostenmäßig mit Partnereinrichtungen geteilte „Europa-Bibliothek“ geworden ist. Wenn aber in der Millionenstadt Neapel aus einer eigenständigen attraktiven Einrichtung mit großer Bibliothek eine Art besseres Außenbüro von Rom werden soll, dann verkennt das den Charakter Italiens und verletzt, sucht man dort überhaupt Partnerschaften, den Stolz einer kulturell souveränen, sich auch als Brückenkopf Europas zu Nordafrika verstehenden Mittelmeermetropole.

Von Europas Kultur mit ihren eigenen Widersprüchen, die doch unsere Basis ist, geben die kursierenden Goethe-Konzepte im Moment noch so wenig eine Idee wie von den Kultur- und Wertkonflikten etwa mit der islamischen Welt, die man mit dem Vademecum weicher Diskurse, Dialoge, Symposien zu heilen hofft.

Vor allem stellen sich Goethe-Mitarbeiter die Frage, ob neben dem Kerngeschäft deutschen Sprachunterrichts die klassische Kulturvermittlung durch Dichter, Musiker, Theaterleute und bildende Künstler nicht zunehmend ersetzt werden soll durch eher sozialtechnokratische oder wirtschaftsnahe Inszenierungen. Früher, zu konservativen Kohl-Kanzlerzeiten, war es der Stolz des Instituts, mit anarchischen oder linken Künstlern im Ausland zu prunken, mit Beuys oder Staeck, mit Kroetz oder Grips, dem in West-Berlin einst umkämpften roten Kindertheater, dessen Stücke dank des Goethe-Engagements von Lateinamerika bis Indien zu Exportschlagern wurden.

Auch heute gibt’s natürlich noch, sagen wir: Schlingensief. In Kooperation mit dem Goethe-Institut São Paulo. Aber Bruno Fischli, viele Jahre Goethes Regionaldirektor in Brasilien, sagt heute als Leiter der Kunstabteilung in der Münchner Zentrale: „Dass die Politik die Kultur als repräsentatives Marketinginstrument versteht und die Programmhoheit des Goethe-Instituts einschränkt, ist kein Tabu mehr. Es ist sogar das Ziel.“

Nicht Außenminister Steinmeiers Ziel, „doch das seiner Bürokraten“. Auch Generalsekretär Knopp will nun Steinmeier für diesen Grundkonflikt sensibilisieren. „Ich weiß, wir müssen die Politik stärker fordern. Aber es geht aufwärts, und wir sind auf dem richtigen Weg!“ Jetzt fliegt er erst mal zu Schlingensief nach Manaus. Der Optimist in Schwarz.

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